Nas – NASIR

von am 20. Juni 2018 in Album

Nas – NASIR

Nach dem superben DAYTONA, dem zerfahrenen Ye sowie dem überzeugenden Einstand von KIDS SEE GHOSTS kann NASIR als vierte Veröffentlichung am aktuellen Kanye West-Fließband das immer wieder aufblitzende Potential zwar in dualistische Standarts, nicht aber in bedingungslose Highlights ummünzen.

Dabei hätte die erste Nas-Platte seit knapp sechs Jahren durchaus die Grundzutaten, um dem wohl auf Ewig im Schatten seiner beiden Meisterwerke Illmatic und It Was Written abliefern müssenden 44 Jährigen zu einem gelungenen Comeback zu verhelfen.
Die Performance und technischen Skills des Nasir Bin Olu Dara Jones geraten auf seinem elften Studioalbum zwar inkohärent und sind nicht so hungrig, aggressiv oder dringlich, wie man sich das (gerade nach einer so langen Pause) vielleicht gewünscht hätte, zeigen dann und wann jedoch auch abseits seiner besten Zeiten immer noch eine in sich brodelnde Energie, die Nas qualitativ über einen Gutteil der Konkurrenz hebt.
Die von Kanye West abgelieferten Beats halten das Niveau der bisherigen 2018er-Veröffentlichungen aus seiner Plattenschmiede zudem relativ mühelos, verschweißen soulige Samples und gefühlvoll gebastelte Beats mit einer geschmeidig-eingängigen Nonchalance, wirken hier und da eher auf Yeezus selbst zugeschnitten, versuchen aber durchaus auch effektiv auf Nas einzugehen.

Not For Radio eröffnet episch auf einer choralen Passage von Hymn to Red October (Main Title) gebaut, trockene Beats pumpen reduziert, während sich Puff Daddy und Nas im Oldschool-Modus die Karten zuspielen – der mit Vocaleffekten schmalzende Chorus von 070 Shake schlägt dann hingegen den Bogen zu Kanyes momentan auch immer wieder arg gefällig zum Plastik schielenden Produktionsschmiede. Das traditionell veranlagte White Label lässt sein Vintage-Sample mit aufgekratzten Bläsern stoisch pochend – ohne Entwicklung, aber viel Konzentration – treiben, verschafft Nas zudem eine auf NASIR ansonsten selten abgerungene harsche Direktheit. Bonjour addiert über der Hindi-DNA von Dance Music sowie dem schmeichelweichen Schmelz von Tony Williams dagegen mehr entspannte Melodieliebe, bleibt aber eine relativ unaufgeregte Easy Listening-Beiläufigkeit.
Adam and Eve klimpert später mit iranischem Rock im Hintergrund zum relaxtem Schaulaufen von Nas, The-Dream darf zugängliches R&B-Flair in den Refrain liefern, bevor Simple Things trotz leichter Schieflage mit gospel-souligem Ambiente plätschert und Nas vor einem viel zu abrupten Ende entsprechend genügsam auf Sparflamme fahrend mit selbstrefferentiellem Fragezeichen („Never sold a record for a beat / it’s my verses they purchase / Without production, I’m worthless„) zum Schluß kommt: „It’s the simple things in life, simple things in life„.

So wirklich symbiotisch wollen die beiden Eckpfeiler der Platte – Kanyes Produktion und Nas Leistung am Mikro – jedoch nicht zusammenfinden. Der letzte Kick fehlt, um sich gegenseitig zu Höchstleistungen zu treiben: Weniger, als könnte Kanye Nas nicht restlos die Umgebung bieten, die dieser zur vollen Entfaltung seines Könnens braucht, sondern vielmehr, als würde Nas die vorhandenen PS der Produktion mit seinen Fähigkeiten nicht bedingungslos auf den Boden bringen können. Phasenweise wirkt es gar, als wäre Nas hier nur zu Gast auf einem Kanye-Album, verstünde er es allerdings nicht, sich die erschaffene Produktion dabei derart charakteristisch zu eigen machen, wie zuletzt Pusha T.
Am deutlichsten wird dies wohl im knapp siebeneinhalhminütigen Everything, dem demonstrativ Herzstück von NASIR. Kanye hat hier ein poppiges Stück gebastelt, das die majestätische Größe von 808s and Heartbreak nicht erreicht, eher an KIDS SEE GHOSTS erinnert, wie Nas da im Wechselspiel mit den Gesängen von Kanye und The-Dream ein wenig verloren und beinahe lustlos wirken lässt: Wo die catchy Hook „Hit!“ schreit, ist in Nas‘ Performance kaum Ambition zu erkennen.
Letztendlich entsteht gerade hier ein atmosphärisches, aber wenig packendes Nebeneinander der beiden nominellen Hauptakteure. Das zwingende Momentum fehlt, der faszinierend fesselnde Bann, die nötige Intensität. Weswegen Everything letztendlich letztendlich primär durch die kontroverse Aluhut-Lyrics des passionierten Impfgegners Nas Aufmerksamkeit generiert: „A parent hates to watch his baby’s face/ Takin‘ his first immunization shots, but this is great/ The child’s introduction to suffering and pain/ Understands without words, nothin‘ is explained/ Or rushed to the brain, lookin‘ up at his parents‘ face/ Like, „I thought you would protect me from this scary place?“/ „Why’d you let them inject me?“/ „Who’s gonna know how these side effects is gonna affect me?“.

Vielleicht ist es ohnedies gravierendste das Grundproblem der Platte, dass Nas bei all der ihn umgebenden Routine rein inhaltlich trotz anhaltender Eloquenz und Belesenheit erstaunlich wenig essentielles zu sagen hat: Vom Level seines legendären Storytelling ist er auf NASIR ernüchternd weit entfernt.
Mal tobt er sich stattdessen wie in Bonjour in den Gefilden (sexueller) Gelüste aus, dann wieder streut er ganz zu Beginn gar genüsslich Fake-Fakten aus: „To Catholics, Moors and Masons/ John Hanson was not the first black pres to make it/ Abe Lincoln did not free the enslaved/ Progress was made ‚cause we forced the proclamation/ SWAT was created to stop the Panthers/ Glocks were created for murder enhancement/ For hunting men, circumstances/ Edgar Hoover was black/ Willie Lynch is a myth, Colombians created crack/ The government made stacks /Reagan had Alzheimer’s, that’s true/ Fox News was started by a black dude, also true„.
In einem anderen Kontext (und ohne absurd anmutende Zeilen wie „What you love can kill you / Like a heart physician dying of a heart attack„, die relativ banale Business-Gedanken widerspiegeln dürfen) könnte man Zeilen wie diese gar als wenig subversive Provokation sehen, die Nas gegen seinen Produzenten und Trump-Kumpel Kanye feuert. So aber braucht es schon die (durchaus stimmige) Theorie, dass er hier ein Konzeptalbum über die sieben Todsünden konzipiert hat, um zumindest eine abstrakte Substanz in manche lyrische Passagen zu interpretieren.

Insofern ist auch ein Blick auf Cops Shot the Kid bezeichnend: Hier sampelt West im Dauerfeuerloop  Children’s Story von Slick Rick, verdichtet und doppelt die titelspendende Zeile als Grundlage der Nummer immer wieder. Das schiebt ordentlich Druck vor sich her, hat (eine polarisierend-penetrante) Prägnanz und ungemütlich pressierende Deutlichkeit, ist als einzige ikonische Szene der Platte mit einem gewissen Instant-Klassiker-Appeal ausgestattet. Doch vor allem destilliert die derart zielgenaue Verwendung eines fast dreißig Jahre alten Stückes, das mit einem fokussierenden Twist zeitaktuelle Probleme Amerikas anprangert, mehr sozialpolitische Relevanz, als Nas dies über 27 Minuten tut.
Ebenso symptomatisch, dass NASIR folgerichtig auch jedwede konkrete Auseinandersetzung mit den Vorwürfen von Exfrau Kelis ausspart, ein irgendwann eingeschobenes lapidares „Was loving women you’ll never see me / All you know’s my kids’ mothers, some celebrities / Damn, look at the jealousy“ muss genügen. Sicher: Nas mag seiner Hörerschaft keine Rechenschaft schuldig sein. Doch gerade in Momenten wie diesen kann eine gerade hinten raus mitunter unbefriedigend und ratlos hinterlassende Platte geradezu frustrierend werden.
Das macht NASIR freilich nicht zum vielerorts prolongierten Ausfall. (Viel eher bewegt sich die Platte im guten Mittelfeld der Discografie, ist in der Diskrepanz aus Kanyes zuverlässigem Arbeitsethos sowie Nas‘ legerer Fingerübung-Wankelmütigkeit trotz einigem Leerlauf und mangelnder Tiefenwirkung dennoch qualitativ konstanter, als viele ihrer ambivalenten Hit-or-Miss-Vorgängerplatten). Allerdings ist die gefühlte EP-Songsammlung mehr als jede andere Veröffentlichung der aktuellen Kanye-Reihe ein Dokument verpasster Möglichkeiten.

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