Shura – Nothing’s Real

von am 31. August 2016 in Album, Heavy Rotation

Shura – Nothing’s Real

Ausgerechnet im tristen Kingdom of Rust malt eine 25 Jährige die Bilderbücher der 1980er farbenfroher und kraftvoller aus, als alle anderen: Shura gelingt mit dem wunderbar funkelnden  Nothing’s Real das erhoffte Konsens-Popfeuerwerk.

Dass sich Alexandra Lilah Denton aus Manchester für Ihr Debütalbum gefühlte Ewigkeiten Zeit gelassen hat (nach dem ersten Schwall an Singles 2014 saß Shura wie bereits Låpsley die Longlist der BBC 2015 aus, auch wenn schon die ersten Vorboten von Nothing’s Real eine aufgeweckte und sportliche Hatz versprachen) verschwimmt gleich mit dem atmosphärischen Willkommensgruß (i) hinter einem anachronistischen Synthie-Schleier, der gekonnt den Bogen in die offenbar niemals aus der Mode kommenden 1980er spannt, ohne dabei altbacken oder gekünstelt zu wirken. Shuras Ansatz ist klar: Frischzellenkur heißt das Zauberwort, nicht Imitation. Weswegen die junge Dame aus Manchester auch Authentizität ausstrahlt, die retroschicke Ästhetik und grelle  Attitüde punktgenau mit einer selbstverständlichen Nonchalance trifft – gerade dass Shura selbst eigentlich viel zu jung ist, um die anvisierte Epoche selbst miterlebt zu haben könnte hier der Trumpf für den Zugang sein.

Zu spät kann man mit diesen knappen Dutzend an Ohrwürmern allerdings ohnedies nicht kommen. Dafür verkürzt Nothing’s Real zu gekonnt die Distanz von Kate Bush über Robyn zu La Roux. Dafür ist das schlaue, effektive Songwriting der Britin schlichtweg zu gut und erfrischend. Und den Rest erledigt die Produktion von Joel Pott, der hier optimiert, was er bei den ebenfalls eklektischen London Grammar bereits antesten konnte, indem er Nothing’s Real zu einem runden Gesamtwerk mit variablem Spielfluss ausbaut (am deutlichsten wird dies, wenn der ätherisch schwimmende Synthiepop von Kidz ‚N‘ Stuff sich erst mit bittersüßer Note in die Gehörgänge schmeichelt, bevor Shura träumend zu wummernden Subbässen abdriftet und die Augen erst wieder für den nahtlos übernehmenden Club-Smasher Indecision öffnet). Bei Athlete hat Pott schließlich gelernt, dass man offensichtliche Referenzen nicht verstecken muss, wenn man seine Kraft ohne Nostalgie auch aus dem Hier und Jetzt beziehen kann.
Weswegen es dann auch kein Widerspruch ist, dass der aufgeweckt in die Disco stampfende Titelsong mit seinen jubilierenden Streichern und funky Gitarrenlicks gleich einmal wie die stärkste Madonna-Single seit mindestens einem Jahrzehnt klingt – und Shura selbst passend dazu wie eine junge Frau Ciccone. Und dennoch wird es danach eigentlich nur noch besser, wenn zwischen dem schmissige What’s It Gonna Be? und dem ungeniert cheesy glitzernden (oder wahlweise wie die angenehmste Janet Jackson-Ballade daherkommenden) 2Shy keine Sekunde ohne infektiöse Melodien und Hooks auskommen muß, die kleine bis mittelgroße Hits am Fließband serviert werden, Shura ihre Schablonen aber immer wieder neu in Szene setzt.

Im unendlich elegant die Gedanken von Daft Punk in einen kompakteren Kosmos verpflanzenden Make It Up tanzt Shura in der Menschenmenge unter der Spiegelkugel, das smarte Tongue Tied breitet sich ohne Opulenz aus. Den Kitsch umschifft auch das flott nach vorne gehende What Happened To Us?, das seinen Pop eher aus der Rock-Ecke nährt und einmal mehr vorführt, dass Shura auch The Cure und The Smiths kennt. Am schönsten bleibt vielleicht dennoch das so oft aufgelegte (in der Version ohne Talib Kweli auf dem Album gelandete) Touc , in dem die Stimmung von Nothing’s Real in einem groovenden Funk-R&B kulminiert, der nachdenklich und gefühlvoll die Trademarks von The Xx ausschmückt, indem er zarte Synthieflächen, Pianotupfer, und schnipselnde Beats zu einem melancholischen Sinnieren vereint: Endlich begegnet jemand seiner sehnsüchtigen Liebelei wieder einmal mit einer traumwandelnden Entspanntheit, nicht einer erschöpfend phrasierenden Exaltiertheit.
Shura weiß eben verdammt gut, was sie tut. „I don’t wanna let you love somebody else but me“ singt sie an anderer Stelle und bringt die einnehmende Sogkraft ihres Popmalbuchs damit auf den Punkt, bastelt mit Nothing’s Real eine über die Rekonstruktion hinweggehende Geschichte für Parallelwelten, in denen die 80er ohne stilistische Entgleisungen oder Ablaufdaten auskamen.
Am Ende nimmt sich Shura deswegen auch noch einmal alle Zeit der Welt – oder zumindest knapp 11 Minuten davon. White Light bedient sich 5 Minuten lang möglichst catchy daherschmeichelnder Strukturen, um dann in einem postrockig aufgehenden Finale zu verglühen, das heimlich in die zurückgenommene Intimität von 311215 führt und nur einen Schluß zulässt: Shura deckt mit Nothing’s Real nicht nur eine größere Bandbreite ab, ab als viele ihrer in eine stilistisch ähnliche Nische hineinarbeitende Kolleginnen, sondern könnte ohne sich auf die eine überragende Killersingle verlassen zu müssen auch schlichtweg den längeren Atem haben.

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