Ben Frost – AURORA

von am 2. Juni 2014 in Album, Heavy Rotation

Ben Frost – AURORA

Ben Frost hat im Kongo Mittel und Wege gefunden seinen experimentellen Elektronikgebilden ihre Menschlichkeit nahezu restlos auszutreiben und dabei dennoch eine neue Körperlichkeit zu verleihen.

In den letzten Jahren war der Australier nicht untätig: neben Score-Arbeiten für Filme und Bedroom Community-Veröffentlichungen pflegte Frost vor allem auch soziale Interaktionen, kollaborierte mit Spezi Tim Hecker und produzierte etwa Colin Stetsons ‚New History Warfare, Volume 3‚ oder griff Michael Gira für ‚The Seer‚ unter die Arme. All dies spiegelt sich nun auf ‚AURORA‚ auf geradezu paradoxe Weise wider: der indirekte Nachfolger zu ‚By the Throat‚ holt Kollegen wie Shazad Ismaily, Greg Fox (Ex-Liturgy, Guardian Alien), und Thor Harris (Swans) an Bord, wirkt aber dennoch wie der gelungene Versuch Frost’s seinen Songs humanitäre Wärme zu entziehen, alles Organische zu tilgen, eine maschinelle Kälte in postapokalyptischer Atmosphäre zu artikulieren und die Rahmenbedingungen der eigene Komfortzone mit akribischer Härte zu attackieren.
Am eklatantesten gelingt dies in den beiden monumentalsten Epen der Platte, ‚Nolan‚ und ‚Secant‚, die beide von einer bisher im Schaffen Frosts unbekannten Rhythmik angetrieben werden, verzerrte Noise-Distortion und finstere, karge Melodieansätze pulsierend durch den Äther schleifen, zu transzententalen Industrial-Totenmessen werden die mit episch schabenden Blade Runner-Synthesizern als schwarze Löcher in den Hohheitsgebieten von IDM und Techno unermüdlich schrauben, kreischen, bohren, arbeiten. ‚AURORA‚ ist eine fordernde Intensivkur geworden, verstören und Grenzen auslotend, hartnäckig und exzessiv.

Immer wieder schickt Thor Harris die patentierten Swans-Glocken durch die Gebilde, das überragende ‚Venter‚ hechelt von insektoiden Drums getrieben über verstörende Klangschichtungen bis in ein hämmerndes Geäst aus Tanzflächenalpträumen. ‚Diphenyl Oxalate‚ ist nur kurz das Atemholen nach dem Sturm, dann plötzlich infernal übersteuerter Noise-Drum and Bass, ‚Sola Fide‚ beginnt als verschrobenes Knistern und lässt letztendlich wilde Subbässe schaben.
Wenn sich ‚AURORA‚ etwas vorwerfen lassen muss dann dass trotz solcher dark-ambientartiger Drone-Ruhepole wie ‚Flex‚, ‚The Teeth Behind Kisses‚ oder ‚No Sorrowing‚ (die allesamt alle stimmungsvolle Konstrukte aus der Stille heraus als balancierende Versöhnungen wirken, aber für sich genommen wenig aufregend im restlichen Reigen wirken) der Albumfluss nicht derart bedingungslos und natürlich gerät wie etwa auf ‚By the Throat‚, sondern bis hin zum hektisch austickenden Irrsinnsteufelstanz von ‚A Single Point Of Blinding Light‚ viel eher als zwischen seinen zahlreichen Höhepunkten gespanntes Elektronikzelt wirkt.

Freilich ist das Jammern auf hohem Niveau, wenn man diese Weiterentwicklung denn überhaupt als Nachteil verstehen will: ‚AURORA‚ ist nicht weniger beklemmend aus und klaustrophobisch als seine Vorgängerwerke, sehr wohl aber deutlich frontaler seine Wirkungskraft austeilend. Wo Frost seine beklemmenden Soundstudien bisher heimlich still und leise unter die Haut kriechen ließ um dort ihre Sporen auszutreiben kommt ‚AURORA‚ einem in die Mangel nehmenden Faustschlag gleich, ist radikaler, erschlagender und mitreißender. Frost hat hier mit wunderschöner, hässlicher und kompromissloser Fratze nicht nur kristallinen Endzeit-Eisigkeit sein bisher mutigstes Werk, sondern vielleicht auch die unmittelbare Experimental-Schnittstelle zu Tim Hecker’s ‚Virgins‚, der deprimierenden Hoffnungslosigkeit von The Haxan Cloak’s ‚Excavation‚ und den Lärm-Manifesten von Merzbow geschaffen – vor allem aber: jetzt schon eines der stärksten Elektronik-Alben des Jahres veröffentlicht.

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