Außen vor: 15 Alben abseits der Top 50

von am 26. Dezember 2012 in Jahrescharts 2012

Baroness – Yellow and GreenBaroness – ‚Yellow & Green‘


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When my bones begin to break/ And my head begins to shake/ It’s my own blood.„Beschwört John Baizley in ‚Eula‚ eine sich selbst erfüllende Pophezeiung, malt er den Teufel gar an die Wand? Keinen Monat nach der Veröffentlichung ihres dritten Studioalbums erleiden Baroness einen folgenschweren Busunfall: der lange Weg zurück ist ein nach wie vor anhaltender, mühsamer. Besagtes ‚Eula‚ selbst bleibt aber auch in anderer Hinsicht stellvertretend für ‚Yellow & Green‚: Baroness haben den Weg von progressiven Metal zum zugkräftigen Alternative Rock abgeschlossen – aber nicht immer funktioniert dies so umwerfend wie in den knapp sieben Minuten der dritten Single. Der mutige Schritt der Vorreiter aus Savannah, er gipfelt in alles überragenden Einzelmomenten – als (Doppel)Album geht ‚Yellow & Green‚ aber auf Sicht nicht selten aber die Luft aus.

Beach House - BloomBeach House – ‚Bloom‘

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Wäre das vierte Beach House-Album zu jedem Zeitpunkt so wunderschön wie es beginnt bzw. endet – es wäre vermutlich der ultimative Melancholie Overkill in aller Dreampop-Schönheit und ja, schiere Genre-Perfektion. Stattdessen servieren Victoria Legrand und Alex Scally „nur“ rundum grandiose Songs, ohne Abschweifung aus der Tradition von ‚Beach House‚, ‚Devotion‚ und ‚Teen Dream‚. Souveränität und keinerlei Überraschungen bedeuten hier aber eben auch, trotzdem und vor allem: traumhafte Popsongs zum darin verlieren: ätherisch, anmutig unwirklich betörend – eben wunderschön. Man kann es natürlich auch positiv sehen: dass der überragende Vorabbote und Opener ‚Myth‚ ohne Einbußen auf Dauerschleife rotiert, lässt sich die formidablen restlichen Songs nur noch weniger abnutzen.

Deftones - Koi No YokanDeftones – ‚Koi No Yokan‘

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Wenn man den Deftones 2012 etwas vorwerfen kann, dann dass sie mittlerweile schlicht zu perfekt wissen, was sie können. Da werden nicht nur Refrains schon fast zu hymnisch und beinahe transzendental aufgelöst, während rundum der Alternative Rock formvollendet wütet, tatsächliche Ausbrüche aus dem erarbeiteten Metal-Königreich auf ‚Koi No Yokan‚ aber eben weitestgehend ausbleiben. Der Umkehrschluß: wieder haben Chino Moreno und Co. kein auch nur im Ansatz schlechtes Album aufgenommen. Eigentlich auch unmöglich, wenn sich mit Perlen wie ‚Entombed‚ und vor allem dem überlebensgroßen ‚Rosemary‚ hier einige Songs für die ewige Bestenliste der einstigen Nu-Metal Überlebenden tummeln.

Dinosaur Jr. - I Bet On SkyDinosaur Jr. – ‚I Bet on Sky‘

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Ein weiteres Dinosaur Jr.-Album. Nicht mehr und nicht weniger. Fakt ist: Lou Barlow, Murph und Chef-Kniddler J Mascis erleben in ihrem zweiten Frühling eine einzige Hochphase, die immer wieder aufs grandioseste daran scheitert, die Ewigkeitsplatten respektive Indierock-Meisterwerke der Band zu übertrumpfen. Egaler als auf ‚I Bet on Sky‚ dürfte dies dem Trio mit der schwierigen Beziehung zueinander noch nie gewesen sein – genau so klingt das offiziell zehnte Dinosaur Jr.-Album, das dritte seit der Reunion in der „klassischen“ Besetzung. Und auch: noch zurückgelehnter, noch entspannter, noch versierter in dem was Dinosaur Jr. eben generell so machen. Auch wenn man die Weiterentwicklungen deswegen im Detail suchen muss: das passt schon so – denn langweilig werden Dinosaur Jr.-Songs grundsätzlich nie. Dafür sorgen alleine Perlen wie das Endlos-Piano in ‚Don’t Pretend You Didn’t Know‚oder der leichtfüßige Pop-Singalong in ‚Almost Fare‚.

The Evens - The OddsThe Evens – ‚The Odds‘

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Bis Amy Farina und Ikone Ian MacKaye mit ihrem dritten – ihrem bisher besten Album als The Evens – wieder aus der Versenkung aufgetaucht sind, musste man notgedrungen nicht einmal gemerkt haben, wie gut der an der Oberfläche zurückgenommene, innerlich aber so unheimlich aufgekratzt brodelnde Minimal-Folkrock aus dem Herzen von Dischord doch tatsächlich tut. Und plötzlich sind da dreizehn unscheinbare Ohrwürmer, geboren aus Schlagzeug, Bariton-Gitarre und zwei Stimmen, die mit klaren Positionierungen und unmissverständlichen Aussagen niemals hinter dem Berg halten wollen. The Evens kann man deswegen immer noch leicht und fälschlicherweise als „bloß nett“ abkanzeln – oder als musikalisch subversivste Annäherung des Polit-Post-Hardcore an den Folkpop sehen.

Quakers - QuakersQuakers – ‚Quakers‘

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Beachtlich, wieviele Spielwiesen Geoff Barrow abseits der alles überragenden Portishead alleine 2012 beackert hat, ohne dabei Ermüdungserscheinungen aufkommen zu lassen. Neben Beak>, Anika, Drokk und woran der 41 jährige sonst noch so verbeugt hat konnte das Hip-Hop-Herzensprojekt des Engländers dabei schon einmal übersehen werden. Dabei sprechen alleine die blanken Zahlen so sehr dagegen: 41 Tracks mit ebenso vielen Features am Mikrofon, ein über 70Minuten langer Trip durch kurzweilige Songskizzen mit unzähligen Wiederhacken – weswegen trotz der Überflutung an Ideen und Beats die Repeat-Taste zum stetigen Begleiter der hoffentlich nur ersten, rauschenden Quakers-Platte wird. Man will in diesem hastigen Rausch eben nichts verpassen. Wie etwa den netten Gag, dass der geheime Hit ‚Fitta Hapier‚ eigentlich doch ‚The National Anthem‚ zitiert.

Revenge - Scum.Collapse.EradicationRevenge – ‚Scum. Collapse. Eradication.‘

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Die kanadische Institution des Lo-Fi Black/Death-Metal lässt auch 2012 nur Kopfschütteln in alle Richtungen zu. Hinter dem ohrenscheinlichen Chaos und der meterdicken Schmutzschicht aus sägenden Gitarren mit rostigen Saiten und auf Ebenholzsärgen geklopften Blasts die über dem brutalen Wirbelsturm aus Gekreische und Gegrowle liegt, findet man bei – so schwer es auch fällt – genauerem Hinhören System und klinische Präzision. Und dann kann man sich entscheiden, ob man Spaß am wohl am treffendsten betitelten Album des Jahres haben möchte.
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Sun Kil Moon - Among The LeavesSun Kil Moon –Among the Leaves‘

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Warum immer noch stets darauf hingewiesen werden muss, dass Mark Kozelek früher eben nicht Sun Kil Moon sondern Vorstand der Red House Painters war, bleibt angesichts von Platten wie ‚Among the Leaves‚ ein Geheimnis. Erfindet der launische Vielveröffentlicher und mutmaßliche Philanthrop (mehr hochwertige Live-Alben verschenkt jedenfalls kein Labelchef bei jeder Bestellung im hauseigenen Shop) doch auch diesmal seinen intimen Gitarrenkleinode wieder ein Stück weit neu. Auf ‚Among the Leaves‚ bedeutet das: zum Lachen muss niemand mehr in den Keller gehen und eingängige, wirklich große Popmomente müssen nicht mehr mit der Lupe gesucht werden, beinahe 17 Mal am Stück. Oder noch öfter: denn 5 Bonustracks packt Kozelek natürlich wieder mal mit drauf. Einfach so.

Torche - HarmonicraftTorche – ‚Harmonicraft‘

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Torche bleiben der Süßwarenladen des Sludge-Metal. So kunterbunt und zuckersüß wie boshaft und erbarmungslos im Detail – das knallige Bonbon-Artwork nimmt die auch auf dem dritten Album der Band um Mastermind Steve Brooks beibehaltene Richtung aus knackigen Popmotiven und schlagkräftigen Metalattacken klarer vorweg als jene der bisherigen Alben der Floor-Nachfolger. Dass dabei auch vage Abnutzungserscheinungen im schlagkräftigen Reigen auftreten, spielt letztendlich eine weitaus geringere Rolle, als dass Torche ihre gutgelaunte Brachialitätsohrwürmer weiterhin entgegen jedes Erwartungsdrucks geradezu mühelos in die Heavy-Rotation blasen.

Two Gallants – The Bloom and the BlightTwo Gallants – ‚The Bloom and the Blight‘

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Das sehnlich herbeigesehnte Comeback von Tyson Vogel und Adam Stephens im Doppel ist das Grunge- und Punk- Album der Two Gallants geworden. Ein Statement, dem es natürlich an den epischen ausarteten Songzyklen der ersten drei Alben mangelt. Dafür an Bord: mindestens zehn kompakte Hits aus den staubigen Straßen eines romantisierten wilden Westens und kein wirklicher Ausfall im kurzweiligen Ohrwürmertreten. Eine rohe, ungeschliffene Rückmeldung ohne unnötiges Fett. Und ist das auf Dauer nicht vielleicht sogar fesselnder, als einen weiteren (wenn auch guten) ‚What the Toll Tells‚-Aufguss wie ‚Two Gallants‚ serviert zu bekommen?

The Unwinding Hours - AfterlivesThe Unwinding Hours – ‚Afterlives‘

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Unter dem Postrock-Banner gehen Craig B. und Ian Cook nach ihrem zweiten The Unwinding Hours Album wohl endgültig nur noch mit beiden Augen zugedrückt durch. Natürlich haben sie sich das ausladende, majestätische ihres Debütalbums gewissermaßen behalten, lenken ihre verletzlichen Melodien aber diesmal gedankenvoll in pragmatischere Bahnen: ‚Afterlives‚ ist in seinem schweren Herzen eine flott angetauchte Rockplatte mit klaren Pop-Tendenzen geworden, die mit ‚Break‚ sogar zumindest einen glasklaren Hit chauffiert. Auf Dauer strahlt das vielleicht nicht die Faszination des selbstbetitelten Erstlingswerks aus – aber dass man hier nicht einmal Aereogramme erwähnen hätte müssen, ist ja auch schon beachtlich.

Scott Walker - Bish BoschScott Walker – ‚Bish Bosch‘

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Wer mit den fiebertraumhaften Bildwelten des für Scott Walkers erstem Album seit sechs Jahren titelgebenden Künstlers vertraut ist, kann sich vielleicht ungefähr vorstellen auf was man sich als geneigter Hörer da einlassen sollte. Seit er für sich mit konservativen Strophe/Refrain-Schemen abgeschlossen hat produziert Walker schwierige Musik unter anderem auch der Schwierigkeit willen, und so machen einen nicht gerade kleinen Teil der Faszination die ‚Bich Bosch‚ ausstrahlt die Spannungsbögen so fantastisch und abwechslungsreich komponierter Geniestreiche wie ‚Epizootics!‚ aus; die meiste Zeit über ist man gewillt mitzufeiern, wenn Walker seinen eigenen Genialismus zelebriert. Oder die Freude an Fürzen.

The Walkmen - HeavenThe Walkmen – ‚Heaven‘

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I don’t need perfection, I love the whole/Oh give me a life, that needs correction/Nobody loves, loves perfection“ singt Hamilton Leithauser in ‚We Can’t Be Beat‘ und bringt es damit eigentlich auf den Punkt: auf ihrem siebten Studioalbum klingen  The Walkmen gefestigter denn je, ganz nach einer Band, die schlicht weiß was sie kann und die erstmals niemandem mehr etwas beweisen muss. Aber damit schleicht sich auch eine bisher unbekannte Facette in den Klangkosmos der Band ein: die New Yorker klingen auf Dauer etwas satt. ‚Heaven‘ macht es sich oft zu gemütlich, die aufgekratzte „Gegen den Rest der Welt“-Stimmung fehlt diesmal. Weil ihnen mittlerweile eben jedermann zu Füßen liegt. Vom prägenden Fleet Foxes-Vorstand Robin Pecknold bis hin zu allem, was im hippen Indierock Rang und Namen hat.Aber wer nahezu exakt zehn Jahre nach dem Debüt bereits ein Album aufnimmt, das rückblickend auch als Beginn der Alterswerk angesehen werden könnte, bleibt eigentlich schrullig genug.

Woods – Bend BeyondWoods – ‚Bend Beyond‘

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Auch das siebente Woods-Album findet wieder ein bisschen abseits des Radars statt. Vielleicht spielt die Band um Jeremy Earl ihren hypnotisch verspuhlten Psychedelikfolkpop aber auch einfach zu mühelos jedes Jahr aufs neue –  in qualitativ eigentlich sprachlos machender Verlässlichkeit. ‚Bend Beyond‚ zeigt Woods dabei wieder eine Nuance zutraulicher und dabei auch näher an den Vorbildern der Band: The Velvet Underground (‚Impossible Sky‚), The Doors, Zombies und sogar The Cure (‚Lily‚) – sie alle geben sich auf eine knappe halbe Stunde unkaschiert die Hand. Unterm Strich springt dennoch ein astreines Woods-Werk fröhlich über die Waldlichtung.

Neil Young - Psychedelic PillNeil Young & Crazy Horse – ‚Psychedelic Pill‘

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2012 war ein Jahr in dem sich viele alte Meister wieder zu Wort gemeldet haben, jedoch keiner gleichzeitig so imposant und zurückgelehnt, so ambitioniert und unprätentiös wie Neil Young mit seinen Mannen von Crazy Horse. Wo ein Bob Dylan dieses Jahr sich noch anstrengen musste um die zehn Minuten Grenze mit einer Titanic-Predigt zu sprengen, könnten Young und Co. zeittechnisch locker eine herkömmliche Sitcom-Folge inklusive Werbepause mit dem fantastischen Opener ‚Driftin‘ Black‚ und seinen psychedelisch flirrenden Gitarrenwänden und mantrahaften Gesang beschallen – und es soll auf dem Doppelalbum nicht das einzige Folk-Epos (ganz ohne Epos) bleiben, das in erster Linie durch hypnotiosche Monotonie begeistert. Und da es ‚Psychedelic Pill‚ auch nicht an eingesprengselten Country-Kleinoden mangelt, sei hierfür wohl die eindeutigste Empfehlung unter all den Dylans, Cohens, Walkers und Enos ausgesprochen.

EP-Top 15 | 15 Platten außen vor | Jahrescharts | Platz 50-41 | Platz 40-31 | Platz 30-21 | Platz 20-11 | Platz 10-01


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