Willie Nelson – Dream Chaser

von am 31. Mai 2026 in Album

Willie Nelson – Dream Chaser

Willie Nelson hat mit Dream Chaser anhand von 10 rundum gelungenen Reflektionen über die Vergänglichkeit, das Leben und die Liebe, ein unspektakulär simplizistisches 79. Soloalbum aufgenommen.

Nach Workin‘ Man wieder auf den typischen Sound von Produzent und Co-Songwriter Buddy Cannon setzend, fällt der Umstand auf, dass die Stimme des mittlerweile 93 jährigen diesmal im Studio gefühlt weitaus weniger glatt gebügelt wurde, als es in dieser Konstellation sonst oft der Fall ist: Nelson darf nun endlich etwas älter und brüchiger klingen, wo sonst oft Autotune die Wogen geglättet hat.
Diese Entscheidung spielt nicht nur dem Charakter der Platte in die Hände, sondern kommt ihr auch thematisch entgegen.

Der Opener und Titelsong gibt als (einer von vier von Bobby Tomberlin mitgeschriebenen Stücken) entspannt schunkelnde Country-Sentimentalität (bzw. auch als Ohrwurm-Highlight) den Weg vor: Verblüfft darüber, wie schnell die Zeit vergeht, während manche Dinge sich ändern und andere gleich bleiben, ist da eine sofort heimelig einnehmende Zuverlässigkeit, die kein Spektakel braucht. Nelson flaniert durch typische Hooks und geht als unpackbar konsistente Macht in seinem Tun auf: „You may not understand it/ Why we live with the sacrifice/ But it’s worth every mile/ To get to sing for a while/ Truth is I’ve done it all for free/ Always rhymes to be makin’/ When you’re a dream chaser like me.
Auch in weiterer Folge bleibt das im allerbesten Sinne so souveräne Dream Chaser ein weitestgehend ruhig angelegtes Album, das eingängig und romantisch, bittersüß und auch sentimental frei von Kitsch bleibt. Gemütlich und balladesk schippern Songs wie Fly Away oder We’d Make a Good Movie wehmütig, schwofen anderswo (Wonder What I’m Gonna Do) und blicken ein bisschen müde nach vorne (Love Overdue). Die Inszenierung und Arrangements sind ausgewogen, charmante Solos finden statt. Willie pflegt hier einen angenehmen Optimismus (I Don’t Think I’ve Cried Today) und beweist dort auf Cover-Pfaden Vertrauen (Developing My Pictures).

Ohne schlechten Song ragen dabei drei Nummer aus dem kurzweiligen Reigen heraus.
Das Duo aus dem richtig flott gelösten After All und Whiskey Wants Me To als entspannter Americana Rock für die Bar – das ohne Nelson austauschbar und generisch wirken würde, so aber das Lachen über die flapsigen Humor der Hook („I don’t wanna drink no more, but the whiskey wants me to“) tragikomisch im Hals stecken lässt – fällt mit seinem Tempo aus dem restlichen Rahmen, doch ist es natürlich vernünftig, die Dynamik von Dream Chaser nicht zu gleichförmig werden zu lassen.
Und dann ist da noch das maßgeschneidert in den restlichen Kontext passende I Can’t Read Your Mind, das unspektakulär plätschernd harmonisch schlicht und schön einnimmt – indem es den Schulterschluss zu Bob Dylans jüngsten Studioalben vollzieht: Erstmals seit Across the Borderline 1993 haben die beiden Legenden wieder einen Song gemeinsam geschrieben. Dass sie mit diesem die melancholische Seite von Dream Chaser betonen, vertieft auch die subversive Bandbreite einer Platte, die auf den ersten Blick als unscheinbare Routine auftritt, sich letztlich aber vor allem als ein weiteres heimliches Highlight der unfehlbar bleibenden späten Willie-Diskografie entpuppt.

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