Antemasque – Antemasque

von am 16. Juli 2014 in Album

Antemasque – Antemasque

“The Mars Volta and At the Drive-In had a baby, and it’s called Antemasque” sagt Cedric Bixler-Zavala und umreißt die Wiedervereinigung mit Omar Rodríguez-López damit ebenso akkurat wie er zu kurz greift: die Auszeit voneinander hat ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die Arbeit mit Bosnian Rainbows und Zavalaz. Dazu haben die unzertrennlichen Langzeitpartner nicht nur die Liebe zueinander, sondern auch zum kompakten Format im eingängigen Postpunk und komplizierten Core-Pop samt Classic-Rock-Vibe (wieder)gefunden.

Man kann sogar soweit gehen zu behaupten: Antemasque verhalten sich zu The Mars Volta ähnlich proportional wie Jaguar Love zu den Blood Brothers: zugänglicher, unkomplizierter, poppiger. Die Wogen sind eben auf allen Ebenen geglättet, die Sticheleien seit ‚Noctourniquet‚ vergeben und vergessen: die Seelenverwandten Omar und Cedric können eben nicht ohne einander. „Us against the world“ und „I should have never given up“ leistet der Vocalakrobat im süßen Singalong ‚50,000 Kilowatts‚ regelrecht Abbitte – und Antemasque artikulierten dazu als polarisierende Albumspitze einen überschwänglich beschwingten, geradezu cheesy agierenden Popsong im Nostalgiegewand. Nur eine der vielen Möglichkeiten die sich die Band offen lässt: ‚Providence‚ hätte sich auch ‚The Bedlam in Goliath‚ wohlgefühlt (und sprengt auch als einziger Track hier die 4-Minuten-Marke locker), für den Hummelflug ‚In the Lurch‚ brodelt der Funk, während die ursprünglich im Synthienebel badende Ballade ‚Drown All Your Witches‚ in der vollendeten Version nun sexy-leichtfüßig polternd vor Led Zeppelin kniet und vielleicht am deutlichsten aufzeigt, dass Cedric bisher wohl niemals gleichberechtigter neben Omar stand. Die Balance zwischen ausgefuchst eingespielt und straight inszeniert, zwischen fokussiert und verspielt, sie gelingt eventuell so, wie sich das der akribische Arbeiter Bixler-Zavala immer schon vom impulsiven Wirbelwind Rodríguez-López  gewünscht hat. Man hört ‚Antemasque‚ den Spaß den das kongeniale Duo hieran hatte förmlich an.

Von der proklamierten Supergroup ist man allerdings doch weiter entfernt als anfangs spekuliert. Weil sich der alte Schlagzeugbekannte Dave Elitch zwar mittlerweile einen Namen bei Killer be Killed gemacht hat, Red Hot ChiliHexer Flea allerdings doch kein festes Mitglied der Band ist, sondern nur für einige der Bassspuren gesorgt hat. So kommt das selbstbetitelte Debütalbum der wiedervereinten Kumpels auch entschlackt daher, als hätte man sich vielen angestauten Ballasts entledigt – mit viel Wucht auf der explosiven Schießbude, einem trockenen Groove und Omar, der wie schon bei Bosnian Rainbows in der Reihe bleibt, etwa im grandios hibbeligen ‚I Got No Remorse‚ zwar immer noch für kurze Soloausbrüche gut ist, nicht nur in ‚People Forget‘ die allgemeine Griffigkeit mit flächigen Soundscapes umstreunt, seine Gitarre aber meist ohne elaborierte Extrarunden am Wave und Postpunk entlangtanzen lässt und sein irrwitziges Songwriting merklich gezähmt hat – während Cedric’s Stimme rauer, weniger theatralisch aber galliger zu Werke geht als in den letzten Jahren. Die Distanz zwischen leidenschaftlichem Crooner und zupackenden Anpeitscher in Rockstarpose ist da für den sich abermals ein Stück weit neu erfindenden Ausnahmesänger ein kurzer.

Die Strukturen sind dabei deutlich simpler gehalten als alles was Cedric und Omar seit gut zwei Jahrzehnten gemeinsam geschaffen haben. Gerade diese immanente Sucht nach Eingängigkeit und Hooks in den Vocalspuren kann allerdings an manchen Stellen durchaus aufdringlich wirken, wenn Refrains wie toppender Zuckerguss über Strophen geprügelt werden: beispielsweise ‚People Forget‚ oder der launig surfende Galopp ‚Ride Like The Devil’s Son‚ (samt stimmungsmachendem Mitsingpart für den Pit) penetrieren regelrecht versessen mit durchsichtiger Verse/Chorus-Formelhaftigkeit nach Cut and Paste-Prinzip die Gehörgänge: einige (der gar zu oft strapazierten) Refrains wirken dazu als wären sie nicht Hand in Hand mit ihren Strophen entstanden, sondern erst nachträglich verschraubt worden.
Antemasque‚ versammelt so zwar nicht weniger als 10 abwechslungsreiche Ohrwürmer die hinuntergehen wie Öl, tänzelt dabei aber nicht zu jedem Zeitpunkt vollends schwindelfrei an der Grenze zur energiegeladenen Gefälligkeit: weil sich viele Melodien gar zu mühelos anzubieten, allzu glatt zünden, man im Verschweißen der Songparts immer wieder die Brechstange auspackt um zu beweisen dass auch Edelprogger (und ja: alleine aus technischer Sicht ist das alles wieder schwindelerregender Prog) plötzlich unkompliziert wirkenden Postpunk-Poprock aus dem Ärmel schütteln können – als müsste man die Trennungsmonate nun mit einem Endorphinschub sondergleichen kompensieren. Vor allem aber: die rohe/abgedrehte Emotionalität der beiden „Vorgängerbands“ erreichen Antemasque zu keinem Zeitpunkt. Das hochexplosive Feuerwerk ‚Antemasque‚ ist deswegen auch ein zweischneidiges Schwert: fetziger und direkter unterhalten hat kaum eine Rodríguez-López/Bixler-Zavalas-Platte – schneller satt gehört hat man sich allerdings auch an keinem Projekt der beiden. Strick kann man dem Duo daraus jedoch keinen drehen: am Scheideweg zwischen gesteigertem Nervfaktor und hartnäckig süchtelnder Hitdichte entscheidet sich das rasante ‚Antemasque‚ im Zweifelsfall stets für zweiteres. Keine Platte für die Ewigkeit, aber ein spontan aus der Hüfte geschossenen Feuerwerk, das dem Momentum extrem kurzweilig in den Hintern tritt.

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