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Neurosis – Honor Found In Decay

Der Post-Metal ist ihr ureigenes Genre und Königreich. Um dort Herrschaftsansprüche zu stellen, genügt es Neurosis, sich als ihre eigenen, unfehlbaren Erbverwalter zu definieren.

Honor Found in Decay‚ ist fünf Jahre nach ‚Given to the Rising‚ kein mutiges Album geworden – es ist vielmehr eines, welches die seit  ‚Souls at Zero‚ erarbeitete Territorien in bedrohlichem Dämmerlicht abschreitet, ein Resümee über mehr als 20  Jahre Bandgeschichte zieht und die Essenz des Post-Metals mit aller Zeit der Welt destilliert. Neurosis erweitern bei dieser Gelegenheit das dunkle Klangbild von ‚Given to the Rising‚ um zusätzliche Ambientelemente, die so auch auf ‚Times of Grace‚ stattgefunden haben hätten können. Zu keinen anderen Album aber fühlt sich ‚Honor Found in Decay‚ stärker hingezogen als zu ‚The Eye of Every Storm‚: Das mittlerweile zehnte Neurosis-Manifest ist über Seite strecken ein außerordentlich getragener, permanent arbeitender aber auch relativ ruhiger Brocken an pressender, melacholisch weicher Atmosphäre geworden. Beinahe jeder Song gönnt sich eine lange, meditative Anlaufzeit, nichts wird überstürzt. Das Ziel ist dabei stets das selbe: ‚Honor Found in Decay‚ sucht siebenmal die pure Epik in den malmenden Songmonolithen.

At the Well‚ stapft aus der selben Einsamkeit einher wie ‚Scott Kelly and the Road Home‚ zuletzt, verdichtet sich mit suizidalem Dudelsackzwischenspiel aber zu einem unbändigen, massiven Inferno, so bedrohlich wie kurzweilig. ‚My Heart For Deliverance‚ ist ein ruppiger, von majestätischer Erhabenheit getragener Brocken, der in seinem sanften Postrock-Mittelteil grazil und hart um Godspeed You! Black Emperor treibt, das schroffe und hartkantige Finale im natürlichen Albumfluss bedingt. In ‚Bleeding The Pigs‚ predigt Waldschratt Steve von Till alleine über hypnotischen Soundeffekten, ehe Neurosis sich beharrlich in meditative Rage steigern, einen Druck erzeugen, der in den turmhohen Doom-Wänden der langsam aufgeladenen Riffkaskade ‚Casting Of The Ages‚ eine atemberaubend walzende Fortsetzung finden.

Dass ‚All Is Found…In Time‚ sich von Beginn an nicht schont, mit wilden Drumattacken einsetzt, lässt aufschrecken, dass der Song sich bis zur Wiederkehr der Ekstase am Schlagzeug an dessen Ende als einer der ruhigsten Kompositionen viel Raum nimmt, vielleicht noch mehr, bereitet aber auf den ungemein versöhnlichen Ausstieg von ‚Raise The Dawn‚ vor – von einer einsamen Violine geleitete Schlußpart öffnet dort gleichermaßen die Tore zum Orient wie in zu Tode betrübte Einsamkeit zurück, aus der ‚Honor Found in Decay‚ gestiegen ist – freilich inzwischen mit mehr Verzweiflung und Hoffnung beladen, tonnenschweren Eindrücken, welcher dieser mitreißende Malstrom der Schwermut aus endlosen Landen zieht.

Wo Neurosis in den sieben neuen Songs die Erwartungshaltungen makellos bedienen, ihre Stärken fast schon zu sehr nach Baukastenrezept bedienen und insofern durchaus leicht auszurechnen geworden sind (für eine reine Selbstkopie ist Honor Found In Decay dann doch zu stark), übertreffen sich die Kalifornier mit Stammproduzent Steve Albini im Erschaffen organisch gestrickter Soundlandschaften wieder einmal selbst: Jason Roeder’s Schlagzeug klingt satt, deftig und lebendig, die Gitarren schleudern monumentale Sludge-Riffs glasklar aber nie wirklich sauber, bohrend und majestätisch, von Till und Kelly röhren kehlig in animalischer Dominanz, weich in die rohe Live-Produktion gebettet. Hier sitzt jedes Detail, wirkt aber so natürlich gewachsen, besser als hier kann zeitloser, grenzenloser Metal nicht klingen. Startet ‚We All Rage In Blood‚ aus seiner ambienten Anfangsphase, tut er dies mit einer niederschlagenden Urgewalt, die ‚Honor Found in Decay‚ zu jeder Sekunde mit einer Selbstverständlichkeit inne wohnt. Nur ein weiterer Ausdruck der mittlerweile allgegenwärtigen Sicherheit (im positiven wie negativen), die Neurosis in ihre Kunst gelegt haben.

Honor Found in Decay‚ benötigt damit nicht nur weniger Songs als jedes Album zuvor, sondern ist auch generell das kompakteste Werk in der Nach-Hardcore-Phasen der Band. Neurosis haben in der längsten Pause ihrer Kariere merklich daran gearbeitet ihre Trademarks zu verdichten, dass nahezu exakt eine Stunde das Verlangen nach neuem Material nicht stillen kann, erhöht den Suchtfaktor zusätzlich.  Deswegen braucht ‚Honor Found in Decay‚ auch kein mutiges Album zu sein, ist ein mindestens souveränes Neurosis-Geschenk doch immer noch mehr wert, als Discographie-Highlights anderswo. Nicht nur deswegen hat das mit jeder Minute besser werdende ‚Honor Found in Decay‚ viel mit dem aktuellen Seelenverwandten von Converge gemein. Neurosis haben hier eine brutale Schönheit geboren, einer schonungslos anmutigen Gewalttat freien Lauf gelassen, wie niemand sonst sie entfesseln könnte.

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