Mastodon – Marrow Deep
„We’re in danger/ Losing everything/ As the fire/ Burns all we once loved“ eröffnen Mastodon Marrow Deep – ihr neuntes Studioalbum und das wohl schwierigste ihrer bisherigen Karriere.
Dass Hushed And Grim eine Zäsur im Schaffen von Mastodon darstellen würde, war eigentlich bereits klar, als das Doppelalbum 2021 erschien. Wie diese aussehen sollte, wurde aber erst vier Jahre später wirklich klar – erst durch den Hinauswurf von Gründungsmitglied Brent Hinds aus der Band, und dann, in grausamer Konsequenz, durch den Unfalltod des immer wieder polarisierende Ecken und Kanten zeigenden Enfant Terrible nur wenige Monate später.
Marrow Deep musste mit diesem Hintergrund also von vornherein mit einem schweren Stand zurechtkommen. Als Album, das zwangsläufig mit einer neuen personellen Konstellation nach vorne blicken und weitermachen musste; das aber auch noch pietätvoll mit der Trauer und Verlustschmerzen umgehend sollte. Dabei hätte beim Versuch auszusöhnen und Wunden zu lecken nur zu leicht die Relevanz verloren gehen können.
Doch anstatt wie gleich eingangs befürchtet, alles zu verlieren, machen Mastodon allen Befürchtungen und Vorschuss-Pessimismen zu Trotz, mit dem Einstieg in eine neue Ära allerdings vielmehr nahezu alles richtig und gewinnen praktisch auf ganzer Linie.
Indem sie ihren um ein essentielles Element ärmeren Trademark-Sound wieder auf die Härte zurückkonzentrieren und anderweitig aufwiegen, den Seiltanz über ein Minenfeld der Erwartungen zwischen einer unmittelbaren Vertrautheit und frischen Impulsen meistern und Marrow Deep ein bisschen so auftreten lassen, als würde ein Bild in neuem Glanz erstrahlen, nachdem man den Rahmen getauscht hat.
Während die Platte auch ein Nährboden für die Vermutungen, dass Hinds in den vergangenen Jahren abseits der Cold Dark Place EP weniger prägend für den künstlerischen Output des Kollektivs war, ist der Umstand, dass der unverkennbare Gitarrist und Sänger einfach fehlt, praktisch allgegenwärtig. Diese Tatsache lässt sich nicht wegdiskutieren.
Doch dass die Band damit umzugehen weiß und weiterhin funktioniert, war eigentlich bereits mit der Vorabsingle Your Ghost Again klar – der symptomatisch auf den Erstkontakt etwas zu fehlen schien, bis die Nummer rund um ihren Ohrwurm-Refrain sich als veritabler Hit zu erkennen gab, zündete, und mit seinem in Schlaghosen flanierenden Tasten-Solo imaginativ auf Reisen zu bisher weniger erforschten Perspektiven des Mastodon-Spektrums ging.
Mit den beiden unlängst zu vollwertigen Bandmitgliedern erklärten Tourmusikern und langjährigen Kumpels Nick Johnston (der sein Gitarrenspiel am schmalen Grad zwischen Ersatzmann-Zweckmäßigkeit und eigener Identität anlegt) sowie (dem viele Opeth‘eske Akzente setzen könnenden, vom Claypool Lennon Delirium abgeworbenen und mit seiner politischen Einstellung auch aneckenden) João Nogueira tendieren Troy Sanders, Bill Kelliher und (der auch den Tod seiner Mutter verarbeiten müssende) Brann Dailor im Kurt Ballou-Sound (mit komprimierten Toms auf den primär zur Attacke ausgerichteten Drums) passend zum Herold grundlegend weiter in Richtung klassischer, trippiger 70s-Progrock-Tendezen.
Diese Ausrichtung wird vor allem in Moth and Bone (das sein Keyboard-Intro irgendwann ruhig gezupft von klaren, akustisch zurückgenommenen Saiten begleiten lässt, bis die Zügel enger gezogen werden und das Quintett gediegen bolzt) oder The Vanishing (das mit einem langem Bass-Intro von Geezer Butler demonstrativ den Schwung aus der Platte nimmt, um dann zum hauseigenen Planet Caravan aus Sicht eines in Trance driftenden, kontemplativ mit entrückten Effekten auf den Vocale driftenden Elder-Anachronismus zu werden, dessen Verlustschmerz-Therapie am Ende von Gojira-Mann Joe Duplantier [zu] kurz brutal gepeitscht wachgebrüllt wird).
Wo wir da übrigens schon beim finalen Drittel der Platte sind: Wenn man Marrow Deep bis zu seinem von Clutch-Frontmann Neil Fallon als rezitierender Wizard begleiteten, von der Dominanzgeste zum halluzinogenen Instrumental-Jam mutierenden Closer The Three Fates („Another card is turned/Another domino falls/A bolt of lightning from the sky/ The future’s past and present lies/ The hand of death and doom/ The guide„) etwas vorwerfen kann, dann, dass dem Album hinten raus ein überwältigender Aha-Moment fehlt und der Spannungsbogen keine markerschütternde Klimax-Erschütterung erzeugen kann.
Was aber absolut relativ zu verstehen ist, liegt dies doch auch darin begründet, dass Marrow Deep davor nicht mit Highlights geizt und sich hochklassig von einem Lieblings-Moment zum nächsten hangelt.
Barbarians Blood steigt gleich epochal riffend und frickelnd ein, erinnert an Crack the Skye und etabliert die Synths als markante Patina, zieht im rasanten Galopp an und lässt die Instrumente (inklusive Percussionist Ben Koller) in einer Komposition voller Wendungen berauschend interagieren. Poisonous Weapons prescht energisch über einem melancholischen Grundton los, hält die Balance aus Heaviness und Wehmut, homogenisiert die fließenden Kontraste jedoch ohne wirklich abstrakte Texte: „I can’t relate/ Your failures are not my fault/ No sympathy/ All hail the weakest link/ …/ There’s no blood on my hand/ The ending will hit you/ Like the coldest winter chill/ The story is final.“
Snakes for Dinner beschließt das extrem kurzweilige erste Drittel des Albums so catchy mit einer Instant-Hook sondergleichen und krönt sich psychedelisch zu Blood Mountain schielend mit einer psychedelisch wogenden Trance von Josh Homme. Zumindest so weit agieren Mastodon dann auch beinahe auf Augenhöhe mit ihren besten Diskografie-Glanztaten.
Auch wenn sie diesen über allen Erwartungen liefernden Level in weiterer Folge nicht ganz halten können, fällt Marrow Deep auch danach kaum ab.
Out Like a Lamb ist verhaltender, nachdenklicher und weniger direkt, stellt die Vocals vor die Gitarren und wandert suchend (und vor allem im Kontext schlüssig) zu Gitarren- und Keyboard-Solos, bevor In the Ruins mühelos vom verträumten Schwermut in einen getrieben packenden Zug mit hymnischem Momentum umschaltet. They’re Coming for You schlängelt sich vertrackt um eingängig groovendende Parts, hungrig und ungebunden, derweil Golden Spires sein energisches tackerndes Metal-Motiv immer wieder für mysteriöse Lavalampen Atmosphären lüftet und A Vampire’s Demeanor im Chorus mit Randy Blythe und Nate Newton als Gang-Begleitung im harschen Neurosis-Modus zupackt. „Our better days thrown away, not unwantеd
Beauty turned disaster/ Now wе take brand new day, so ironic/ Fortune turning dire/ Old guard is gone/ A new day rising/ …/ Burn this world down“ heißt es da im Fatalismus, nicht ohne Anmut und Schönheit. Und dem Willen zum Zusammenhalt, als Licht am Ende des Tunnels, ohne Verklärung. Weswegen es ein umso schöneres Sinnbild ist, dass derart viele illustre Freunde der Band bei diesem Neustart unter die Arme gegriffen haben und das zelebrierte Gemeinschaftsgefühl zur eigentlichen Gallionsfigur von Marrow Deep machen.


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