Bear in Heaven – I Love You, It’s Cool

von am 29. März 2012 in Reviews

Bear in Heaven – I Love You, It’s Cool

Als hätte man sich das 21. Jahrhundert in den 1980ern ausgedacht: Bear in Heaven braten Indierock aus dem USB Stick, so anachronistisch wie hip im Morgen verankert.

Warum ‚Beast Rest Forth Mouth‚ hierzulande nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt gefunden hat, wird wohl auf ewig ein kleines Mysterium bleiben. Überall sonst gingen Bear in Heaven mit ihrem Zweitwerk ja beinahe durch die Decke. Nicht so gepfeffert wie die nächsten (musikalischen) Nachbarn Yeasayer, aber das festigte  doch den Ruf, den Brooklyn sich als Keimzelle einer neuen Strömung von Popmusik angeeignet hatte. Da war rhythmisch aufregende Rockmusik mit einem Bein auf dem Dancefloor, mit dem anderen in den Hörsaalen, weil das ja letztendlich schlau war, aber nicht nur das Köpfchen sondern vor allem den Bauch ansprach. Bear in Heaven passten da mit ihrem Synthgemisch aus Kraut und Pop nur zu gut ins Schema, vertrieben sich mit Veranschaulichungen in Sachen Drone kurzweilig die Zeit und ließen als Apetizer zum dritten Studioalbum jeden Track derart verlangsamt auf ihrer Homepage laufen, dass der Stream sich über einen Monat ertrecken würde. Dazu passend gibts das Album im Bundle mit Terrabyte Festplatten zu bestellen.

Für das umständlich betitelte ‚I Love You, It´s Cool‚ setzen Bear in Heaven genau dort den Hebel an: Tunken die ausladenden Kompositionen in allerhand dunkel gefärbte Synthies, nicht immer ist ihr drittes Studioalbum derart quietschvergnügt und knallbunt wie das Augenkrebsgefahr erregende Cover suggeriert. Die Arrangements wurden in die Breite gezogen, nicht mehr alles muss tanzen, die Stücke fließen konzentriert um hymnische Melodien.
Das wärmt unterkühlte Nächte, lässt Keyboardtasten bis in die Knochen vibrieren, wabbert und flirrt im offenen Raum, den großartigen Popsongs im zerfaserteren ‚World of Freakout‚ muss man erst einmal finden, bei all den gegenläufigen Synthiewellen, den darunter stattfindenden Gitarrenströmungen, den Beats –  beim überragenden ‚Cool Light‚ drängt sich das hingegen regelrecht aus. Bear in Heaven lassen Animal Collective noch experimenteleller klingen, Phoenix so kompakt und direkt wie nie, Duran Duran als altbackene Idole und wer will schon so nerdig sein wie Hot Chip. „Dance with Me“ fordert Sänger Jon Philpot und irgendwie ist das tanzbar, ja. Nur noch viel eher psychedelisch mit Mitteln des Shoegaze, als käme keine Sekunde der Platte analog aus, rückwartsgerichteter Futurismus.

Das abschließende ‚Sweetness & Sickness‚ packt zu meditierendem Atmosphärefluss dezente Bongopercussion. Das ist weder auf der Höhe der Zeit, nicht hinten nach oder vorne weg, sondern außen vor. ‚I Love You, It´s Cool‚ ist ein zuerst unbekömmlicher Nachfolger zu ‚Beast Rest Fourth Mouth‚, muss sich Zuneigung erarbeiten, aus der prompten Sympathie heraus, weil offenkundiger weniger zu entdecken ist, tatsächlich aber ähnlich viel passiert unter all den Schichten. Und irgendwann geht in all dem Moll doch die Sonne auf – und plötzlich scheinen Bear in Heaven sogar das optimale Cover gefunden zu haben.

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