Myrkur – Folkesange

von am 27. März 2020 in Album

Myrkur – Folkesange

Folkesange ist ein Paradigmenwechsel für Myrkur: Nach zwei Black Metal-Alben hat Amalie Bruun mit mit Blumenkranz im Haar, wallenden Kleidern und Wiege vor dem Fenster einen Midsommer-Traum im warmen Sonnenlicht des Nordens aufgenommen.

Traditionell skandinavische Folklore in nahezu ausnahmslos dänischer Sprache, vorgetragen von der grandios klaren, weitschweifenden Stimme von Bruun; dahinter ein aufgeräumtes, andersweltartig scheinendes Instrumentarium um Nyckelharpa, Lyra, Mandola und Klavier, dazu festliche Chöre – das ist die bisweilen sagenhaft entrückte Mystik, auf der Folkesange erbaut ist.
Damit ist eine Entwicklung definiert, die vielleicht höchstens nicht in dieser Konsequenz absehbar war, die angesichts vorhandener Schattierungen auf M und Mareridt aber rundum schlüssig scheint: Bruun war mit Myrkur immer schon jener unorthodoxen Seite des Black Metal zuzuordnen, die auch Werke wie Kveldssanger hervorbrachte. Nun lebt die junge Mutter diese Neigung mit Produzent Christopher Juul (Heilung) in aller Ergiebigkeit aus.

Am eindrucksvollsten gelingt dies, wenn sich die Mehrstimmigkeit und Streicher mitsamt der entschleunigten Percussion wie in Ramund weit zurücknehmen, Tor i Helheim begnügt sich nach seinem Acapella-Beginn sogar noch behutsamer und intimer mit einer wunderbaren Reduktion der Arrangements. Das fragil gezupfte Harpens Kraft gerät gar bezaubernd und das erhebende Gudernes Vilje beschwört eine majestätische Vergänglichkeit, bevor der ruhig aus den Tasten tröpfelnde Abspann Vinter wie ein feengleicher Traum für die Phantasien von Charlie Kaufman anmutet.
In dem, was Folkesange will und tut, ist das dritte Studioalbum von Myrkur tatsächlich eine erschöpfende Reinform geworden – gefühlt eher eine kulturanthropologisch unverfälscht-authentischer Aufenthalt, als eine touristische Reise. Wo die mitunter simplen Tonfolgen trotz der nordischen Exotik etwas unmittelbar vertrautes haben, hört man sich allerdings auch gerade über relativ gleichförmige 47 Minuten doch auch ein wenig an dieser Gangart satt.
Dabei tanzt etwa das jauchzend-düdelnde Fager som en Ros besonders ausgelassen oder agiert das beinahe konventionell zum Americana ahnende House Carpenter so beschwingt, dass an sich keine Monotonie in der Dynamik aufkommt, doch ist eine derart in sich geschlossene Platte eben auch ein an sich selbst zehrendes Ökosystem: Mit der englischsprachigen, kammermusikalisch zum Kitsch tendierenden Ballade Leaves of Yggdrasil gibt es in Wirklichkeit nur einen tatsächlichen Ausfall.

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