Messer – Die Unsichtbaren

von am 16. November 2013 in Album, Heavy Rotation

Messer – Die Unsichtbaren

Wer sich angesichts der (mit durchaus befremdlich wirkendem Spex/Porno-Look ausgestatteten)  Vorabveröffentlichungen Sorgen machte, dass die derzeit wahrscheinlich beste Postpunkband Deutschlands sich selbst die Latte zu hoch gelegt haben könnte,  dem gibt ‚Die Unsichtbaren‚ nun nicht nur Entwarnung: Messer haben im Vorfeld tiefgestapelt.

Das hat damit zu tun, dass das großartige ‚Neonlicht‚ nun im Albumkontext noch weitaus stärker zündet als auf sich alleine gestellt, die Münsteraner dazu mit dem ebenfalls vorweggeschickten ‚Die kapieren nicht‚ – dieser Beschleunigungshit mit Monstergroove par excellence, samt seiner bis zum sauberen Exzess gesteigerten, so perfekt auf den Punkt kratzenden Gitarrenschramme, davor Chefcharismat Otremba als seine eigene Backing-Unterstützung – noch nicht einmal ihr zugkräftigstes Aushängeschild ins Rennen geschickt haben. ‚Die Unsichtbaren‚ legt in dieser Schiene und weiterer Folge nämlich geradezu mühelos nach, tänzelt geschickt um die Bürde ‚Im Schwindel‚ ohne offenbar je etwas von der Mär des „schwierigen zweiten Albums“ gehört zu haben und spielt deswegen mit seinem Titel im Rücken die Realität mit einer ordentlichen Portion Understatement aus: um diese Band kommt spätestens jetzt niemand mehr herum.

Der Entwicklungsschritt den Messer dabei innerhalb nur eines knappen Jahres vollzogen haben ist ein gehöriger. ‚Die Unsichtbaren‚ ist wie bereits vermutet erwachsener oder aber zumindest weniger explodierend ausgefallen als ‚Im Schwindel‚, nicht so überfallsartig geraten, verzichtet auf den juvenilen (und mit dem überrumpelnden Überraschungsmomentum ausgestatteten) Sprengkraft-Willen alles mit einem Atemzug zerreißen zu wollen, ist mehr Wave-Rock als Punk. Auch, weil Messer ihren kongenialen Produzenten gefunden haben. Tobias Levin hat dem Quartett einen druckvollen Sound auf den Leib geschneidert: trocken und feingliedrig massiv ist dieser, ohne dick auftragen zu müssen; ein unterkühlter Noir-Schimmer umgibt die Platte, die gesäte Melancholie der Band vertreibt jede Kälte. ‚Die Unsichtbaren‚ ist dadurch als Ganzes ein wenig homogener und in sich geschlossener als sein Vorgänger, runder, zugänglicher und verträglicher, dazu: durchwegs tanzbarer, weil noch rhytmusbasierter, systematischer in all seinen Verneinungen vor den richtigen Vorbildern den 80ern (The Cure! Joy Division! Fehlfarben! Ton Steine Scherben!etc.!), dabei dunkler und kryptischer, womit bisweilen auf elegante Art bedrohlich und verrucht zugleich (an dieser Stelle deswegen: so gehen adäquate Artworks!). Eben: rundum reifer.

Etwa ‚Staub‚ führt dabei unumwunden eine der perfektionieren Stärken der Messer-Gang vor: die atemlos tight verschweißte Rhythmusgruppe (ernsthaft: gibt es aktuell in hiesigen Breitengraden eine bessere?) hält jeden Songs als kraftvoller Unterbau enorm kompakt zusammen, während Schaumburg mit seine Gitarre darüber seine konzentrierten Spielchen treibt, für die andere Bands Keyboard, Synthie oder sonstige Zusatzbausteine einbauen müssten, während Otremba dem Ganzen nach bewährter Art (aber weniger konkret artikulierend) seinen Fingerabdruck angedeihen lässt. Freilich wäre das ohne die entsprechenden Songs wenig Wert. Und eben diese grätschen genüsslich mitten hinein in die Eingangs erwähnte, eigentlich vorab geklärt geglaubte Frontenlage: ‚Neonlicht‚ bleibt zwar die sehnsüchtig funkelnde Hymne der Platte (auch wenn sich der 6-Minüter ‚Süßer Tee‚ der Herausforderung stellt und daran als vergleichsweise schwächster Song versöhnlich scheitert), ‚Die kapieren nicht‚ aber nunmal gar nicht zwangsläufig der unmittelbarste Hit der Platte – denn genau mit solchen haben Messer auch ihr Zweitwerk praktisch nahtlos vollgestopft.
Das Versteck der Muräne‚ ist ein bedingungsloser Ohrwurm, der Robert Smith heutzutage vor Neid vergehen lässt, während Pogo seinen Bass im Finale hyperventilieren lässt und Otremba mutmaßlich im flirrenden Ejakulations-Zwielicht seine Betrachtungen entwirft. ‚Es gibt etwas‚ schnepft gnadenlos nach vorne treibend gleich noch problemloser in die Gehörgänge und steht dennoch im Schatten des überragenden Feuerwerks ‚Platzpatronen‚: da legen Messer zuerst wieder eine falsche Fährte aus, knüpfen dann inhaltlich aber bisweilen indirekt den Faden von ‚Fieberträume‚ weiter („Träum mich in eine Welt die ich nicht haben kann/ Hol mich einfach hier raus/Und hilf mir irgendwann!„) und bauen letztendlich gar Reminiszenzen an „Gassenhauer“ ein – vor allem aber ist da schon wieder so eine unverschämt springenden Pogo-Killerbass-Linie, in alle Richtungen gleichermaßen austeilt: zum Niederknien.

Tollwut (Mit Schaum vor dem Mund)‚ schält sich aus dem Trancezustand in einen stampfenden Exzess der ungefähr so klingt, als hätte der Black Rebel Motorcycle ClubTake Me Out‚ am Rande der Psychose zwischen Partysong und Mitternachtsgebet ausgespien; ‚Tiefenrausch‚ ist so lange ein verstörend bockiger, ungemütlich quergetellter Song der die eigene Hand vor Augen nicht mehr sehen will, bis Messer in der letzen Minute plötzlich die Hüften kreisen lassen um den verzweifelten Shuffletanz anzureißen. Mittlerweile gehen Kunst und Rock aus dieser Schmiede eben auch ohne Ambientgedicht problemlos (und weiterhin unaffektiert) Hand in Hand, plötzliche Kehrtwendungen im Songwriting können dazu jederzeit passieren, wie auch der astreine The Cure-Appendix im stoischen seine Bahnen ziehenden Klasse-Opener ‚Angeschossen‚ ganz wunderbar vorführt.
Am Ende liegt der schönste Moment eines Zweitwerks mit all seinen punktgenau positionierten Zutaten aber trotz allem zwischen den Zeilen: wenn die Vermutung Gewissheit wird, dass man sich gar nicht entscheiden muss, ob ‚Die Unsichtbaren‚ den roheren Jetzt-schon-Instant-Klassiker ‚Im Schwindel‚ in seiner Funktion selbst gelegte Leistungslatte nun meistert, weil das Quartett aus Münster bereits ein neues Kapitel ihrer jungen Geschichte aufgeschlagen hat: Messer trinken die Luft der Nacht„, denken ihren Sound konsequent weiter und sind nicht mehr dort, wo sie noch 2012 waren – sie sind längst in der von ‚Im Schwindel‚ in Aussicht gestellten verheißungsvollen Zukunft angekommen.

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