The Vaccines – English Graffiti

von am 27. Mai 2015 in Album

The Vaccines – English Graffiti

Noch einen Aufguss ihrer nach wie vor ganz vortrefflichen Debüt-Hitschleuder ‘What Did You Expect From The Vaccines?‚ wie das souveräne 2012er Zweitwerk ‚Come of Age‚ wollte Vaccines-Chef Justin Young wohl am wenigsten seiner eigenen Band abermals zumuten. Dafür, dass die angestrebten Expansionsabsichten nach der kurzen Auszeit gelingen, sorgt dann schon alleine der Sound von Produzent Dave Fridman.

So klingen selbst jene Songs, die sich am stärksten an den ersten beiden Studioalben der Londoner orientieren – soll heißen: jene Nummern, die das längst kultivierte Händchen für frontal-eingängige Indierock-Ohrwürmer samt nostalgischem Flair und hintergründigem Grower-Potential beeindruckend smart ausspielen – klangtechnisch weitläufiger, knalliger, wuchtiger und reichhaltiger; die Ambitionen der Band über sich selbst hinauszuwachsen und endlich die lange eingeforderte Anerkennung zu kassieren ist allgegenwärtig.
Gleich das eröffnende ‚Handsome‚ ist so ein schmissig in britische Garagen polternder Hit, wie ihn Young „hundertmal am tag schreiben könnte„, doch damit geben sich die Vaccines diesmal aber eben nicht zufrieden, diesmal musste es mehr sein. Von MGMT-, Tame Impala– und Flaming Lips-Intimus Dave Fridman erwartete man sich deswegen vorab, dass er den unergründlichen Sound des Sleater Kinney-Meisterstücks ‚The Woods‚ reproduzierte, tatsächlich öffnete der Studiotausendsassa dem englischen Quartett aber gleich noch mehr Optionen.

Dream Lover‚ bläst sein simples Riff zu einer mächtigen Walze auf, selbst wenn der Song am Ende nur ein Update zu ‚Do I Wanna Know?‚ von den Arctic Monkeys darstellt – auch ‚Maybe I Could Hold You‘ hat diese aufgladene Groovefixierung von ‚AM‚ abgeschaut. ‚20/20‚ gibt derweil in Richtung der 1980er ordentlich Gas und auch das zielgenaue ‚Radio Bikini‚ wird Fans der ersten Stunde begeistern und das Quartett weiterhin dazu animieren von ihrer Hardcore-Liebe zu sprechen.
Dabei werden vor allem die zurückgenommeneren Nummern der Platte auf lange Sicht bleiben: ‚Want U So Bad‚ schwelgt in einer verträumten Melodie, lebt aber vor allem von all seinen aufgefächerten Gitarren und ‚(All Afternoon) In Love‚ ist als intimes Highlight ein wunderbar kontemplatives Stück tonaler Romantik. Das entspannt laufende ‚Minimal Affection‚ findet sein Glück dagegen unkaschiert in der Discographie der Strokes, wo ‚Denial‚ ohnedies nur noch mit einem Bein sowie seinem energetischen Riff im klassischen Indierock der Vaccines verwurzelt ist und Julian Casablancas wohl am liebsten längst in elektronischere Gefilde gefolgt wäre. Folgerichtig erhebt sich ‚Give Me A Sign‚ von seinem akkustikgitarrengestampften Strophe ohne jedwede Problematik in einen fett für den Popkonsensmarkt aufbereiteten Synthiebombastchorus. Man ist eben One Direction-Fan.

Der nutzlos bleibende Pseudoexperimental-Rausschmeißer ‚Undercover‚ führt zudem abschließend die Problematik einer Platte vor, die wohlüberlegt selektiert keinen richtigen Ausfall parat hält, jedoch auch nicht das angestrebte Gewicht erreicht, sondern abermals vor allem eine unverbindlich im Hinterkopf verschwindende Sammlung an versiertem Songwriting auffährt: Weil sie theoretisch zwar vieles besser macht als die beiden Vorgänger, praktisch aber sogar enttäuschender ausfällt, weil sie nie dorthin geht, wo es wirklich wehtun würde und damit mehr Potential denn je liegen lässt.
In Summe ist das doch auch zusammengestückelt wirkende ‚English Graffiti‚ insofern mit vielen ebenso charmanten wie hartnäckigen Ohrwürmern ausgestattet, ist die bereits für ‚Come of Age‚ angekündigte Emanzipation von der reinen Dringlichkeit hin zu mehr variabler Reife im Sound – sitzt aber auch zu inkonsequent zwischen den Stühlen, als hätte Dave Fridman The Vaccines nur bis zu einem gewissen Punkt aus deren Wohlfühlzone ziehen können, bevor man an den entscheidenden Stellen doch lieber auf Nummer Sicher ging. Was bleibt ist dennoch das bereits dritte weitestgehend gute Album der so adaptionsfähigen Band, ihr vielfältigstes zudem, mehr aber noch ein entscheidendes für ihren zukünftigen Weg an sich. „We wanted to make something that sounds amazing next year and then terrible in 10 years!“ tönte Young vorab, scheitert daran aber wohl bereits im Ansatz, weil ‚English Graffiti‚ in seinen besten Momenten trotz einem Mehr an Facetten weiterhin das tut, was The Vaccines immer schon meisterhaft beherrschten: die Vergangenheit plündern. Das man sich spätestens in wenigen Wochen an den Songs von ‚English Graffiti‚ sattgehört haben wird, sich einigen Jahren aber vermutlich wohlwollend darüber freuen wird, wenn sporadische Songs der Platte in der Random-Playliste auftauchen, ist sicherlich auch kein schlechter Tausch.

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