Neil Young & The Chrome Hearts – Second Song

von am 25. September 2026 in Album

Neil Young & The Chrome Hearts – Second Song

Neil Young und seine Chrome Hearts finden nach dem fabelhaften – und irgendwo auch prophetisch betitelten – Livealbum Time Explodes auf Second Song zu einer inneren Ruhe und sich selbst.

Nur ein Jahr, nachdem Young (auch diesmal wieder für Gesang, Klavier, Akustik- und E-Gitarre, Vibraphon, Mellotron, Marxophon und Mundharmonika zuständig) seine neue Backingband mit Talkin to the Trees vorgestellt hat, lassen er und Anthony LoGerfo (Schlagzeug, Wave Drum), Corey McCormick (Bass, Gesang), Micah Nelson (E-Gitarre, Gesang) sowie Spooner Oldham (Hammond B3-Orgel, Farfisa-Orgel, Harmonium, Klavier, Mellotron, Vibraphon) es deutlich bedächtiger und zurückgenommener angehen: Second Song geht im direkten Vergleich zu seinem Vorgänger eher in sich hinein, als auch sich heraus, und setzt auf (viel) längere Songs, und die Vergänglichkeit oder die Liebe zu reflektieren.
Warm und heimelig sind die persönlichen Meditation im halbakustischen Singer-Songwriter-Folkrock dabei, simpel komponiert (meist darf jedes Stück um eine Idee plätschern) und keine Angst vor einer selbstreferentiellen Ader habend.

Als spiritueller Nachfolger zu Prairie Wind transzendiert das von Lou Adler und den Volume Dealers (Neil Young und Niko Bolas) produzierte Second Song ein lineares Zeitgefühl aber ohnedies auf mehreren Ebenen.
Das betont munter und flott daherkommende Casting Me Away from You (als alter Bekannter) sowie I’ll Love You Forever (als verträumt-romantische Variation von Harvest Moon, die sich bereits innerörtliche seiner Schulband The Squires fand) hat Young als Teenager in den 1960ern geschrieben, und fügt sie nun einerseits nahtlos in sein Spätwerk ein – andererseits lässt er sie auch als Rahmen für den ausnahmsweise elektrifiziert bratzenden Schleicher Soon I Might Be Going (quasi eine Drone-Wolldecke zum Hineinkuscheln) fungieren.

„Soon I might be going, and I wanted just to say/ If I’m not here to see it, it doesn’t mean it’s gone away/ Trying to make it simple, but I tell you, it’s not/ ‚Cause here and there and everywhere, the truth is getting caught/ And disguised like a celebration waiting for a song/ But no one knows the melody and it feels like it was strong/ When we all sang together and the children sang along“ sinniert Young dort über Generationen hinweg, und lässt angesichts der auch passierenden politischen Kommentare („President was on TV, says everything is golden/ He’s tearing down the old White House, those days were never olden/ The bears are trying to hibernate but can’t find where to go/ ‚Cause everything is different now just like a TV show/ We have to take it as it comes, as some are like to say/ But you know, and it seems to me, that’s not what’s right today“) offen, ob er den Wandel der Zeit aus umwelttechnischer Sicht, oder jenem der immer rascher am eigenen, endlichen Leben vorbeiziehenden Jahre betrachtet, wenn er „It’s like summer in the Rockies, but it’s almost Christmas day“ singt.

Vom durchaus sentimentalen, vielleicht sogar ein bisschen kitschig und weinerlich mit gemütlichen Wilco-Vibes einer ungewissen Zukunft entgegenklimpernden The Foggy Edge of Time weg gibt sich Young also gleichmütig und nachdenklich, blickt nostalgisch auf das Älterwerden und zelebriert seine romantische Ader in einer unsteten Welt.
Day After Day schippert gemütlich schunkelnd, die Melodie fließt dahin gemeinsam streicheln die Musiker den Titel im Refrain. Earth Girl hat eine verspielt tänzelnde Leichtigkeit im salopp vom Piano angeführten Szenario – vergangenes Jahr wäre die Nummer wohl noch ein rumpeliger Rocksong geworden, jetzt ist es eine smooth gleitende Hippie-Ballade.
Die Essenz der Platte liegt jedoch unaufgeregt in den elfeinhalb Minuten des die Vergangenheit ohne eine überflüssige Sekunde Spielzeit Revue passieren lassenden Titelsong, in dem The Chrome Hearts unbedingt im Dienste des Songs spielen, aber immer wieder auch subversiv einnehmende Akzente setzen, während ein stimmlich hier und da schon manchmal dünn fistelnder Young auf dem langfristig gesehen wohl besten (und deswegen auch aufgerundet bewerteten) Album seit Psychedelic Pill immer weiter macht: „When I woke up this morning, I heard a melody and a rhyme/ I knew the song was over, but I couldn’t find the time/ The words just tumbled forward in this second song of mine.“

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