Ed O’Brien – Blue Morpho
Die Spielfreude, die Ed O’Brien bei der jüngsten Radiohead-Tour auf die Bühne gebracht hat, schlägt sich nun in seinem zweiten Solo-Album – respektive dem ersten unter eigenem Namen – Blue Morpho nieder.
Blue Morpho ist das in vielerlei Hinsicht die besser funktionierende Fortsetzung von Earth, dem EOB-Einstand von 2020, geworden. Wobei es schwer ist, genau zu definieren, inwiefern genau der 58 jährige seinen eklektischen, stiloffenen Ansatz in qualitativer Hinsicht vorwärts gebracht hat.
Vielleicht liegt es daran, dass er als Klangmaler und Ästhet eine einnehmendere und komplettere Vision seines Schaffens zeigt, und seine Musik, gelöst vom konventionellen Songwriting, gleichzeitig selbstsicherer und in sich geschlossener wirkt.
Oder es ist einfach so, dass Blue Morpho kurz-, mittel- und wohl auch langfristig mehr Szenen hängen lassen kann, als Earth, während die Atmosphäre-Arbeit diesmal tiefenwirksamer fesselt.
Incantations nimmt geheimnisvoll an Fahrt auf, die Percussion treibt sanft durch eine psychedelisch Aura. Besonders an der Hälfte des Openers ist die Nähe zur Stimmung auf Yorke-Alben, aber auch Radiohead-Werken subversiv greifbar: Man kann sich vorstellen, dass das Material hier Schattierungen für Post-Moon-Alben besorgen hätte können. Entrückt und mystisch schwelgend braust das Szenario traumwandelnd Choral auf – nur um lose und uneilig in einen krautigen Abgang zu grooven.
Derartige Twists liebt Ed O’Brien, wie später auch der Closer Obrigado demonstriert, der als entspanntes Flanieren durch die „sunny days“ eines tropikal tänzelnden Eskapismus beginnt, dann aber in eine Suspiria-Trance abdriftet und seine Sehnsucht weich als solierenden Artrock solieren lässt.
Was nicht nur den Weg aus der Depression zur Zufriedenheit widerspiegelt, die der Musiker im Entstehungsprozess erlebt hat, sondern auch direkt auf den (von Scott Walkers hier für die Arrangements verantwortlich zeichnenden Estnischen Komponisten-Kumpel Tõnu Kõrvits) vorgeschlagenen Album-Titel passt: „I didn’t think of it. It was right in front of me. Of course, it’s like the caterpillar going into the cocoon, in that place of darkness, and emerges with wings.“ sagt O’Brien. Und auch dazwischen gibt es dementsprechendes New Age-Understament auf einer extra in ungewöhnlicher Frequenz aufgenommenen Platte („432 Hz vibrate in harmony with the cells in your body and the world around you …“).
Der Titelsong ist ein märchenhafter Naturalismus, bei dem die Vögel neben Streichern und einer Daydreaming-Stimmung zwitschern. Die hinsichtlich der Stimmfarbe an Beck gemahnenden Vocals werden zur ätherischen Lautmalerei, und das gesamte Szenario mutet wie der Score eines somnambulen Erwachsens an. Dem folgt Sweet Spot als ruhig gezupfte Folk-Intimität, die ihren Drive durch die Arrangements bekommt, ihre Wirkungsweise auf sphärische Bahnen lenkend, wohingegen Teachers Bass und Groove betonend wie die Untermalung eines hippen Heist-Movies auftritt, selbst wenn die Texturen mysteriös bleiben und von einer Symbiose aus Amnesiac-B-Seite und Space Rock-Flair orakeln.
Von einer Existenz außerhalb des Orbits träumt dann auch der Ambient von Solfeggio, der wie die meditative Fläche Thin Places aber letztlich ein Interlude im Dienste des Gesamtwerks bleibt. Was passt! Denn auch wenn die wirklichen Aha-Erlebnisse oder herausragenden Kompositionen fehlen mögen, muss man O’Brien einfach zu Gute halten, dass eine der großen Stärken und Evolutionsschritte von Blue Morpho auch darin besteht, dass er das große Ganze erfüllender als bisher im Blick hat.


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