Middle Class Rut – Pick Up Your Head

von am 6. Juli 2013 in Album

Middle Class Rut – Pick Up Your Head

Zack Lopez und Sean Stockham stehen immer noch mit beiden Beinen fest im Alternative Rock der 1990er, haben dank ihres zweiten Albums aber den Blick vom kleinen Club in Richtung der großen Festivalbühnen gelenkt. Womit Middle Class Rut offenbar plötzlich als die Konsensband der Stunde dastehen.

Verwunderlich ist das eigentlich nicht. ‚Pick Up Your Head‚ setzt dort an, wo die Vorabsingle ‚Aunt Betty‚ den Mund wässrig gemacht hat, und tritt zumindest 10 weitere potentielle Singles hinten nach. Diese klingen im Grunde immer noch nach den Middle Class Rut, die 2010 mit ‚No Color No Name‚ für gehöriges Nischen-Aufsehen sorgten: Zack Lopez erinnert an einen energisch pressenden Perry Farell, Sean Stockham brüllt immer noch leidenschaftlich bei jeder Gelegenheit in das Geschehen und gemeinsam musizieren die beiden immer noch soviel dicker, als man das einem Gitarre/Schlagzeug- Duo zutrauen würde. Wobei ‚Pick Up Your Head‚ ab hier doch deutlich weiter geht als der Vorgänger: Mixer Dave Sardy hat geholfen den beiden Kaliforniern einen hallschwangeren Sound auf den Leib zu schneidern, der als bombastisch fetter Rock durchgehen kann. Angenehmerweise verzichten Sardy, Lopet und Stockham dabei auf jeglichen Streicher- oder Bläser-Bombast, der derartige Steigerungsversuche beim so gerne schwierigen zweiten Album oftmals zukleistert. Trotzdem kein Wunder also, dass Middle Class Rut das aufgebotene schweißtreibende Brimborium Live nur noch zu fünft stemmen können.

Dennoch verwundert der aktuelle Hype um ‚Pick Up Your Head‚ über weite Strecken. Das Zweitwerk der Band hat unabstreitbar zündende Melodien und Hooklines, groovt dazu tonnenschwer – tut dies über weite Strecken aber geradezu ermüdend gleichförmig, funktioniert bei zumindest zwei Drittel der Songs permanent nach dem selben Muster: Middle Class Rut stampfen in verschiedenen Geschwindigkeitsstufen mit stapfenden Hardrock-Rhythmen, die energiegeladen von einem Bein aufs andere treten, unterstützen dies mit monoton repetierenden Monster-Riffs, der Kopf nickt dazu schwer. Ja, das ist stoisch, manchmal sogar geradezu cool, vor allem aber eben zweckmäßig funktionierend. Ein Schlachtplan muss hier weitestgehend genügen, da machen auch leichte Variationen in der immer gleichen Methodik keinen Unterschied: ‚Leech‚ ist Tweak Bird-affiner Sludge mit Arena-Ambitionen an der Grenze zu Kasabian, der Titelsong flirtet mit psychedelischen Ansätzen, und ‚Police Man‚ hat die beste Zeile der Platte: „You better stay away she’s a police man.Weather Rein‚ erklärt hingegen in knapp drei Minuten nicht nur anhand eines quiteschenden Tom Morello-„Solos“, warum all die irreführenden aber doch auch berechtigten Rage Against The Machine-Vergleiche nach ‚Aunt Betty‚ weiterhin bestand haben, sondern zeigt mit seinem penetranten Allzweck-Refrain auch, warum beinahe jeder Song auf ‚Pick Up Your Head‚ ebenso schnell nerven kann, wie er sich gnadenlos in den Gehörgängen einnistet. Trotzdem:

Am besten sind Middle Class Rut deswegen immer, wenn sie sich von dieser Formelhaftigkeit zumindest ansatzweise entfernen. In dem ungemein punkig und ungestüm lospolternden Mottosong ‚Born Too Late‚ oder  dem ähnlich gearteten Gaspedaldrücker ‚You Don’t Belong‚ etwa. Vor allem auch im sehnsüchtig marschierenden Highway Rocker ‚Dead Eye‚, in dem sich die Band mit fließender Akustikgitarre bewaffnet ausnahmsweise zurücknimmt, und sich ohne Brechstange weiten Horizonten öffnet. ‚Cut The Line‚ poltert dagegen mit pochender Schlagzeugverspultheit industriell am kalifornischen Surferstrand und reibt sich letztendlich begeistert an seinen mächtigen Gitarrenlinien auf. Dass Middle Class Rut mit ‚Take a Shot‚ die obligatorische Ballade an den Schluß stellen um nachdenklich zu entlassen ist dann zwar wieder ordentlich klischeemäßig und auch kein herausragendes Beispiel für das praxisnahe Songwriting von Lopez und Stockham, aber dennoch ein versöhnlicher Abschied.
Aus einer Platte, die per se keinen unbedingt schwachen Song unter all seinen eingängigen Hits beherbergt – sich am Stück gehört allerdings auch irrsinnig schnell in ihren eigenen Ambitionen und dem mühsamen Tatendrang erschöpft. Die glatte Explosivität hinter ‚Pick Up Your Head‚ tönt bombastisch, verpufft aber ( vor allem angesichts all der Lobpreisungen) erstaunlich substanzlos. Live mag das durchaus ekstatisch zünden, die druckvoll aufbereiteten Konserve funktioniert nach entgegenkommender Unterhaltung in erster Linie jedoch als kurzweiliger Erinnerung, die Vorbilder von Middle Class Rut mal wieder ausgiebig rotieren zu lassen.

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