Swans – The Seer

von am 4. September 2012 in Album, Heavy Rotation

Swans – The Seer

Michael Gira konzentriert aus 30 Jahren Bandgeschichte das vielleicht ultimative Swans Werk: einen uferlosen Klangmonolith – angereichert mit allen Tugenden, zelebriert in mitreißender, nie gehörter Konsequenz und Rücksichtslosigkeit.

Alles hier schreit förmlich nach Opus Magnum, allein das „Was“ spricht Bände: das zwölfte Swans-Album, das zweite nach 17 jährigen Pause, besteht auf 2 Tonträger aus nur zehn Songs aber 2 Stunden Spielzeit. Zwei Nummer tänzeln um die 20 Minuten-Marke und ein dritter ist auch nach 32 Minuten noch nicht vorbei. Um da am Ball zu bleiben braucht es Kraft und Energie, auch für Gira: um die benötigte, letztendlich schier unüberblickbare Instrumenten- und Personalvielfalt samt einer vollkommenen Produktionsautonomität gewährleisten  zu können, erschien das früher im Jahr veröffentlichte Livealbum ‚We Rose from Your Bed with the Sun in Our Head‚ überhaupt erst, um das ausufernde Herzensprojekt ‚The Seer‚ zumindest im Ansatz finanziell stemmen zu können. Zu derartigen Maßnahmen muss man wohl greifen, wenn erfolgreichere Weggefährten die eigene Band seit Jahrzehnten als Inspirationsquelle angeben, der Kultstatus aber auch im Hiatus keine nennenswerten Geldbeträge aufs Konto gespült hat und die Comebackplatte höchstens anerkennendes Wohlwollen hervorgerufen hat. Allein für das hartnäckige Festhalten an der Vision ‚The Seer‚ gebührt Michael Gira somit Respekt – die unfassbar konsequente Kompromisslosigkeit hinter dem Mammutwerk verdeutlicht zudem nur zu nachdrücklich:  Swans beginnen immer noch dort, wo andere Bands aufhören – in jeder Hinsicht.

Michael Gira sucht auch auf ‚The Seer‚ wieder nicht nach Zugänglichkeit in Form von allzu vorstelligen Melodien – selbst, wenn er sie vor allem für das spartanische Balladenkleinod ‚Song for a Warrior‚ oder die nur auf eine zerbrechliche Melancholiegesangslinie gestützte Intermezzo ‚The Wolf‚ findet – ,‘The Seer‚ experimentiert charakteristisch mit repetitiven Songformen, wiederholt Schemen und Motive, schichtet neue Ebenen auf und baut Flächen in die Breite gehend. Gira brütet an einer tiefschürfenden, oftmals rein instrumentalen Meditationsform, einer umschwemmenden Trance bei welcher der Weg das Ziel ist – abseits von Konventionen und Songschablonen, in gespannter Atmosphäre, meist düster und unheilvoll. Wie ausufernd zentrierte Jam-Übungen erscheinen viele der selten umgänglichen und nie unmittelbar direkt funktionierenden Kompositionsmeere aus ‚The Seer‚, man möchte nicht glauben, dass das Meiste hier seinen Ursprung allein auf Giras Akustikgitarre hatte und sich nun widerborstig zum hinmelhohen Monolithen auswächst, im kantig vollen Klang oftmals so karg und ausgemergelt einherkommend, obwohl es im gerne einmal vorherrschenden perkussiven Stoizismus doch an allen Ecken und Enden aus den Nähten platzen müsste,

In ansatzweise ähnlicher Fulminanz machen das mit dem Fokus am Rhythmusgerüst aktuell vielleicht nur noch die geistigen Ziehsöhne Liars, es spricht für sich, dass ausgerechnet diese jedoch nicht in der zum bersten gefüllten Gästeliste auftauchen. Für würdigen Ersatz sorgt die New Yorker Kunst-Klicke von Yeah Yeah Yeahs Frontfrau Karen O über Akron/Family, Ben Frost, Mercury Rev’s Grashopper bis zum Low-Doppel Alan Sparhawk und Mimi Parker. Seelenverwandte wie Sonic Youth oder Glenn Brancas Gitarrenorchester bündeln sich im  getriebenen Malstrom, und doch ist es immer einzig das von Dutzenden Schultern gestützte Kollektiv hinter Gira, die der Klangvision der Institution Swans hier ein einziges Denkmal errichten, der Unverkäuflicher ihrer Kunst an sich, und die gesamte Gästeschar nahtlos assimiliert. Sie werden verschlungen von Elementen aus Drone, Post-Rock und Post Punk, hartnäckigen Beatgerüsten nahe von  Industrial, Ideen von Wave, Rock und  dunklen Folk ziehen dahin- auf ‚The Seer‚ scheint auf dem Weg zur kakofonischen Katharsis alles irgendwann möglich zu sein. ‚Lunacy‚ spannt sogleich den Bogen zwischen Rock und gebetsmühlenartigem Chant, ist vorausdeutend beschwörender Auftakt und stellt letzten Endes schon klar: „Childhood is over„.

Tatsächlich liebäugeln Swans hier nicht mehr, sie treiben gereifte Trademarks in die Extreme. Ohne Vorwarnung kredenzen Swans aus dem Hinterhalt magischen Momente: der unverhofft einsetzende Dudelsackangriff im noch und nöcher bis zum Blues variierenden Titelsong, der Schlichtungsversuch durch anmutige Kirchenglocken in ‚Avatar‚ hievt die Anmut noch höher.. ‚Mother of the World‚ beschäftigt sich minutenlang nur mit Rhythmusfragen, ehe man sich dem eigentlichen Song hingibt, der Atem dabei bleibt schwer und ekstatisch. Wenn das Pink Floyd-artige ‚A Piece Of The Sky‚ gegen Ende doch noch durch die wallende Klangwolke bricht, ist dies ein weiterer solcher überirdischer Moment, der einzige, langanhaltende Rausch von ‚The Apostate‚ dazu. Die verstörende Unordnung von ‚93 Ave. B Blues‚ lässt aus dem Loch aufschrecken, in welches einen ‚The Seer‚ ohne Gegenwehr zu ziehen beginnt. Natürlich erfordert dies alles eben auch Zuwendung und Zeit von Seiten der Hörer – wird dennoch überfordern und erst spät in seiner erschöpfenden Gesamtheit zu einer unkonkret bleibenden Sinnsuche in der Tiefenkraft experimenteller Musik erblühen. Einem Puzzle gleich sind die einzelnen Teile oftmals wenig sinnergebend und entfalten sich erst mit etwas Distanz. Dann aber erstrahlt die mächtige Soundkathedrale ‚The Seer‚ umso heller und unbarmherziger.

Und vielleicht auch gerade deswegen so überwältigend, weil es die oftmals abschreckende Fassade der Swans dennoch in einer bisher unbekannter Offenheit wirken lässt und damit auch eines jener Spagatwunder ist, die einer derartig kredibilen Institution nur selten gelingt: es ist Triumphzug für alteingesessene Hörer, gleichermaßen aber unverbogene Schnittstelle zu neuen Hörerschaften, die hier Ursachenforschung und Extremexkursion gleichermaßen betreiben können. Mehr noch: ‚The Seer‚ katapultiert als solches Werk Michael Gira und seine Swans aus der ikonenhaft verehrten Nische von Musiknerds und Kritikern, hievt die Band in das nahezu allerorts bewundert betrachtete Rampenlicht, wo diese ewige unfassbar bleibende Instanz aus dem Untergrund mit einem unkomprimitierten Album die Anerkennung der breiten Öffentlichkeit abseits von Verkaufszahlen einheimst. Swans fassen damit dreißig Jahren zusammen, formulieren ihr unbeschreibliches Amalgam auch frei von zeitlichen Ketten als Leitstein für die Zukunft.“I’m a completely wrung-out washcloth of a human being.“ erklärt Gira nach dem Schöpfungsprozess. Jeder Ton auf ‚The Seer‚ ist Zeuge davon, die Hörer geknechtete Nutznieser. Es bleibt das Gefühl, das Swans hiermit alles gesagt haben, alles getan haben, worauf sie 30 Jahre hingearbeitet haben. Diese Wahnsinnstat soll trotzdem nicht der neuerliche Schwanengesang gewesen sein. Was hiernach kommen soll, bleibt dennoch fraglich. Swans haben sich vorerst selbst übertroffen.

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