The Lord – Forest Nocturne

von am 22. Juni 2022 in Album

The Lord – Forest Nocturne

Dass Needle Cast und We Who Walk in Light keinen Platz auf Forest Nocturne gefundenen haben, macht durchaus Sinn, denn sie haben auf eine absolut falsche Fährte geführt: The Lord alias Greg Anderson hat mit seinem ersten Soloalbum eher einen Soundtrack für die Welten geschrieben, die Sunn O))) umkreisen.

Kompakter und phasenweise auch griffiger schraffiert sind die Perspektiven in diesen Gebieten, doch spricht Anderson nicht umsonst von etwaigen Score-Künstlern als direkte Referenzen für Forest Nocturne: Gleich der Opener Theme installiert seinem Titel entsprechend schließlich ein grundlegendes Thema (eine simple, fast schunkelnd auf- und ab-pendelnd Melodiefolge, die in etwa klingt, als hätte ein 80er-Jahre-John Carpenter in seinen Horrorfilmen statt Synthies doomige Gitarren eingesetzt) dem wir so in weiterer Folge der Platte als Leitmotiv immer wieder begegnen werden – hier mit düsteren Drone-Schattierungen um die (wenn in der falschen Stimmung erwischend schon auch verdammt ermüdend-repetitiven) Figur, die subtil und stoisch stampft.
Schon der Einstieg verdeutlicht durch die Vehemenz, dass, wenn The Lord dieses zentrale Thema beschwört, er es exzessiv ins Rampenlicht stellt, er alle anderen Facetten seiner malerischen Atmosphärearbeit durch die Präsenz des Musters förmlich an den Rand drängt, es wiederholt, bis aus dem Martyrium eine gleichmütig, zermürbende Transzendenz werden soll. Was im weiteren Verlauf übrigens besser, weil so viel natürlicher funktionierend gelingt, als in dem enervierenden Prolog von Forest Nocturne.

Das sakrale Church Of Herrmann left sich vor dem Altar auf eine pastorale Orgel, lässt ein bisschen Feedback brutzeln, so bedrohlich und düster wie erhebend. Im Suspiria’esken Hexentanz von Jóhann Jóhannsson Left-Hand Lullaby I dreht der Wahnsinn die Schrauben delirant-psychedelisch des halluzinogenen Nebels enger, wo Left-Hand Lullaby II spacig weiterbimmelt: Auf einmal brädt ein Drone Metal Riff in das Geschehen, auf dem sich der Suspense des Themas nervös und hektisch ausbreitet, und spät aber doch in sinfonische Arme gleitet.
Forest Wake stampft derweil mit leidlich variierter Auslage dieses Ursprungs unter Sirenengeheul zum Luftschutzkeller und verabschiedet sich ohne Wiederkehr: zumindest als rahmender Abschluss hätte The Lord diesen von Anbeginn die Richtung weisenden Anker noch einmal zurückholen können, um einen runden Spannungsbogen in der Homogenität zu beschreiten. Stattdessen wird Forest Nocturne jedoch latent unbefriedigend entlassen, weil sich das finale Drittel vom roten Faden verabschiedet und sich eher wie ein weniger erfüllendes Lite-Alternativ(und auch: Spar)programm zu den mächtigeren Sunn O)))-Monolithen anfühlt.

Dabei macht Anderson deswegen aber nichts falsch, keineswegs. Deciduous säht als subtil-minimalistischer Ambient vor, was Old Growth als Andacht im Schatten des Mutterschiffs sägend erntet – ein melancholisch-sinistres Piano als individuelle Facette sorgt dabei für die Ahnung der Emanzipation, bevor Triumph Of The Oak seine Riffarbeit trotz des allgemeinen Verzichts auf Drums gewissermaßen breitbeiniger und kompakter im elegischen Fluss der geduldigen Kontemplation formt, derweil mit Attila Csihar  ein alter Bekannter unter den dräuenden Saiten mystisch greinend rezitiert – und dann irgendwo doch den Schulterschluß zu den beiden Standalone-Singles über dem Horizot anbietet.
Die Abzweigung dorthin hätte des faszinierenden Reizes wegen noch ausführlicher erforscht werden können, denn so wirkt das imaginativ an der kurzen Leine haltende, einnehmende Debütalbum in Summe doch ein wenig unentschlossen oder ziellos – oder wie ein vielversprechendes Übergangswerk.

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