Riverside – Shrine Of New Generation Slaves

von am 21. Januar 2013 in Album

Riverside – Shrine Of New Generation Slaves

Jede Wette: Mariusz Duda bestellt sich alle Veröffentlichungen aus dem Haus von Steven Wilson blind, findet die Entwicklung von Opeth so fantastisch, dass er die mit Riverside am liebsten nachvollziehen würde und hat ‚Storm Corrosion‚ mit den selben Freudentränen auf dem Plattenspieler rotieren sehen wie das endlich erschienene Dokument der einstweiligen Led Zeppelin-Reunion.

Der unumstrittene Mastermind der polnischen Vorzeigeprogger macht es auch mit dem fünften Album seiner Band Riverside nicht schwer, glasklare Einflüsse aus der Führungsriege der aktuellen Progressive-Rock Szene zu entziffern, sondern kehrt seine Vorlieben lieber stolz ans Tageslicht: die weitschweifenden Arrangements in ausufernden Songstrukturen (im längsten Fall diesmal knapp 13 Minuten); die technische Versiertheit, die sich auch abseits  profilierungssüchtigen Zurschaustellung in den Vordergrund drängt; der nebulös in den bedeutungsschwangeren Pathos entrückte Ausnahmegesang benutzt meist sogar die selben Vocal-Effexte wie es Åkerfeldt und Wilson tun. Wie die elegische E-Gitarre wellenförmig durch die halbakustischen Folk-Anleihen in ‚The Depth of Self-Delusion‚ gleitet, es hätte auch Opeth’s ‚Heritage‚ ansatzweise zur Ehre gereicht.

Riverside lassen es diesmal ruhiger angehen. Weil eben ja auch nicht alles aus dem dem Wilson/Åkerfeldt-Kosmos alleinig auf deren Mist gewachsen ist, sieht sich Duda in der Vergangenheit um und tauscht dabei die härtesten Passagen der vorangegangenen Riverside-Alben gegen jene Art von Retro-Rock ein, die in den 70ern noch Heavy Metal genannt wurde. Nicht immer die beste Entscheidung: ‚New Generation Slave‚ klaut sein Grundmotiv zu gleichen Teilen von Led ZeppelinsDazed and Confused‚ und Black Sabbaths ‚Paranoid‚ – der programmatisch folgende Ausbruch gerät jedoch so spannend wie das Geheimnis um die Rahmenhandlung von ‚How I Met Your Mother‚. ‚Celebrity Touch‚ holt ein altbackenes Zottelriff aus der Mottenkiste baut sein schwülstige Gitarrensoli (ein Unikum hier) um die soulige John Lord Gedächtnisorgel, wirkt damit aber nicht zeitlos, sondern bloß überholt.

Besser gelingt das Unterfangen dann schon bei ‚We Got Used to Us‚, wenn der begnandete Sänger Duda zuerst einen auf Maynard James Keenan macht (eher A Perfest Circle als Tool) und letztendlich doch eher bei einer Alternative Rock Halbballade landet. Oder wenn RiversideFeel Like Falling‚ genug Zeit, viel Raum und vor allem die so famos tuende Ruhe lassen, um sich mit elegischem, psychedelischen Jamcharakter und Porno-Saxofon-Part zum anachronistischen Captain Future-Rock von Black Mountains ‚In the Future‚ aufzumachen. So selbstverständlich wie zuletzt noch auf ‚Anno Domini High Definition‚ will das progressive Gedankengut jedoch auch hier nicht gedeihen, zu gewollt werden vergleichsweise zahme und vor allem höhepunktlose Passagen aneinandergereiht.

Wahrhaftig uferlos wird ‚Shrine Of New Generation Slaves‚ erst, wenn Riverside alle Motive der Platte auf den bereits erwähnten 13 Minuten von ‚Escalator Shrine‚ unter der Schirmherrschaft von Pink Floyd zusammenfassen und ein Paradebeispiel für die weitläufigen Möglichkeiten ihres Progressive Rock einfangen. Die Crux daran ist die selbe, wie an ‚Shrine Of New Generation Slaves‚ im Gesamten: irgendwie ist das Gebotene schon wieder verdammt oft gut so – weil Riverside eben wissen was sie können und können, was sie tun und tun. Viel öfter aber klingen die versammelten 50 Minuten nach kalkulierter Konzeption und Reißbrett, blutleer und nahezu vollends überraschungsarm. Ein versiertes Malen nach Zahlen, dass seltsam seelenlos bleibt, wenig berührend und steril, weil Riverside diesmal ausschließlich an der Oberfläche der Möglichkeiten kratzen und gar zu selbstlos keinen Hehl aus ihren Einflüssen machen kann. Hinsichtlich der Komplexität von ‚Shrine Of New Generation Slaves‚ mag der Vergleich deswegen hinken, aber: Riverside liefern diesmal zielgruppenorientiertes Genre-Fast Food ohne den von Riverside gewohnten Mehrwert-Standard. Das schmeckt natürlich trotzdem nicht übel – die wahren Gourmetmenüs servieren momentan aber andere.

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