Kanye West – YE

von am 7. Juni 2018 in Album

Kanye West – YE

Wenn bipolare Störungen zur Superkraft erklärt werden: Dem egozentrischen YE gelingt es, als plakative Reflektion über die psychischen und suchtindizierten Probleme der Figur (und/oder des realen Menschen) Kanye West zu faszinieren. Dahinter steht jedoch eine weitestgehend instabil zusammengewürfelte Songsammlung, in der die Grenzen zwischen Zurückhaltung und uninspirierter Beschäftigungstherapie ohne Höhepunkte verschwimmen.

Zwischen Tür und Angel hat West sein achtes Studioalbum spontan aus der Hüfte geschossen, quasi notgedrungen: Nach einem weiteren geschmacklosen Interview („When you hear about slavery for 400 years … For 400 years? That sounds like a choice„) warf Kanye das seit 2016 zusammengetragene Material – welches ursprünglich unter dem angepeilten Titel Turbo Grafx 16 erscheinen hätte sollen, später als Love Everyone – über den Haufen und richtete den Blick ohne die beiden ausradierten Vorabsingles Lift Yourself und Ye vs. the People radikaler nach innen, auch auf offene Wunden: Suchtprobleme, manische Depressionen.
Vielleicht höchste Zeit, nachdem Kanye die Tour zu The Life of Pablo seinerzeit bereits abbrechen  musste, um sich in psychatrische Beobachtung zu begeben. Inwiefern sich anhand der aufgefahrenen 24 Minuten ein therapeutischer Effekt für West einstellen wird, bleibt freilich offen. Geht er die prolongierte Katharsis doch nach typisch megalomanischen Mustern an und findet im vermeintlichen Kryptonit deswegen auch Treibstoff. „That’s my bipolar shit, nigga, what?/ That’s my superpower, nigga, ain’t no disability/ I’m a superhero! I’m a superhero!/ Agghhhh!

I hate being Bi-Polar/ its awesome“ hat West provokant auf das (kurz vor der Listening Party in Wyoming mit dem iPhone geschossene) Artwork von YE gekritzelt und damit die widersprüchliche Natur seiner Platte wohl am besten eingefangen. Denn wo die grundlegenden Ideen und (zumindest vermuteten) Konzepte hinter seinen Werken schon in der Vergangenheit interessanter fesselten, als die aufgefahrene Musik auf Albumlänge an sich letztendlich funktionierte, artikulieren die nun aufgefahrenen sieben Songs den zerissenen Charakter der Thematik inhaltlich und stilistisch ansatzlos, spiegeln sich in einem unrunden Ganzen wider.
YE destilliert den Hang zur Unfertigkeit, der (das rückblickend an dieser Stelle doch unter Wert verkaufte Chaos von) The Life of Pablo zum niemals vollendeten Work in Progress-Kunstwerk zwischen wenigen Sternstunden und viel Füllmaterial werden ließ, findet sich jedoch mit der frustrierenden Skizzenhaftigkeit als substanzielle Grundlage ab, indem es eine entschlackte Spontanität als Mittel zum Zweck entdeckt: Geradezu demohafte Wesenszüge im Material wirken vor allem eingangs fast stümperhaft und planlos, bevor YE mit Fortdauer doch immer besser in Gang kommt, nach und nach sogar einen roten Faden im balladenhafteren Schmachtstücken findet.
Einzig: Wo YE auf Metaebene als schlüssige Momentaufnahme Sinn ergibt, fehlt es der Platte letztendlich doch an der nötigen Masse und Klasse im Songwriting. Wirklich großen Szenen, tatsächlich spannende oder unbedingt mitreißende Momente kann West diesmal keine erzeugen. Er begleitet eher, als dass er überwältigt.

Im eröffnenden I Thought About Killing You kommt es so exemplarisch zum an sich beunruhigend Zwiegespräch mit sich selbst: „Today I thought about killing you, premeditated murder/ I think about killing myself/ And I, I love myself way more than I love you/ The most beautiful thoughts are always besides the darkest„. Den suizidalen Dialog inszeniert West (trotz in den Fluss grätschender, subtil eingesetzter Vocodereffekte als Bruch mit der eigenen Gemütsverfassung) als schwadronierende Spoken Word-Passage, die zur Litanei verkommt. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit entwickelt sich aus der Baustelle ein Rap mit Drive und Verve, nach knapp drei Minuten kommt ein ätherisch wippender Beat ins Spiel und plötzlich hat er einen an der Leine, wie nur Kanye das kann – inklusive Rechtsstreit.
Yikes gibt sich danach theatralisch durch die Effektbank geschickt einem Richtung 808 & Heartbreak relaxenden, poppigen Beat hin, imitiert im Grunde aber nur einen kaum essentiellen Aufguss von Wolves. Über die gepitchte Jeremih-Hook in All Mine findet YE danach jedoch zu seiner besten Phase, wenn vor einem latenten Minimalismus erstmal Impressionen erzeugt werden, die nachhaltig wirken – mögen die Texte auch noch so debil sein. „If I pull up with a Kerry Washington/ That’s gon‘ be an enormous scandal/ I could have Naomi Campbell/ And still might want me a Stormy Daniels/ …/ Ayy, time is extremely valuable/ And I prefer to waste it on girls that’s basic/ That’s just some Ye shit/ …/ I love your titties ‚cause they prove/ I can focus on two things at once„.
Niemals sonst kommt Kanye auf seinem eigenen Studioalbum der Prägnanz näher, die er Pusha T unlängst mit DAYTONA verpasste.

Wouldn’t Leave ist danach ein kontemplativ pluckender, zeitaktueller Lovesong des „Old Kanye“ Richtung Kim: „They say, „Build your own“—I said, „How, Sway?“/ I said, „Slavery a choice“—they said, „How, ‚Ye?“/ Just imagine if they caught me on a wild day/ Now I’m on fifty blogs gettin‘ fifty calls/ My wife callin‘, screamin‘, say we ‚bout to lose it all/ Had to calm her down ‚cause she couldn’t breathe/ Told her she could leave me now, but she wouldn’t leave„.
Im versöhnlichen Refrain spielen sich Kanye und Ty Dolla $ign dann die Bälle zu und umgarnen die Herzensdamen: „For any guy that ever fucked up (love me or hate me)/Ever embarrassed they girl (love me or hate me)/ Ever embarrassed they wife (gone when you miss me)/ She told you not to do that shit (ohh)/ She told you you’s gon‘ fuck the money up/ But you ain’t wanna listen, did you?/ …/ Now you testin‘ her loyalty/This what they mean when they say/ „For better or for worse“, huh?/ For every damn female that stuck with they dude/ Through the best times, through the worst times/ This for you„. Emotional berührende Tiefe will sich dabei allerdings nicht einstellen. Dafür ist alleine der lyrische Output (songübergreifend) zu flach, die musikalische Ebene zu risikolos. Es fehlt schlichtweg am so oft diagnostizierten Genie.

Dennoch hat YE seine Spur ab hier gefunden, bringt seinen Dämonentanz souverän nach Hause. „Make no mistake, girl, I still love you“ schmeicheln Charlie Wilson und Kid Cudi auf einem Song, der sich bis auf die Sticheleien gegen Drake auch auf den ersten drei Soloalben von Kanye wohl gefühlt hätte. Der zudem verdeutlicht, dass die Features auf YE stärker sind, als die Parts der Reizfigur in der Hauptrolle. Eventuell liegt es auch daran, dass Highlights trotz eines überzeugenden Qualitätslevels ausbleiben – Ghost Town markiert deswegen auch den kompositionell hittauglichsten Part der Platte. Eine Gitarre darf anachronistisch zum soulig gesampelten Track braten und die wieder das Spotlight stehlende 070 Shake führt hinten raus zu einer hymnisch gemeinten (erst verwunderlichen, später erklärten) Linie: „I put my hand on a stove, to see if I still bleed, yeah/ And nothing hurts anymore, I feel kinda free„. Vielleicht symptomatisch: Ausgerechnet der am saubersten ausgearbeitete Song bekommt in seinem Finale aufgrund der euphorisch repetierten Monotonie jedoch eine Penetranz, die YE in seiner immer wieder knapp an der Egalität vorbeischrammenden Flüchtigkeit sonst nie forciert.
Stimmiger ist da schon der als patriachal-softpop-artiger Ambientteppich Balladenabschluss Violent Crimes, in dem Kanye angenehm mäandert (und textlich wie schon in Yikes zumindest kontroverse Perspektiven offenbart) , ohne packend zu werden oder relevantes Gewicht zu erzeugen. Stattdessen verabschiedet YE in konfuser Orientierungslosigkeit und Zerfahrenheit ratlos, scheint eher wie der Auftakt einer (mit jedem Durchgang anziehenderen) Reise zu sein, die nirgendwo hinführt. (Und unfairerweise natürlich auch an der subjektiven Vorgabe des stringenteren, im Kontext besser zu Ende gedachten DAYTONA scheitert).
So unbefriedigend der überhastet wirkende Schnellschuss auch aufgrund der losen Dramarturgie, fehlenden Größe und ausbleibenden Epiphanie auch sein mag: Paradoxerweise wird YE sogar als Schlusslicht in Kanyes Discografie trotz (oder gerade wegen) all dieser Punkte entlang seiner knackig-einfach zu konsumierenden Kürze auf lange Sicht unverbindlicher angesteuert werden, als etwaige Vorgängerplatten. Der Versuch, aus dieser niemals übersättigenden Reduktion schlau werden zu können, hält an der Angel.

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