Nostromo – Narrenschiff

von am 6. April 2019 in EP

Nostromo – Narrenschiff

Nostromo tasten sich nach dem Single-Duo bestehend aus Uraeus sowie dem Nasum-Tribut Corrosion im vergangenen Jahr mit Narrenschiff über ein noch ausführlicheres Kurzformat zurück zum triumphalen Comeback.

Was bereits die Doppelspitze 2018 andeutete, wird nun noch einmal über sechs neue Songs konsequenter unterstrichen: Die Schweizer Institution hat auch nach ihrer knapp elfjährigen Auszeit praktisch ohne Anlaufzeit eine absolut irre Portion Druck, Präzision und Aggression unter der Haube destilliert. Die Band aus Gent klingt ähnlich hungrig und vital wie in ihren besten Tagen, die Performance und auch Produktion von Narrenschiff strotzen vor Power und Energie, artikulieren jede Facetten intensiv und kräftig, sind stilistisch vor allem das Konkretisieren der Rückkehr zur Extrem-Form von Ecce Lex nach dem so überraschend durchatmenden vermeintlichen-Schwanengesang Hysteron-Proteron.
20 Minuten kredenzen hier einen finsteren, zutiefst brachialen Mahlstrom aus Grind-, Math- und Hardcore-Brutalitäten mit immanenten Oldschool-Vibe, der unter permanenter Attacke von latentem Death-Sperrfeuer steht. Giganten wie Botch, Coalesce und Ion Dissonance sind da Referenzen auf absoluter Augenhöhe.

The Drift überholt sich selbst auf den Weg in den Reißwolf mit Blastbeats, packt verquere Time-Signatures aus, tackert vertrackt und brüllt hysterisch, das folgende Taciturn torpediert seinen heavy Rhythmus mit hirnwütigen Gitarrenfiguren, ist gleichzeitig fatalistisch catchy und bestialisch aggressiv, technisch so versiert, dass jede Stumpfheit im kanalisierten Hass pulverisiert wird.
Das Muskelspiel von Superbia wird selbst den irrsten Pit noch weiter in das Inferno kicken, und hört natürlich ganz wo anders auf, als es begonnen hat. As Quasars Collide rührt den Moloch kurz noch dichter und atmosphärischer, dickflüssiger an – nur um dann mit einem Druck aufs Gaspedal förmlich zu eskalieren: Der Wille von Nostromo stets am Limit der puren Härte zu agieren ist so beeindruckend, wie er kompromisslos,  ungezwungen und organisch erzeugt ist.

Wenn man Narrenschiff etwas vorwerfen muss, dann, dass die Platte durch das Aubrechen des zu zwei Drittel makellos zelebrierten MO und darauf folgenden ästhetischen Wachstumsschubes ein klein wenig den kompakten Fluss verliert, hinten raus eher wie eine bestialisch gute Songsammlung wirkt: Das Finale aus Septentrion und dem Titelsong ist im Kontext mit subtilen Nahtstellen ausgestattet, aber deswegen gar nicht unbedingt deplatziert, weil die für sich genommen starken Nummern stimmunsgtechnisch absolut kohärent sind – und zudem vorführt, dass das Comeback von Nostromo nicht nur dem Zelebrieren alter Stärken dient, sondern auch als kreatives Ventil unbedingt Neuland erschließen will.
Septentrion zelebriert, dass Band in ihrem zweiten Leben eine Liebe für Größe entdeckt hat, längere Songs denn je schreibt, die sich Zeit nehmen dürfen. Der Epos der EP baut Spannungen über sein geduldiges Riff bedächtig auf, bevor die Zügel losgelassen werden und die Nummer wie eine Betonwalze auf Speed nach vorne zieht, die Gitarren als Hornissen kreisen, man im entfernten Sinn gleichzeitig an The Dillinger Escape Plan oder Deathspell Omega denken darf, bevor der Titelsong als Outro ein diffus verschwommenes Sample über die repetitiv wiederholten instrumentalen Figuren schickt.
Letztendlich sind dies dann ohne qualitativen Abfall zur ersten Hälfte der Platte auch höchstens kleine Schönheitsfehler in der grandios hässlichen Angelegenheit, das die Erwartungshaltungen gehörig nach oben schraubt: Nostromo müssen ihr etwaiges kommendes Studioalbum nicht mehr nur an den Glanztaten ihrer ersten Lebensphase messen, sondern mittlerweile auch an allem, was sie nach ihrer kaum mehr für möglichen Wiedergeburt veröffentlicht haben.

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