The Bronx – V

von am 25. September 2017 in Album

The Bronx – V

Dass in den vergangenen Jahren ein drastisches Ungleichgewicht im Verhältnis der veröffentlichten Platten von The Bronx und ihrem Alter Ego Mariachi El Bronx entstanden ist, musste also kein Grund zur Sorge sein: Das Hardcore/Punkrock-Mutterschiff liefert zum fünften Mal in Folge zuverlässig ab.

Und das obwohl die beiden Vorabsongs Sore Throat und Two Birds als erste Tonträger-Lebenszeichen (abgesehen vom Live-Dokument Live Cuts) von The Bronx seit dem vielerorts als Discogrfie-Schwachpunkt engesehenen 2013er-Vorgänger trotz darbenden Hunger auf neues Material durchaus ambivalente Reaktionen hervorrufen konnten.
Weniger Sore Throat (ein wie von der Tarantel gestochen nach vorne gehender, energisch mit Scheuklappen polternder Tollwutangriff, der wie ein Überbleibsel vom 2003er Debüt kreischt und faucht; zu zielstrebig sogar, als dass großartig Platz für einen ausgefeilten Refrain bliebe) als vielmehr Two Birds: Viel Wah Wah-Pedal und gefällig-harmonische Backingchöre machen den potenten Danko Jones-meets-The Hellacopters-Hardrocker alleine schon deswegen noch weicher zugänglich als die meisten The Bronx-Nummern von Album Nummer IV, weil Ford, Caughthran und Co. hier keiner latenten Aggressivität frönen, sondern stattdessen eine unbeschwert headbangend Nonchalance exerzieren – und damit (gerade auch im Kontrast zur ersten Single) eben eine polarisierende Entwicklung hin zur beliebigen Verwässerung etablierter Tugenden in Aussicht stellten, der man durchaus besorgt entgegenblicken durfte.

Mittlerweile weiß man, dass The Bronx ganz pauschal doch Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der beiden Herolde bewiesen haben. Wo die zwei Singles für sich selbst stehend nämlich durchaus auf die falsche Fährte führen können – alleine schon, da sich V sich selten derart klar zwischen Wurzelfreilegung und exzessiver Zugänglichkeit entscheidet – bilden Sore Throat und Two Birds (im Kontext der restlichen Platte übrigens deutlich besser funktionierend, weil runder im Gefüge aufgehend) geschickt maßgebliche Aspekte ab, in deren Spektrum sich das fünfte Studioalbum von The Bronx bewegt.
Ja, V lässt seinen Melodien mehr Freiraum als jede bisherige The Bronx-Platte, ist harmonischer und phasenweise auch poppiger, drangsaliert aber nichtsdestotrotz gleichzeitig wieder betont roher, dreckiger und angriffslustiger als zumindest sein direkter, zackiger Vorgänger: Produzent Rob Schnapf (Elliott Smith, FIDLAR, Kevin Devine) hat der Band einen zwingenden, windschnittig aufs Gaspedal steigenden Sound verpasst, der immer wieder massiv auf das dynamisch-kraftvolle Spiel von Neo-Schlagzeuger und Social Distortion-Antreiber Dave Hidalgo Jr. baut, um den Songs einen hungrigen, straighten Punk-Grundton zu verpassen. Das kreativere Spiel des leider (und ausgerechnet!) zu den Eagles of Death Metal abgewanderten Meisters Jorma Vik vermisst man über die gesamten 35 Minuten der Platte trotzdem zumindest unterbewusst, wenn sich das Songwriting der Band 2017 folgerichtig auch weniger wendig präsentiert.

Über weite Strecken scheinen The Bronx in dieser Auslage kommend dafür förmlich vor Energie und revitalisiertem Druck zu bersten, während versöhnliche Gesten nunmehr wie selbstverständlich scheinen. V ist eben keine Platte zwischen den Extremen geworden. Sondern eine, die an einer grundsätzlichen Balance interessiert ist, indem sie auch das bisherige Gefälle zwischen Instant-Klassikern und starken Standards ausbügelt, auf tatsächlich herausragende Ausnahmesongs (samt den wirklich erschlagenden Hooks, Killermelodien oder eskalierend ausbrechenden Katharsis-Explosionen) vielleicht expliziter vezichtet als seine mit markanteren Highlights ausgestatteten Vorgänger, dafür aber die immanente Klasse der Band typisch zuverlässig und variabel über die gesamte Spieldauer ausfallfrei abruft.
Es gibt im fein das Tempo wechselnden Fluß also Drängler wie die The Distillers-artige Highspeedhatz Night Drop At The Glue Factory (in der Caughthrans Stimme seltsam dünn klingt, als wäre sie erst in der Postproduktion wütend abgeschliffen worden), die heult und simpel presst, oder aber den polternden The Hives‚eske Speed-Konsum Stranger Danger, der giftig in den Summer of Sam hineinpoltert und plötzlich beim elektrifizierten The Stooges-Piano klimpert, bevor Fill the Tanks ein finster dräuendes Riff über martialische Drums jagt und als sehniges Kraftpacket absolut atemlos packt.

Side Effects schwelgt dafür entlang seiner tollen Gesangslinie mit gemein flanierenden PS unter der Haube und zugänglicher Oberfläche zum Schweinerock von AC/DC, während Channel Islands bluesiger orientiert gefühlvolle Classic-Motive in einen Refrain münden lässt, der in anderen Händen eine glasklare Hymne hätte werden können – The Bronx wollen das Publikum aber selbst bei solchen Gelegenheiten doch lieber im Pit schwitzen sehen.
Past Away galoppiert dagegen poppunkig zur Call and Response-Backdrop, Broken Arrow tritt den Adrenalinspiegel mit viel Fuzz durch die Decke und Cordless Kids rollt ein regelrecht progressiv über sich selbst kugelndes Riff vor sich her, macht dann zu einem großen Melodiebogen auf, der kurz wie eine Guns N‘ RosesNummer jault.
Wenn V ein Aushängeschild hat, dann ist es diese Nummer. Da macht es auch nichts, dass Kingsize als Closer wieder einmal (weil Schlusspunkt abseits vom überlebensgroßen Strobe Life ja ohnedies noch nie die wirkliche Stärke der Band waren) nur eine souverän nach Hause gespielte Routinearbeit mit versöhnlichen Unterton und knackigem Motor ist, der sein sachte zurückgenommenes Finale keiner unnötigen Gewalt aussetzen will. Längst haben The Bronx einen zu diesem Zeitpunkt von V schließlich wieder an der Angel. Mit einer Platte, die diesmal den Spagat zur abonierten Verlässlichkeit hin schafft, indem sie die Errungenschaften von The Bronx (IV) mit einer in die Mangel nehmenden Back to the Roots-Power umsetzt – und damit zum fünften Mal in Folge kaum etwas falsch macht.

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