Okkervil River – In the Rainbow Rain

von am 2. Mai 2018 in Album

Okkervil River – In the Rainbow Rain

Auf dem wunderbaren Away hat Will Sheff Okkervil River 2016 im übertragenen Sinn zu Grabe getragen, mit In the Rainbow Rain feiert er nun die Wiederauferstehung seiner Band anhand von zehn süffig-eingängigen Popsong in verspielter Variationsvielfalt.

Mit den von engagierten Gastmusikern längst zur Stammformation gewachsenen neuen regulären Band im Rücken und vor allem Produzent Shawn Everett (The War on Drugs, Alabama Shakes) als klangtechnischen Perspektivenöffner vor Augen, hört man dem neunten Studioalbum von Sheffs Kombo die ambitionierte Aufbruchstimmung an, die In the Rainbow Rain dezidiert zum variabel aufgestellten Neuanfang für Okkervil River machen will.
Praktisch jeder der versammelten 10 Songs versucht sich und dem Wesen der Band neue Facetten in der klassischen Palette abzuringen, ohne dafür patentierte Komfortzonen unbedingt verlassen zu müssen, tatsächliche Risiken einzugeben oder die hauseigenen Stärken von Sheff zu ignorieren. Okkervil River-Trademarks in schillernd umgedeuteter Variationen mit üppigen Arrangements um einer catchy Substanz also; einer latenten Zugänglichkeit vor der Nachdenklichkeit eines Away und dem leichtgängigen Unterhaltungswert vor der emotionalen Dramatik.
Ein Ansatz, der mit unterschiedlichem Erfolg aufgeht und für einige individuelle Highlights sorgt.

In the Rainbow Rain beginnt mit einem Luftröhrenschnitt und hangelt sich über zartschmelzenden Pop samt 80er-Patina, souligen Backingchören, funky angehauchten Gitarren sowie schimmernden Synthieschichten zu zahlreichen weiteten Famous Tracheotemies. „When I had my tracheotomy/ I was blue and had stopped breathing/ There was something wrong with me/ …/ And I was one and a half/ I was my parents only kid/ And they had lost two before that“ singt Lennon-Lookalike Sheff und findet in Gary Coleman, Mary Wells, Dylan Thomas oder Ray Davis popkulturell prominenteLeidensgenossen, bevor sich alles in einer wunderbar subtilen Waterloo Sunset– Reminiszenz auflöst.
Das sentimental zum Kitsch neigende The Dream and the Light entschließt sich dagegen doch flotter nach vorne zu gehen. Mit akustischer Gitarre, Piano und eine versöhnlich-zurückhaltend jubilierender Stimmung, einem Richtung offenem Horizont laufendernWar on Drugs-Drive sowie hauseigenem Okkervil River-Verve verlässt sich Sheff darauf, die märchenhafte Bläserbegleitung irgendwann hochzuschrauben, bleibt aber selbst wenig zwingend im Auge eines zu enervierenden Marathons, der übrigens an ähnlichen Dingen scheitert, wie Jonathan Wilson zuletzt.
Nichtsdestotrotz zelebrieren Okkervil River hier noch mehr Stringenz als im tranigen Love Somebody: Eine plätschernde Lieblichkeit mit synthetischen Drumssound und galligen Keyboards, der ein bisschen Biss gut getan hätte, während Sheff  mit rosarot-fragwürdigen Text („And if you’re gonna love somebody/ You gotta lose some pride/ But you can’t be part of somebody else“) zum in den Gehörgängen festpappenden Fernsehgarten schunkelt.

Nicht spektakulärer, allerdings weniger belanglos einnehmend dann der tropikale Yacht-Modus von Family Song. Entspannt und angenehm treiben Sheff und Co. mit geschlossenen Augen im dezent wärmenden Sonnenlicht des Nachmittags, bleiben wie so oft zu ziellos und  harmlos, wiegen die Gefälligkeit jedoch mit dem nötigen Charisma auf.
Pulled Up the Ribbon drängt seine Rhythmussektion, dann vehement Richtung Tame Impala und führt einmal mehr die Crux der Platte vor: Es ist interessant zu hören, wohin In the Rainbow Rain das Wesen von Okkervil River in den Intentionen streckt, nur ist das erreichte Ergebnis nur selten spannend – eher auf enorm eingängige Weise souverän, ohne zu routiniert zu klingen. Nachzuhören auch im wunderbar legeren Folk von Don‘t Move Back to LA, das sich an seine unheimlich anschmiegsamen Laurel Canyon-Chöre lehnt und großartige Harmonien offenbart, bevor der schön unaufgeregte countryeske Boom-Chicka-Boom des wattierten External Actor so liebenswert locker entwaffnet.
Dagegen kommen Egalitäten wie der eindruckslos bleibende Shelter Song, der beliebige Synthpop von How it is oder sogar die verträumte, so bedeutungschwer überhöht in die Belanglosigkeit dümpelnde Schlusspunkt-Grandezza Human Beeing Song als retrofuturistisches Beatles-Bekenntnis zur Liebe (das grundsätzlich an die Gravitation der klassichen Okkervil River heranzureichen versucht) schlichtweg nicht an.

Was dabei die stärksten wie auch weniger überzeugenden Phasen der Platte eint: In the Rainbow Rain wird anhand einer größeren Anzahl an Ohrwürmern in Erinnerung bleiben, als vielleicht jedes andere Album seit dem Geniestreich The Stage Names, hat dabei aber nicht die emotionale Tiefe der seitdem von der Band veröffentlichten Arbeiten.
Weil In the Rainbow Rain (weder musikalisch, noch textlich) derart schonungslos zum Kern von Sheffs üblicher authentischer Katharsis vordringt und ein schillernd-plakatives Schaulaufen der Möglichkeiten bleibt, das nur selten eine packende Energie transportiert, stylish auffrisiert nebenbei begleitet. Die elaboriert die Aufmerksamkeit auf sich ziehende Produktion und Inszenierung der Platte kaschieren nur leidlich, dass das Songwriting an sich zu oft eine wenig zwingende Beliebigkeit verfolgt, Sheff im eklektischen Mäandern einer nichtsdestotrotz kohärenten Platte nach dem Opener viel bequem einer zu konsumierende Nebensächlichkeit frönt, aber kaum ikonische Szenen kreieren kann.
Die Unverbindlichkeit von Okkervil River im gefälligen Pop-Modus wirkt in seiner schwülstig flanierenden Grandezza deswegen oft zu zwanglos, lüftet den Kanon der Discografie aber gerade deswegen auch durchaus angenehm mit sanfter, unbekümmerter Nonchalance vom bedeutungsschweren Gewicht seiner hingebungsvollen Vorgängerplatten. In the Rainbow Rain wird damit ein kurzweiliges, ungezwungenes, farbenfrohes Sammelsurium und kurzweiliges Kaleidoskop optimistischer Stimmungen; eine liebestrunken schwelgende Elegie und Ausgelassenheit; vielleicht sogar genau die Platte, die man so bereits nach The Silver Gymnasium erwarten hätte können. Ein zweischneidiges Schwert als neu gefundene Leichtigkeit des Seins also.

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