BIG|BRAVE – In Grief or in Hope

von am 19. Juli 2026 in Album

BIG|BRAVE – In Grief or in Hope

Selbst ein an sich so drastischer Evolutionsprozess, wie In Grief or in Hope ihn an sich vollzieht – und wie er nach dem brillanten A Chaos of Flowers von 2024 nach dem Katalysator OST wohl auch notwendig war – geschieht innerhalb des BIG|BRAVE-Kanons absolut organisch und ansatzlos.

In Grief or in Hope bricht im Grunde überhaupt nicht aus dem Rahmen der bisherigen Diskografie der kanadischen Band aus, ändert gleichzeitig aber die Spielregeln markant, indem das Kollektiv seine (personellen) Freiräume nutzt und den Fokus dabei mehr oder minder konsequent auf den Umstand auslegt, mit Mathieu Bal den besten Drone-Gitarristen der Welt in seinen Reihen zu haben.
Exakter bedeutet dies: Schlagzeugerin Tasy Hudson ist offiziell immer noch Teil des BIG|BRAVE-Kosmos, legt auf dem (je nach Zählweise) achten Studioalbum der Band allerdings eine Pause ein, während Tour-Gitarrist in Liam Andrews (MY DISCO, Aicher) das aus Robin Wattie (Voice, electric guitar, amplifiers) und Ball (Electric guitar, amplifiers, acoustic guitar, harmonic tube, album art & layout) bestehende Kernduo – neben den Unterstützern Seth Manchester (Synthesizer, production, engineering, mixing) und Luc Van Weeldan (Spring reverb box) – am Electric bass, amplifiers, harmonica und prepared speaker ergänzt.

Von dieser Konstellation erschaffen konzentriert sich In Grief or in Hope ganz auf die Essenz des Drone, dringt pur und archaisch zum Kern des Genres vor. Alleine auf die Interaktion von Saiten und eindringlichen Frequenzen gebaut, dekliniert das nominelle Trio die Variablen um die Essenz, geradezu spirituell und schamanistisch. Dort, wo der seit jeher proklamierte MO des mit maximalen Mitteln artikulierte Minimalismus treffender denn je erscheint.
In What May Be the Kindest Way to Leave wird Watties Stimme moduliert und verfremdet, während der Trademarksound der Band monolithisch schimmert und schillert, knisternd-brutzelnd einen meditativen Fluss erzeugt, bevor sich der Opener nach dem ersten Drittel wie eine majestätische Ebbe zurückzieht und den Blick auf einen eindrucksvollen Abgrund freigibt. A Shape of Shame ist ein beruhigend wogender Score mit abrasiven Kanten, ein kontemplativer Wellengang mit maschinellem Wesen zwischen Björk und William Basinski. Aufbrausend intoniert heult der Gesang beschwörend auf, derweil die Akustikgitarre auf einem rostigen Americana-Flair brutzelt.

Schon zu diesem Zeitpunkt der Platte ist klar, dass BIG|BRAVE keinen Paradigmenwechsel erzwingen, sich aber sehr wohl wieder bis zu einem gewissen Grad neu erfunden haben – oder zumindest auf Facetten in ihrem Sound konzentrieren, die noch nicht in dieser Konsequenz erforscht wurden. Wodurch In Grief or in Hope zwar vertraut auftritt, sich aber frisch, neu und anders anfühlt. Wobei der reflektierende Faktore vielleicht noch nie so wichtig für die Entlohnung des Hörers war, zumal die emotionale Intensität des Vorgängeralbums einer abstrakteren Hintergründigkeit gewichen ist.
Das tektonische Schaben und Kratzen im ungemütlichen Wohlklang von The Ineptitude for Mutual Discernment hat etwas therapeutisches, das andächtige Holding Tongue wandert elegisch, unaufgeregt und somnambul in die astralen Welten jenseits von Grouper. Verdure wummert auf einem in Zeitlupe über Rückkopplungen getupften Beat, mit einem so zerbrechlichen Gesang, der die Interferenzen einer längst vergessenen Melodie in der Monotonie warm auffängt und zu einer kakophonischen Umarmung des Feedback und Noise führt.
Würden Sunn O))) Balladen schreiben, könnten sie wohl wie die bittersüße Agonie des erhabenen Skin Ripper klingen. An Uttering of Antipathy adelt sich dagegen als voluminöses Schaulaufen einer immensen Kraft – geduldig, zeitlos und monumental: Ein Hoffnungsschimmer in der Apokalypse. Wodurch der Titelsong mit seiner Gretchenfrage vorweggenommen wird, denn die Texturen und Schleifen von In Grief or in Hope sind ebenso rau wie sanft, so hart wie weich, und so verführerisch wie bedrängend. „When does one/ Feel the most/ Is it in grief/ Or is it in hope?“ singt Wattie in perfekter Symbiose mit Weltenerzeuger Ball als mystisches Menetekel auf dem bisher wohl basischsten Album ihrer Ausnahme-Band.

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