James Blake – Trying Times
James Blake ist nach einigen den Weg ebnenden Singles mit seinem siebten Album erfolgreich (wenn auch mit Unterstützung von Virgin) in ein neues Leben als Independent Artist gestartet. Wohin die Reise von hier aus weitergehen soll, dessen ist sich Trying Times allerdings letztlich noch nicht so ganz sicher.
Zumindest bietet er seinem Trademark-Sound ein paar (bisweilen im Ganzen auch ziellos anmutende) Impulse und Optionen auf, ohne bereits jetzt eine wirkliche Zäsur in seinem Schaffen vom Zaun zu brechen. Alleine schon, indem Blake nach der elektronischen Wurzelsuche Playing Robots into Heaven ganz generell ein gesteigertes Interesse an traditionellen Instrumenten kundtut (so viele Gitarren oder organische Drums hatte wohl noch keine Platte des wieder nach London zurückgezogenen Briten zu bieten), sich dem Soul phasenweise näher denn je fühlt, seine Stimme bis zu einem gewissen Grad aus der abstrahierenden Klangpalette nach vorne holt, und einige seiner diesmaligen Kompositionen deutlicher als Singer Songwriter erschaffen hat.
Diese Prägungen manifestieren sich am deutlichsten in den beiden herausragenden Highlights der Platte: Das Titelstück schmilzt erbarmungswürdig als absolut wundervolle Schönheit dahin, den verträumten Background zu Bläsern und einer erhebend gefühlvollen Hingabe führend, flehend und beschwörend, derweil Make Something Up Blake mit entspanntem Groove auf einem kraftvoll strahlenden Podest des Gemeinschaftsgefühls für die Arena tauglich zeigt.
Das sind schonmal all-in gehende Ansätze, die verdammt viel Potential für die Zukunft zeigen. Sie fesseln auch einen Spielfluss, der seine Variabiliät einem roten Faden folgen lässt, ohne zu streng mit seinen Freiheiten zu sein.
Trying Times lebt sich so in seine Wohlfühlzone gesuhlt aus, phasenweise exzellent. Gerade in der Eingangsphase, die bis zu diesen Karriere-Sternstunden bereits mit der okayen Downtempo-R&B-Beatbastelei Walk Out Music, die ihre wummernden Synths als Loops schiebt, sowie der (bereits 2020 entstandenen und daraufhin einige Male auch live gespielten) Gospel-Hip Hop-Majestät Death of Love, die mit schnipselndem Bass und Chören gewissermaßen Assume Form fortsetzt, absolut stark eröffnet.
Auch die zwei klarsten Vintage-Liebeserklärungen der Platte (das andächtig wogende und letztlich im pastoralen Druck erblühende I Had a Dream She Took My Hand sowie das sich mit Streichern sehnende, keine Angst vor mäandernden Kitsch habende Didn’t Come to Argue, das zur Mitte loslässt und in Nonchalance mit Monica Martin locker pluckert) sind gelungen, bevor die Platte über Days Go By (eine Dizzee Rascall-Verneigung, die im UK Bass-Remix zu sinfonisch erhebenden Arrangements tänzelt) und Doesn’t Just Happen (ein trostlos an Batman zu Gameboy-Zeiten gemahnender Standard, dem Dave als Revanche für vergangenes Jahr dezent deplatziert frische Impulse verpasst) aber an Linie verliert, derweil der ohnedies lose Spannungsbogen zerfällt und das Material leider weniger zwingend wird.
Obsession dreht sich als Interlude am Piano im Kreis – stimmig für sich, doch im zu langen Kontext redundant werdend. Rest of Your Life sehnt sich von Sade aus nach dem hibbelig flimmerndem Club, bei dem auf stampfenden Post-Burial-Tanzflächen alte Videospiele im Neonlicht gespielt werden – ästhetisch soll dieser Ausflug für Dynamik sorgen, kompositorisch bleibt er aber dünn. Mit dem minimalistischen Rhythmus-Gerüst Through the High Wire, das hintergründig auf ambiente Klangmalerei setzt, empfiehlt sich Blake als potentieller Gorillaz-Kollaborateur und Feel It Again bedient sich am Baukasten als klassisches Sinnieren über den Tasten mit latent retrofuturistuschem Flair – ein innehalten vor dem Abschluss, das sich bereits eher wie der Epilog hinter einem unspektakulären Finale anfühlt. Zumal Just a Little Higher das filmisch erhebende Kitsch-Conclusio Finale nur bedingt befriedigend andeutet, sich Zeit lässt, um aus der in sich gekehrten Schüchternheit zu trauern. Was sicher subversiver ist, als es beispielsweise das dick auftragende Like the End gewesen wäre. Doch hinten raus fehlt dem Album so einfach ein zwingender Höhepunkt.
Und auch wenn bis dorthin mehr hängen bleibt, als auf jedem anderen Blake-Album seit 2019, frustriert dieser qualitative Abfall im Verlauf des Albums doch. Weswegen es auch nur phasenweise zutrifft, wenn der Musiker und seine Produzentin/Muse/Partnerin Jameela Jamal analysieren, dass Trying Times praktisch „like if The Colour in Anything was more concise“ sei. Denn so ganz entschlossen ob seiner aktuellen Möglichkeiten wirkt der 37 jährige (noch) nicht.


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