Alabama Shakes – Sound & Color

von am 21. Juni 2015 in Album

Alabama Shakes – Sound & Color

Kein Schnellschuss, sondern akribisch forcierte Weiterentwicklung: Alabama Shakes schöpfen die Möglichkeiten ab, die sich ihnen mit ihrem Debütalbum aufgetan haben und modernisieren ihren Retrorock in Sound and Color.

Boys & Girls‚ platzierte seine Songs in Hollywoodfilmen, Charts und Grammy-Listen, zog Applaus aus allen Lagern und sogar von Barack Obama himself nach sich: Alabama Shakes waren mit ihrem souligen Southern Roots Rock aus dem Stand heraus schlichtweg die Genre-Band der Stunde. In einer Situation, an der man durchaus hätte zerbrechen können, haben Brittany Howard und ihre Jungs wohl das einzig richtige getan, sind in sich gegangen, haben sich mit dem Nachfolger Zeit gelassen und sind hörbar an den Gegebenheiten und zusätzlich verfügbaren Optionen gewachsen: ‚Sound & Color‚ zeigt Alabama Shakes als noch runder funktionierende Gemeinschaft, die nun zudem deutlicher weiß was sie will, wozu sie fähig ist, die sich deswegen generell mehr zutraut und ihren Sound darüber hinaus mit produktionstechnischen Kniffen über das Retro-Stigma hinweghebt.

Wo Howard ihre Goldstimme weiter veredelt hat, noch inbrünstiger croont und fleht,  eindringlicher streichelt und zupackt, haltloser leidet und die Zügel anzieht, überhaupt variantenreicher agiert – in ‚Don´t Want To Fight‚, diesem smart groovenden Ohrwurm (der praktisch alles richtig macht was die Black Keys im Bluesrock schon lange nur noch seicht hinbekommen) besucht sie in geschmeidig kreischender Kopfstimme etwa den Funk von Prince, nur um ihr mächtiges Organ im krautrockig gen Western-Suspence torkelnden ‚Gemini‚ mit wabernde Halleffekten zu unterlegen -, ja in dieser Steigerung hat sich auch ihre (böse Zungen werden deklarieren: Backing)Band im Klangbild und Songwriting nahtlos mitentwickelt. Da fließt das eruptiv zwischen verletzlichem Weichzeicher und emotionalen Ausbruch zu seinem butterweich stampfenden Finale wandernde ‚Give Me All Your Love‚ in die vor Soul förmlich schmelzende Lagerfeuerbluesschönheit ‚This Feeling‚ über, bevor ‚Guess‚ mit 60s-Feeling Erinnerungen an Amy Winehouse hervorruft und das fast schon rotzig losgelöste ‚The Greatest‘ unmittelbar danach den vor Spielwitz kaum zu bändigenden Garagenrocker gibt.

Sound & Color‚ fängt in seiner einheitlichen Atmosphäre eine stilistisch deutlich größere Bandbreite ein als sein Vorgänger, was zu einem Großteil Produzent Blake Mills zuzuschreiben ist: der 28 Jährige lässt den Bass furztrocken und die Drums voll klingen, die Instrumente als weiches, aber bestimmtes Polster für Howard kreieren, verleiht dem Zweitwerk der Alabama Shakes eine organische Wärme vor dem vielschichtig texturierten, herrlich analog daherkommenden Soundbild, scheut aber eben auch nicht vor mutigen Entscheidungen zurück, die Puristen irritieren werden. Neben ‚Gemini‚ wagt etwa ‚Dunes‚ in seinem Wellengang den reichhaltig einwirkenden Gebrauch von Effekten über Howards Stimme, das hypnotisch über zahlreiche Vovalspuren becircende ‚Future People‚ packt eine wummernd unter Strom stehenden Bassturbine aus. ‚Miss You‚ zögert dagegen seine Detonation mit viel Twang hinaus, nur um danach umso apprupter einen Platz im Motown-Balladen-Kosmos zu reklamieren, ‚Over my Head‚ assimiliert Handclaps und R&B-Konturen, der Titelsong perlt über sein Vibraphone in eine ätherische Streicherlandschaft und will gleichzeitig Single, aber doch vor allem nur Intro sein: ‚Sound & Color‚ soll eben auch mehr als die Summe seiner Teile sein.

Ein ‚Shoegaze‚ spannt dann zwar den Schulterschluss zurück zu ‚Boys & Girls‚, so straight wie 2012 werkeln Alabama Shakes im zweiten Anlauf allerdings nicht mehr, die Vertiefung im Klang, der ganzheitliche Aspekt steht diesmal vor der Dringlichkeit im Songwriting. Daraus entsteht eine Wachstumsplatte für die Band selbst, ein praktisch makelloses, zeitloses Gebräu für alle anderen. Obwohl Alabama Shakes als wahre Musterschüler ihrer Disziplin mit ‚Sound & Color‚ so einerseits an der Perfektion schnuppern, hinterlässt die Platte andererseits doch auch den Eindruck, dass der Band ein zusätzlicher Funke an impulsiver Unberechenbarkeit (den ‚Boys & Girls‚ etwa noch besaß) nicht schaden würde. So herrscht aber eine Abgeklärtheit in der doppelbödig wirkenden Sicherheit, die keinen Zweifel daran lässt, dass das Quintett stets so sehr unbedrängter Herr der Lage ist, als dass sie mit dieser Akribie die wirklich genialen Momente, den Exzess provozieren könnten. Ein kaum fehlbarer Favoriten-Start-Ziel-Sieg kann eben auch das gewisse Etwas vermissen lassen – vordergründig in der Haltung, der Ausstrahlung, gar nicht so sehr in der Musik an sich –  , selbst wenn er dazu führt, dass er die Genre-Hoffnungsträgern Alabama Shakes endgültig als feste Größe an der Speerspitze etabliert und sogar bereits einen gewissen Klassiker-Anspruch reklamiert.

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1 Trackback

  • The Arcs - Yours, Dreamily, - […] in der Mayweather-Pacquiao-Kampfnummer ‚Stay In My Corner‚ auch ein wenig wie ‚Sound & Color‚ im unverbindlichen Schlafwagenmodus und ähnlich…

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