Shearling – Motherfucker; I am Both: „Amen“ and „Hallelujah“…

von am 31. Dezember 2025 in Album

Shearling – Motherfucker; I am Both: „Amen“ and „Hallelujah“…

Alex Kent und Sylvie Simmons machen nach dem Ende von Sprain (personell durch Drummer Andrew Chanover und Bassist Wes Nelson sowie mittlerweile auch Elizabeth A. Carver an Gitarre, Keyboard und Sampler ergänzt) unter dem Banner Shearling weiter – und steigern sich mit dem Debüt Motherfucker; I am Both: „Amen“ and „Hallelujah“… gleich mal in einen 63 minütigen Nervenzusammenbruch von einem Album hinein.

Eigentlich: einem einzigen Track. Denn zum prätentiösen Titel und dem edgy (aber in rund einer Stunde auf inhaltlicher Ebene konzeptuell doch schlüssigen Sinn machenden) Artwork passend ist Motherfucker; I am Both: „Amen“ and „Hallelujah“… eine durchgehende Collage aus „dissonant noise rock, neoclassical arrangements, minimalist folk, chiptunes, glitch experiments, percussion ensembles, homemade gamelan, microtonal Mellotron drones, re-sampled improvisations and electroacoustic noise“ die aus „hundreds of hours of unreleased recordings“ ohne allzu streng eingestellte Filter („everything from studio sessions engineered by Jason Schimmel, live recordings, and even phone demos were thrown into the blender“) destilliert wurden.
Insofern kommt der Einstand von Shearling höchstens phasenweise (und da primär ästhetisch und hinsichtlich seiner Attitüde) der Fortsetzung von The Lamb as Effigy or Three Hundred and Fifty XOXOXOS for a Spark Union With My Darling Divine nahe – zumindest, wenn Sprain ihr ohnedies unorthodoxes Wesen endgültig durch Kents Solo-Ambient-Diskografie als Katalysator formoffen und strukturfrei gesprengt hätten, um konventionelle Zugeständnisse mit einer betont experimentellen Avantgarde-Brechstange endgültig hinter sich zu lassen.
Dort, wo die Maxime vom „Weg als Ziel“ keine Plattitüde, sondern ein Warnhinweis ist.

Die Odyssee von Shearling beginnt, wo das Erbe der Daughters und Alexis Marshall den Stoizismus der Swans in dissonanten Eruptionen in Rückkopplungen und Feedback aufbricht. Kent skandiert brüllend in psychostischer Manie von einer klapprigen Kanzel, er erzählt und schreit, flüstert und erzählt, fiebert exponiert und polarisierend.
Die Frage, wo hier die Grenze zwischen brillanter Konsequenz und sich selbst überhöhender Willkür verläuft, stellt sich nicht, denn diese Grenze ist schlichtweg nicht existent. Aber der Kraft und Energie, die die Band in ihren Sessions eingefangen hat, kann man sich dabei kaum entziehen. Sie hat eine archaisch fesselnde Intensität, beschwört eine auslaugende Dichte – und erlöst nach rund 9 Minuten auch mit einer Klimax aus der Apokalypse.
Danach pluckert der Reigen erst einmal elektronisch, klimpert in einem rumpelnden Bar-Kaleidoskop, fantasiert mit jazzigen Bläsern von Seancen in Tempeln und einem Stream of Consciousness, der weniger auf Konfrontation ausgelegt ist, als der Beginn der Platte.

Nach rund zwanzig Minuten beruhigt sich das Geschehen gar zur behutsam schleichenden Zeitlupe, als würde ein verzweifelter Will Scheff Okkervil River der Theatralik feilbieten. Shearling grooven später zur 40-Minuten-Marke und steigern sich langsam in Wahnsinn: „Darling Dear/ The ass will mount the maker/ And the cattle shall be stiffened/ As for the horses, oh, the horses?/ A horse is Rorschach spilling/ Projected blots upon the snow/ Will that be enough now to do ya?/ Then it shall be so/ To quote our patron Appaloosa: „Amen! Halle-motherfucking-lujah!“
Damit erreicht das Album über die Distanz zwischen den Minuten 38 bis 45 ihren Zenit, dreht die Schrauben in der superben Produktion immer enger, bis in die Manie, geradezu zwanghaft.

Der Spagat der Band zwischen der Unberechenbarkeit der Ausrichtung und einer sprunghaften Evolution der Ideen gelingt dabei kohärenter, als es auf den ersten Blick scheinen mag: Tritt man Schritt zurück und fokussiert nicht einzelne Passagen im Verlauf, funktioniert Motherfucker; I am Both: „Amen“ and „Hallelujah“… über die Summe seiner Teile hinausgehend.
Sicher: Man wird das Geflecht als Ganzes zwar nicht oft hören. Aber es wird bei jedem Durchgang besser und schlüssiger.
Hinter einem Mr. Bungle‘esken Zapping durch Cartoon-Fetzen setzen sich die letzten 6 Minuten jedoch nur mit einem Zahnarztstuhl an das Piano, um im Terror die Versöhnlichkeit mit direktem Xiu Xiu-Verweis einer Ian Curtis Wishlist-Signatur verpuffen zu lassen. Zeit um dies alles zu verdauen, wird jedoch nur in bedingtem Ausmaß bleiben: Shearling schürfen derzeit bereits ein zweites Album aus ihren Jam-Sessions.

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