At the Drive-In – in•ter a•li•a

von am 30. Mai 2017 in Album

At the Drive-In – in•ter a•li•a

At the Drive-In versuchen 17 Jahre nach dem die Band sprengenden Relationship of Command mit in•ter a•li•a das Feuer von einst neu zu entfachen, ignorieren allerdings geflissentlich, dass die Zeit eben nicht stehen bleibt und sich manche Dinge kaum konservieren, und nur bedingt gut aufwärmen lassen. Inwiefern diese Rechnung aufgeht, ist letztendlich jedoch vor allem eine Frage der Relation.

Ich habe allen gesagt, sie sollen aufschreiben, welche Filme sie damals gesehen haben, welche Musik sie damals gehört haben, welche Bücher sie gelesen haben, welche Schicksale sie erfahren haben“ erzählt Omar vom Entstehungsprozess der Platte nach der Aussöhnung – und fasst damit die Crux eines Dokumentes irgendwo gut zusammen, das so sehr seiner eigenen Vergangenheit verpflichtet ist, und alleine damit irgendwo scheitern musste. Der Spoiler also vorab: in•ter a•li•a wird ein ähnliches Schicksal wie (das selbstrefentieller kopierende, aber highlightspezifischer arbeitende) Refused-Comeback Freedom als überdurchschnittlich gelungenes Genre-Album fristen, das angesichts der zuständigen Band dennoch als herbe Enttäuschung und nur bedingt notwendiger Discografie-Appendix in die Annalen eingehen dürfte.
Denn dass in•ter a•li•a sich von vornherein noch so sehr darum bemühen kann, vordergründig all jene Altfans abzuholen, die ihr Herz an das Meisterwerk Relationship of Command verloren haben, (und über vereinzelte Songs wie das spritzig-angriffslustige Governed by Contagions mit seiner hartnäckigen Hook sicherlich auch Zugeständnisse an die In/Casino/Out-Phase zu machen, kaum jedoch die stiefmütterlich behandelte Zeit davor ) ,erweist sich als Pyrrhusaufgabe, die der durch (den zweckdienlich unauffälligen) Sparta-Kumpel Keeley Davis ersetzte Jim Ward von vornherein nicht mittragen wollte.

Vielleicht, weil ihm klar war, dass At the Drive-In mit dem so forciert nostalgischen Ansatz ihres (bereis live so unheimlich solide vorweggenommenen, aber eben auch kaum euphorisch entlassenden) Comebacks eine Last auf die Schultern laden würden, die man durch die stilistischen Ausbrüche mit Sparta und The Mars Volta eben geschickt und infektiös umgangen war.
in•ter a•li•a hält so einer (im nicht primär entgegenkommenden Sinne zu verstehenden) reifer gewordenen Band einen Spiegel vor Augen, der eben unweigerlich die Dinge vermissen lässt, die die Jugend (respektive das erste Leben) der Post Hardcore-Derwische auszeichnete. Elemente, die sich nach der langen Auszeit eben trotz der richtigen Einstellung und Vorbereitung nicht restlos authentisch beschwören lassen – und in•ter a•li•a deswegen über weite Strecken gefühltermaßen eher wie eine progressiver ins Detail gehende, reicher texturierte Fortsetzung des AntemasqueEinstandes wirken lassen. Womit man eigentlich verdammt gut leben kann.

Natürlich ist das in diesem konkreten Fall letztendlich dennoch in erster Linie eine Frage der subjektiven Erwartungshaltung. Weil eben: At the Drive-In. insofern bleibt nüchtern festzustellen: Der unbändige Level an Energie und Druck, der etwa Relationship of Command auszeichnete, fehlt in•ter a•li•a ebenso, wie die rohe Explosivität eines In/Casino/Out. Die elf neuen Kompositionen gehen zwar allesamt dringlich nach vorne, fühlen sich hungrig an, mäandern mitunter aber ohne überschäumenden Biss und lösen über ihre jeweiligen Spielzeiten selten restlose jene Versprechen ein, die die pressenden Motive der ersten Sekunden in Aussicht stellen.
Vor allem Cedrics Stimme klingt dazu mittlerweile einfach zu gemäßigt, agiert ohne Wut und Exzess. Die Band spielt ihre stets ambitioniert ziehenden Songs dahinter mit ordentlich Punch, aber ohne (drogenindizierten) Wahnsinn in den Augen, zumal über weite Strecken gar zu gleichförmig inszeniert: Die (wieder einmal) polarisierende Produktion lässt die Kompositionen flächig und ohne Fokus zünden. Man fühlt sich als Hörer oft verloren in der grundsätzlich vorhandenen Substanz, die so dicht über der druckvollen Rhythmussektion gestaffelt wurde.
In•ter a•li•a funktioniert über diesen Zugang zweifellos mehr als souverän, bereitet seine Songs jedoch ohne die variable Vielseitigkeit von früher formelhaft repetitiv und bisweilen medioker auf, tauscht Unberechenbarkeit bis zu einem gewissen Grat gegen Routine und bleibt als Masse trotz vieler poppiger gewordener Tendenzen nur langsam hängen. Eine gewisse Reißbrettartigkeit hat das impulsive Chaos übernommen, in der viele Rhythmen der 42 Minuten gleich arbeiten. Wo Omars Gitarrenspiel dazwischen noch so gefinkelt daherkommen mag stimmt der Pegal an Spannung und Dynamik. Dennoch krankt in•ter a•li•a anhand minimaler Details daran, unbedingt mitreißend oder bedingungslos packend zu sein. Allerdings immer nur im direkten Vergleich zur eigenen Geschichte.

Positioniert man das vierte Studioalbum der Band aus Texas jedoch angemessen im Kontext, mögen die unablässlich markanten Szenen in•ter a•li•a insofern fehlen, um künftige Setlisten tatsächlich anstandslos bereichern zu können – zumindest zweckdienlich aufgefüllt wird der At The Drive-In’sche Songpool allerdings makellos. Denn nichtsdestotrotz findet all das Jammern außerhalb der bandeigenen Hohheitsgebiete auf beachtlich hohem Niveau statt.
Das tumultartig stürmende No Wolf Like the Present nagelt mit seinen wüsten Gitarren etwa einen enorm eingängigen Refrain an die Wand und ist dennoch nicht derart catchy wie das seinen Refrain zu oft repetierende Incurably Innocent oder der schlichtweg groß aufzeigende Kracher Call Broken Arrow. Wenn Songs wie Pattern Against User oder One Armed Scissor in Gegenüberstellung also unsterbliche Klassiker sind, sind die hartnäckigsten Songs auf in•ter a•li•a zumindest impulsive Hits.
Tilting at the Univendor reißt das Ruder dann auch gekonnt zwischen vertrackt und melodisch umher, das gegen den Strich gebürstete Pendulum in a Peasant Dress findet immer wieder neue Ausfahrten, um aufs Gaspedal zu steigen und Ghost-Tape No. 9 drosselt das Tempo atmosphärisch dicht – vielleicht der einzige Moment der Platte, der nicht derart erwartbar (im negativen wie zu guter letzt vor allem im positiven Sinne) aufgeht, wie das angesichts der Vorabsingles und der Live-Rückkehr abzusehen war. Deswegen ist es auch stimmig, dass das stakkatohaft waltende Continuum die Durchschlagskraft von einst adäquat kopiert, wie sich Torrentially Cutshaw an alte Stärken anlehnt. Eventuell mangelt es der Platte auch einfach am Blick in die Zukunft.

Und sicher: Früher war alles noch besser, klar. Nach dem wiederholten Sturm der aufgefahrenen 42 Minuten muss man jedoch auch nach und nach einsehen: Stärker als At the Drive-In sind aktuell trotzdem nur wenige Szene-Kollegen. Das macht den Grower in•ter a•li•a vielleicht immer noch nicht zu jener erträumten Comebackplatte, die einem begeisternd die Spucke raubt – und wohl eben noch nicht einmal zu einer, die das Vermächtnis der Band unbedingt gebraucht hätte. Aber zu einer, die mit jedem Durchgang deutlicher, stärker und infektiöser rechtfertigt, warum Cedric Bixler-Zavala, Omar Rodríguez-López, Paul Hinojos und Tony Hajjar den Faden von einst unbedingt neu aufnehmen wollten.

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