Neil Young [23.07.2014: Stadthalle, Wien]

von am 25. Juli 2014 in Featured, Reviews

Neil Young [23.07.2014: Stadthalle, Wien]

Mahnender Zeigefinger, gnarzige Verweigerungshaltung und die hemmungslose Lust am Jam: Neil Young und seine Crazy Horse breiten 14 uferlose Songs über knapp zwei Stunden aus.

Nicht alles ist dabei an diesem Abend makellos – das meiste davon lässt sich allerdings geflissentlich ignorieren: der Sound ist – Stadthalle eben – absolut suboptimal, die Setliste als gefühlte Anklage an die aktuelle Weltpolitik weitestgehend abseits der klassischen Hits marschierend nicht so stark wie jene, mit der Young sich wenige Tage zuvor in der Türkei in eine kurze (leider notwendige) Tourpause verabschiedet hatte und einzig das überlange, knapp 20 minütige ‚Love to Burn‚ doch marginal zu dröge aufdrehend. Aber hier geht es natürlich nur am Rande um Virtuosität oder gar technische Makellosigkeit, sondern um die regelrecht hypnotische Sogwirkung, die der Freigeist Young mit seinen Crazy Horse-Kumpanen (Frank Sampedro macht im schillernden Hippie-Outfit immer wieder gut gelaunt Stimmung und sucht im Gitarrendoppel am deutlichsten den künstlerischen Austausch mit dem behände agierenden Leitwolf; Billy Talbots Ersatzmann Rick Rosas verzieht in knapp 2 Stunden keine Miene; Ralph Molina hält unscheinbar den Takt) entfacht, das intuitive Gefühl, das bereits aus den grandiosen Einstiegsnummern ‚Love And Only Love‚ und dem massiven ‚Goin‘ Home‚ exaltiert-ausufernde Jamsessions auf stoisch ausgelegtem Rhythmusuntergrund machen: die allesamt stringent auf die 70 zusteuernden Musiker inszenieren die Kompositionen in alle Richtungen offen, lassen die Zügel mal locker und ziehen sie dann wieder energisch an, servieren unnostalgische Einladungen sich in dem wohltemperierten Wechselspiel aus Feedback und Solis zu verlieren.

Einen Vorwurf muss man Young vielleicht machen: dass er nach dem furios ausfransenden, berührend-melancholischen und regelrecht magischen Highlight ‚Cortez the Killer‚ und einer kraftvollen, zuerst ausblutenden und dann neu anlaufenden Version von ‚Rockin‘ in the Free World‚ den idealen Schlußpunkt für den Abend verpasst. Das neue naiv-ambitionierte ‚Who’s Gonna Stand up and Save the Earth‘ ist eine gut gemeinte Friedens-Hymne zur Weltrettung, die aber beim bisweilen hüftsteifen Publikum zumindest in Wien nicht wirklich zünden will. Der auf den Songtitel antwortende Call-and-Response-Mitsingpart („You! You! You!„) findet nur ein spärliches miteinstimmendes Echo bei den Besuchern – in den Gesichtern der beiden Backing-Chordamen zeichnet sich deswegen bald peinlich berührte Irritation ab, Young erkennt das sich schleppende Malheur und gibt das Signal die Nummer frühzeitig zu beenden. Hartnäckig stimmt er den Refrain während der Verabschiedung noch einmal Acapella an, was sich bezahlt macht: die Interaktion mit dem Publikum funktioniert letztendlich doch noch in eingeschränktem Maße.Neil Young Live 1

Was bleibt ist dennoch ein hinkendes Finale, das nicht restlos begeistert aus einem Abend entlässt, an dem es eigentlich kaum etwas zu beanstanden gibt. [Gut, da ist Scott Foster Harris als für die Magic Numbers eingesprungener Supportact, der stimmlich als Fußgängerzonen-Version von Michael Bolton wohl gerne die 70s-Version von Jeff Buckley wäre, jaulendes Lautstärkeanheben in der Intonation mit unkaschierten Emotion verwechselt und damit in die Kategorie jener Singer-Songwriter fällt, die es bei österreichischen Castingshows wohl problemlos weit schaffen. Seine eigenen Songs haben dabei durchaus nette Hooklines und Melodien, werden aber gar zu strapazierend dargeboten. Dazu zeigt sich einmal mehr, wenn der überdreht gut gelaunte, in Wien wohnende Mann aus Los Angeles, mit rebellischem Unterton ‚Folsom Prison Blues‚ ankündigt und daneben auch ‚Rebel Yell‚ und ‚Riders on the Storm‚ angreift, dass es wahrhaftig eine eigene Kunst ist Songs mit Relevanz zu covern – Scott Foster Harris beherrscht sie nicht. Auch deswegen wird das 30 minütige Set zu einer zwar gut gemeinten, aber eintönigen Geduldsprobe.]

Dass der unterstützende Chorgesang von Dorene Carter und YaDonna West in ‚Goin‘ Home‚ gar zu dominant nach Vorne drängt (ja, irgendwie hat man öfter das Gefühl dass Young und die zwei Damen im Hintergrund abstimmungstechnisch mit den Widrigkeiten der Location zu kämpfen haben) ist alleine deswegen schnell vergessen, weil das herrlich weichkantige ‚Living with War‚ dafür umso gefühlvoller ausgebreitet als erhabene Soulnummer gleitet und nachdenklich die Seele streichelt.
Noch eindringlicher unter die Haut fährt da nur das zurückgenommene Unplugged[…]-Herzstück des Abends, als Young seine Kumpels von der Bühne schickt und mit dem intensiven ‚Heart of Gold‚ Nackenhaare aufstellt und die Bob Dylan-Verneigung ‚Blowin‘ in the Wind‚ überraschenderweise im Alleingang als wärmende Akustikversion darbringt – und knapp neuneinhalbtausend euphorisierte Kehlen dankbar miteinstimmen. Eine intime Atempause und setlisttechnisches Entgegenkommen, bevor der ‚Barstool Blues‚ wieder gnarzig die Ärmel hochkrempelt, die Hutkrempe tief ins Gesicht zieht und jedwede Vertreter vom aktuellen ‚A Letter Home‚ ausgesparrt werden. Davor und danach reihen sich kurzweilige Discography-Routines (‚Days that Used to Be‚) anstandslos an aktuellere Stücke (‚Psychedelic Pill‚) oder epische Querverweise (‚Name of Love‚) zu einem so eigenwilligen wie runden Ganzen, einem wunderbaren, wenn überhaupt nur an der Erwartungshaltung scheiternden Konzertabend, der unprätentiös, atmosphärisch dicht und ohne jegliches Showbrimborium auskommend mühelos den immer noch überschäumenden Tatendrang Youngs mit zeitloser Größe kombiniert.

Setlist:
Love and Only Love
Goin’ Home
Standing In The Light Of Love
Days That Used to Be
Living With War
Love to Burn
Name of Love
Blowin’ in the Wind
Heart of Gold
Barstool Blues
Psychedelic Pill
Cortez The Killer
Rockin’ in the Free World

Encore:
Who’s Gonna Stand Up and Save the Earth

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