Interpol – This Mirror Weighs a Ton
This Mirror Weighs a Ton. Doch Interpol stemmen die schwere Last mit viel Grandezza und erblicken darin seit langer Zeit endlich wieder die schemenhafte Größe ihrer einstigen Fulminanz.
Obwohl auch Muzz seine Spuren im 2026 eine relativ variable Bandbreite zeigenden Signature-Sound der Band hinterlassen hat, wird sich das achte Studioalbum der New Yorker vier Jahre nach dem enttäuschenden The Other Side of Make-Believe in seinem Verlauf vor allen immer wieder wie eine Reise zu alternativen Anküpfungspunken von Turn on the Bright Lights aus in die Zeit von Our Love to Admire und Interpol anfühlen.
Was die Ausstrahlung einer Wurzelbesinnung oder auch Rückkehr zur Form zeigt (wobei wir uns an dieser Stelle darauf einigen könnten, dass Marauder nicht so schlecht war, wie es gerne gesehen wird – während El Pintor nicht die allerorts gefeierte Glanztat sein muss), mehr noch aber mit souveräner Routine als Motor auch etwas von einer Frischzellenkur oder Wiedergeburt hat, wenn gleich der wundervolle Opener und Titelsong in ätherischer Ruhe pulsiert, Juliet Seger-Banks eine weibliche Stimme in den atmosphärischen Nebel schickt und das Szenario so bedeutungsschwer an Nick Caves Ghosteen (2019) erinnert. Ehemann Paul singt exemplarisch vorsichtiger, fragiler und vielleicht auch weinerlicher als bisher, legt sich betörend in die bittersüß hoffnungsvolle Melancholie, in eine weiche und warme Elegie, in der die sphärisch schrammelnde Space-Gitarre kurz präsenter zu werden scheint, dann aber doch alles transzendiert.
Passend zu diesem nicht exakt zu lokalisierenden Standpunkt in der Evolution von Interpol markiert This Mirror Weighs a Ton auch personell eine neue, nach vorne blickende und zurückgreifende Epoche für die Band. Langzeit-Tour-Begleiter Brandon Curtis und Neo-Bassist Brad Truax sind mittlerweile zu festen Mitgliedern der Gruppe ernannt worden – wobei nur Truax auf der Platte zu hören ist, während die Keyboard-Parts allesamt von Produzent Andrew Watt eingespielt wurden.
So streitbar die Arbeit des polarisierenden 35 jährigen sonst auch sind, so exzellent harmoniert sein ansonsten auf Plastikkompression Sound ästhetisch exzellent mit Interpol: Die Drums klingen ausnahmsweise organisch, der Bass ist betont präsent, die Vocals interagieren ausgewogen mit einer atmosphärischen Tiefe und Räumlichkeit, das Ambiente lässt das Songwriting geradezu subversiv wachsen.
So gibt es im ausgewogenen Ausmaß zwar auch einige Nummern, die direkter angelegt sind.
Das kompakter und dicht im Drive stehende See Out Loud etwa, das auf einen kraftvollen Rhythmus setzt, seine zweite Strophe von Kessler intonieren lässt, und den Kniff etabliert, dass Interpol ihren Songs diesmal gerne sehr gedankenvolle, umsichtig ausgearbeitete Abgänge gönnen. Oder das ebenso energischer akzentuierte, Impulse für die Gesamtdynamik setzende Post Punk Revival Wings On Fire, dem trotz aller Griffigkeit symptomatisch die Killer-Melodie und Instant-Hit-Mentalität a la Antics fehlt – im Dienste der Homogenität wohl auch fehlen will.
Das so funky und perkussiv groovende Wake Up holt dennoch so lebendig und beschwingt gackernd, nachdem der somnambul strebende Zug von Darling Thoughts hat etwas von entrückten Preoccupations, bevor Bird and the Serpent mit zappelnder Hi-Hat und dängelnden Gitarren als flehende Beschwörung mit geduldigem Ausklang schon jetzt einen Fixplatz im Herzen unzähliger Fans haben dürfte.
Über allem thronen diesmal jedoch die mehr Volumen einnehmenden, weihevolleren, kontemplativen Nummern.
Iron City bimmelt alleine im Central Park sitzend mysteriös, unaufgeregt und kraftvoll über eine unwirklich Melancholie (und hätte wegen seines langsamen Erwachens durchaus den Platz mit See Out Loud in einer sowieso hier und da noch optimaler angelegt hätte werden könnenden Tracklist tauschen dürfen), die hinten aus der Zeit fallend klimpert. Wounded Soldier stapft bedächtig auf schrammelnden Sampftpfoten, schwillt an und findet dann relativ unvermittelt ohne wirkliche Epiphanie ein Ende. Ever the Actor groovt verschlossener zurückgelehnt und erlöst die in sich gefangene Aufbruchstimmung sinfonisch träumend, bevor So Rides the Reindeer die zweite Hälfte der Platte mit einer Acoustic-Luftigkeit eröffnet, den Klangraum dicht hallend mit halluzinogener Leichtigkeit zustellend und das Finale von This Mirror Weighs a Ton in aller Subtilität über sich hinauswächst und das Versprechen seines Openers hält.
Das heimliche Highlight Enemy greift mit Klavier und weiblicher Begleitung hingebungsvoll zu diesem zurück, klackert bedächtig und malerisch werdend mit nautischen Streichern, während der in Zeitlupe tauchende Schlusspunkt Sudden als struktur- und formoffener Klangraum Struktur kaum greifbar wird, aber immer berührend bleibt.
„I know we’re changin‘ sounds/ I know we’re changin‘ now/ …/ Time will tell/ Could go any way“ singt Banks, und wiederholt immer wieder „This is not that sudden to me“. Nein, plötzlich oder überraschend geschieht auf diesem achten Studioalbum kaum etwas. Wie gut es die tut, ist allerdings auch deswegen schon jetzt (und bevor die Zeit sicherlich sehr gut zu This Mirror Weighs a Ton sein wird) offenkundig.


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