The Rolling Stones – Foreign Tongues
Die Rolling Stones bestätigen das Niveau von Hackney Diamonds mit einem noch gelungeneren Update – obwohl sie die Rechnung auf Foreign Tongues abermals mit dem furchtbaren Andrew Watt machen.
Um den Elefant im Raum also gleich eingangs zu adressieren: Ja, natürlich ist die Produktion des 25. Albums der Briten eine Katastrophe. Wie immer bei Watts eben.
Alleine die Drums im unendlich seelenlos komprimierten Sound in ihrer katastrophal schnalzenden Plastik-Ausstrahlung hören zu müssen, tut einfach weh, weil es auch dem organischen, natürlichen Gefühl der Songs an sich diametral entgegenläuft.
Doch wo man Watts zugute halten muss, dass er offenbar eine grundlegende Motivation bei den von ihm betreuten Bands entfachen kann, ist im Falle von Foreign Tongues, ähnlich wie bei der jüngsten Pearl Jam-Platte, das Material an sich auch einfach gut genug, dass er es mit seiner künstlichen Ästhetik nicht komplett verschandeln kann.
Mit einer illustren Gästeschar (unter anderem Steve Jordan, Darryl Jones, Steve Winwood, Robert Smith, Paul McCartney, Benmont Tench, Bruno Mars, und Chad Smith – aber glücklicherweise keiner Lady Gaga) ist das Niveau seit dem überzeugenden Comeback vor drei Jahren noch einmal gestiegen.
Auch wenn Foreign Tongues mit 63 Minuten Spielzeit natürlich zu lange ausgefallen ist und sich einiges an mediokrem Füllmaterial eingeschlichen hat. Jealous Lover bremst den bis dahin tollen Spielfluss etwa funky-romantisch mit kreischender Fistelstimme aus, und der solide Standard Mr. Charm begnügt sich mit einer allzu banalen Hook. Covered in You klimpert kitschig und wirkt seltsam entfernt, hätte aus seinem netten Refrain ein erhebendes Momentum erzeugen können, bleibt jedoch leider belanglos, während Side Effects eine langweilige Routine ohne zwingende Idee darstellt.
Ob das launig groovende Amy Winehouse-Cover You Know I’m No Good im Verlauf wirklich nötig gewesen ist, darüber lässt sich zumindest diskutieren – zumal die wirklich gelungene Adaption eine weniger auf glatten Hochglanz polierte Ästhetik verdient hätte. Sicher ist hingegen, dass die Stones den idealen Zeitpunkt zum Aufhören verpassen, weil sie die im Lofi geschrammelte Chuck Berry-Nummer Beautiful Delilah als regulären Closer auf Foreign Tongues anhängen, anstatt sie als als Bonus Track, B-Seite oder einfach anderswo in der Tracklist platziert besser zu nutzen.
Aber weh tut das alles nicht. Und vor allem sind da sonst einfach richtig viele richtig tolle Songs.
Gleich das grandios eröffnendes Doppel aus dem lebendig aus der Bar klimpernden Bluesrock und Statement-Opener Rough and Twisted sowie der beseelt aufbrechenden Top-Single In the Stars besticht. Divine Intervention geht flott, locker und lässig nach vorne und macht mit seiner munteren Art einfach Spaß. Die countryesk zum Americana schunkelnde Gemütlichkeit Ringing Hollow ist wirklich schön und versteht sich blendend mit dem Disco-Ohrwurm Never Wanna Lose You – ein Hit!
Hit Me in the Head ist ein guter Standard-Rocker mit exemplarisch effektiver Hook (und neben dem iTunes-Track Bad Luck Hideaway auch einer von zwei Songs, die Charlie Watts noch vor seinem Tod eingespielt hat), während Keith Richards (mit gebügelter Stimme) das Mikro für die ebenso berührende wie gefällige und zu lange Ballade Some of Us übernimmt.
Und Ronnie Wood darf dann das ruhige Back in Your Life (als eigentlich idealer Abschied von der Platte) hemmungslos soliderend über den ausfadenden Horizont tragen. „Oh, what would it take to get back in your life?/ It’s deafening silence again/ You see, the truth to be told is often served cold/ Is this how our story will end?/ Oh, I hate that I’m losing a friend“, singt Jagger elegant wehmütig. Und auch wenn er dabei die flüchtige Art unverbindlicher Liebeleien meint, deutet er dabei eine universelle Tiefe an, die man den Stones so selbst nach Hackney Diamonds nicht mehr zugetraut hätte. Gerade mit Watts am Produzentenstuhl.


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