The Rolling Stones [16.06.2014 Ernst Happel Stadion, Wien]

von am 18. Juni 2014 in Featured, Reviews

The Rolling Stones [16.06.2014 Ernst Happel Stadion, Wien]

14 on Fire: auch ohne aktuelles Album in der Hinterhand (‚A Bigger Bang‚ hat dieses Jahr tatsächlich bereits neun Jahre auf dem Buckel!) und ohne Notwendigkeit ein reines Greatest Hits-Programm abzuspulen liefern die Rolling Stones im rappelvollen Ernst Happel Stadion ohne Überraschungen zielsicher – und im besten Sinne: durch und durch solide – ab.

8 Jahre nach dem letzten Österreich-Stop von Mick Jagger und Co. fallen ein paar Stunden mehr nicht mehr ins Gewicht – die Wartezeit bis die Stones nach kurzem Bühnenmuskelspiel-Intro mit einem furiosen ‚Start Me Up‚ gleich in die Vollen gehen sollten zieht sich dennoch eklatant: permanente Updates über den Spielstand bei der Begegnung Deutschland gegen Portugal machen in der wartenden Menschenmasse die Runde, während das mit einiger Verzögerung geöffnete Stadiontor zum Geduld-fordernden Nadelöhr wird und der Einlass eine gefühlte Ewigkeit dauert.
Die zwangsläufig schwierige Rolle als Anheizer kommt danach The Temperance Movement (kann man ungeachtet des dürftigen Bandnamens eventuell kennen wenn einem das Schicksal von Ex-Jamiroquai Bassist Nick Fyffe am Herzen liegt) zu: die Londoner spielen Retro-geprüften Southern Revival-Rock mit gepressten Gesang und breitbeiniger interpretierten CCR-Stärken, zu gleichen Maßen geschult an Free, Aerosmith, Whitesnake, AC/DC und Konsorten, dem es gar nicht so sehr an Qualität mangelt, aber klar an Identität. Im Earache-Stall beheimatet kann es das Quintett deswegen auch nicht mit Kollegen wie den Rival Sons aufnehmen, weil sich neben gefälligen Melodien und reichlich Souveränität zu viele Längen in die solide dargebotene Stangenware der Band mischen. Dennoch: das hat durchaus seine Momente – die sich unter anderen Gegebenheiten wohl auch besser entfalten würden. So aber ist der aufkeimende Applaus im mittlerweile merklich gefüllten Stadion wohlwollend, aber kaum mehr – dass das knapp vierzig minütige Set kurzweiliger als die sich danach noch einmal ausbreitende, enervierend lange Wartezeit ist, darüber dürfte jedoch weitestgehend Einigkeit geherrscht haben.

Kurz vor 21.00 Uhr ist das freilich vergessen, weil die Party eben mit ‚Start Me Up‚ beginnt. Da kippt das Stimmungsbarometer schlagartig in den roten Bereich, ‚You Got Me Rocking‚ und ‚It’s Only Rock ’n‘ Roll (But I Like It)‚ kommen als Mottosongs des Abends schnell und kompakt, ‚Doom and Gloom‚ ist zumindest solide und in den Kontext passend, das psychedelische ‚Out of Control‚ eine interessante Wahl. Das Publikum frisst dem gut aufgelegten Jagger aber von dessen tapferen Gehversuchen in der deutschen Sprache bis hin zu klassischen Arena-Bespaßungen ohnedies alles begierig aus der Hand was serviert wird; bricht in Jubel aus wenn der 70 Jährige auf hohen Absätzen immer noch den drahtigen Ekstasetänzer gibt, für sein Alter ohnedies überraschend agil über die Bühne stackst und stimmlich immer noch eine überzeugende Performance liefert (dass ein ‚Angie‚ mittlerweile geangstechnische Grenzen aufzeigt: geschenkt!).
Überhaupt ist die allgemeine Verfassung der Band beachtlich, die Performance sitzt mit bis zum Nabel aufgeknöpften Hemden und Glitzerfrakks zu jedem Zeitpunkt makellos. Charlie Watts übernimmt wie gewohnt stoisch den Understatement-Part, Darryl Jones treibt nicht nur ‚Miss You‚ funky an, der spitzbübische Richards hat für ein großartiges ‚You Got the Silver‚ unmittelbar den Dylan-Modus parat und auch der Entertainer in ‚Can’t Be Seen‚ bereitet ihm sichtlich Freude. Drumherum zeigt er den gut gelaunten Lauser und spielt sein Instrument ausnamslos schludrig und ohnedies nur wenn es ihm gerade in den Kram passt. Weitaus gewissenhafter badet dagegen an der Gitarrenfront Glam-Kollege Ron Wood in der Menge und lässt sich dafür nur zu gerne feiern.

Appropos Gitarrenfront: da entpuppt sich ein im Gegensatz zu seinen spindeldürr gebliebenen ehemaligen Bandkollegen ein ziemlich aus dem Leim gegangener, auch auf dieser Tour als Dauergast eingeladener Mick Taylor als  an den Rand gedrängter heimlicher Held der Herzen (wobei im Publikum offenbar ohnedies nicht jedem klar zu sein scheint wer der begnadete Hexer auf der Bühne überhaupt ist – was das undankbare Schicksal Taylor’s nur zusätzlich verstärkt), der in ‚Midnight Rambler‚ und dem Feuerwerksprühenden Finale ‚(I Can’t Get No) Satisfaction‚ seine verdienten Minuten im Rampenlicht bekommt. Da werden Bluesrock-Momente in Reinform evoziert.
Als mit dem exaltierten ‚Honky Tonk Woman‚ beginnend die Songs auch immer ausführlicher zelebriert werden und die abseits des gewählten By Request-Songs ‚Get Off of My Cloud‚ (man wollte eigentlich ja eigentlich ‚Rise Like a Phoenix‚ spielen versichert Jagger) die genormte Setliste doch ausnahmslos nur noch Hits am Fließband ausspuckt (in ‚Gimme Shelter‚ becirct Soulstimme Lisa Fischer erst Richards und dann Jagger, für ‚You Can’t Always Get What You Want‚ erhebt sich ein Chor an den Seiten, ‚Jumpin‘ Jack Flash‚ ertönt aus einem Großteil der anwesenden 55.000 Kehlen) zeigt sich erst zu welchen Schmankerl  auch die mit effektiven Videowall-Einsatz und zweckdienlichen Sound (vor allem die Gitarren erweisen sich als etwas undifferenziert ausbalanciert, über das restliche Instrumentarium um Keyboard, BackgroundsängerInnen und 2-Mann-Bläsersektion wird bis auf wenige Highlightmomente drübergefahren) ausgestattete Bühne eigentlich fähig wäre: für ‚Sympathy for the Devil‚ badet die Bühne etwa imposant in einem bombastischen digitalen Flammenmeer – zu keinen Zeitpunkt sind mehr Handykameras gezückt.
Dass sich die Stones jedoch ohne auf das theoretisch verfügbare Brimborium zurückzugreifen die meiste Zeit des Konzerts rein auf ihre Präsenz und die absolute Magie ihrer Songs verlassen – und damit kein per se aufregendes, aber ungemein effektives Spektakel nach Arenaspielregeln ohne in erschlagendem Brimborium veranstalten – ist dann vielleicht auch eine Lektionen, die man auf vergangenen Touren gelernt hat.Vor allem aber (und den zahlreichen Schmährufen zum Trotz): vom oftmals herbeizitierten Ruhestand sind die Stones dank Abender wie diesem tatsächlich immer noch weit entfernt.

Setlist:

Start Me Up
It’s Only Rock ‚N Roll (But I Like It)
You Got Me Rocking
Tumbling Dice
Angie
Doom and Gloom
Get Off Of My Cloud
Out Of Control
Honky Tonk Women
You Got the Silver
Can’t Be Seen
Midnight Rambler
Miss You
Gimme Shelter
Jumpin‘ Jack Flash
Sympathy for the Devil
Brown Sugar

Encore:

You Can’t Always Get What You Want
(I Can’t Get No) Satisfaction

Related Post:

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen