The Icarus Line – Slave Vows

von am 18. August 2013 in Album

The Icarus Line – Slave Vows

2001 verunstalteten die Vampire von The Icarus Line noch den Nightliner der Strokes und brachen wenig später in Fred Durst’s Interscope-Büro ein. Näher ran an den großen Mainstream-Rock’n’Roll-Zirkus wollten Joe Cardamone und seine Gefolgschaft nie. Das seinem Titel geradezu absurd Lügen strafende ‚Slave Voves‚ zeigt einmal mehr, warum dem immer schon so sein musste: auch Album Nummer 5 saugt im beklemmenden Zwielicht Blut.

Eben dort strahlen The Icarus Line in der schmutzigen Dunkelheit auch abseits streitbarer notwendiger Aktionen jene Tugend aus, die es ihnen schon bisher erlaubt hat, eine makellose Diskographie trotz einer überschaubaren Menge herausragenden Einzel-Songs zu erwirtschaften: wie nur noch wenige aktive Bands verstehen es die Kalifornier mit ihrem Rock’n’Roll eine aggressive Gefährlichkeit auszustrahlen – dunkel, verrucht und abgründig – die einen daran erinnern will, weswegen diese Art von Musik einst gefürchtet wurden.
Dass sich The Icarus Line dafür in erster und musikalischer Linie auch diesmal wieder bei den Errungenschaften der 60er und 70er gütlich tun, werden Plagiats-Unterstellungen im Rahmen von ‚Slave Vows‚ wohl nicht verstummen lassen. Mastermind Cardamone kann dies wieder egal sein: seine Gang hat ihre Aufgaben gemacht, weswegen sich die Epigonen-Truppe mit neuem Schlagzeuger (Ben Hallett) auch nicht davor scheut, neben den verinnerlichten, klassischen Säulenheiligen auch „neue“ Einflüsse im Bandsound zuzulassen.

Von ‚Dark Circles‚ weg, diesem knapp 11 minütigen, bedrohlichen Sumpf aus giftig groovendem Noise und hypnotisierend wabberndem Ambientrock, der erst nach und nach eine behäbig driftende Form aus dem losen Szenario schält und sich mit zusammengebissenen Zähnen an sinistre Blues-Anleihen kettet, zeigt sich, welchen imposanten Eindruck Michael Gira mit seiner aktuellen Swans-Platte (‚The Seer‚) bei Cardamone hinterlassen haben muss. ‚Dark Circles‚ bleibt als hemmungslos ausufernder Trip in dieser Konsequenz auf ‚Slave Vows‚ beispiellos (- und wirft außerdem die Frage auf: was machen die in dieser Schiene werkenden Comets on Fire aktuell so?), die angeteaserte absolute Kurskorrektur findet in weiterer Folge aber eher unter der Oberfläche statt: losere Songstrukturen, aber deutlich mehr Biss als auf dem Rolling Stones-verliebten Vorgänger ‚Wildlife‚ durchziehen die gesamte Platte, eine fiebrig pulsierende Zurückgelehntheit drückt dem dunklen Strudel aus kratzenden Attacken und eindringlichen Soundscapes ihren Charakter auf.

Aus ihrer Haut können The Icarus Line dabei letztendlich nicht: das potentielle Grinderman-Glanzstück ‚Don’t Let Me Save Your Soul‚ kommt langsam in Fahrt, skandiert Cardamone aber erst „The show is about to begin“ bricht seine Band mit Vintage Orgel befeuert bald darauf mitten rein in das Verehrte Vermächtnis von den Stooges, MC5, Stones und allem Zeitgenössischen (Ty Segall, Thee Oh Sees, etc.), was zwischen Noise- und Garage-Rock Krallen zeigt.
Das streunende ‚Marathon Man‚ sucht derart in Lauerstellung den Mittelweg und steigert sich mit bestialisch heulenden Distortion-Gitarren zur Kakophonie, das Suicide-ale Loop ‚No Money Music‚ (mehr Statement als Titel geht nicht!) baut über 118 schmerzverzerrte Sekunden Spannungen auf, weigert sich als infernale Feedbackorgie jedoch beharrlich davor endgültig zu explodieren. Mit gurgelnden, drängelnden Bassriffs, fiebrigen Gitarreneffekten in einem exaltiert am Mikro Blut und Schweiß ausspeienden Frontweirdo verdichten The Icarus Line ihr sumpfiges Gebräu stilsicher und in gewohnter Durchschlagskraft zu einem auf Tonträger genannten Rausch. Freundlich ist das alles nicht, aber eben: „Being in love is being fucked„.
Dass die Kombo aus Los Angeles mit dem sakral schiebenden Marsch ‚City Job‚ dazu beinahe einen kleinen Hit mit Cardamone als apokalyptischen Heilsbringer in der Hauptrolle auffahren, macht die Tatsache der dezent verweigerten Chance wett, dass der Band die psychedelischen Ansätze von ‚Dark Circles‚ auch auf volle Distanz durchaus zusätzlich in die Karten gespielt hätten. Ohnedies viel wichtiger aber: The Icarus Line bleiben auch mit ‚Slave Vows‚ nicht nur gefährlich und unberechenbar. Näher dran an ihrem eigenen ‚Fun House‚ waren sie noch nie.

08

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1 Trackback

  • The Icarus Line - All Things Under Heaven - […] ‚Slave Vows‚ und dessen Appendix ‚Avowed Slavery‚ haben eine Entwicklungsstufe für Joe Cardamones Band gezündet, deren zumindest vorläufigen Höhepunkt…

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