Russian Circles – Nine
Dem Titel entsprechend ganz pragmatisch betrachtet, haben Mike Sullivan (Gitarre), Dave Turncrantz (Drums) und Brian Cook (Keyboards, Bass) mit Nine ein weiteres typisches Russian Circles-Album aufgenommen.
Doch was soll dieser nüchterne Blickwinkel? So zuverlässig Guidance (2016), Blood Year (2019) und Gnosis (2022) auch waren, ist diesmal nämlich beinahe eine subtile Euphorie, zumindest aber ein bedingungslos befriedigendes Übertreffen der Erwartungshaltung angesagt. Nine stellt nämlich, ohne den Radius des Trios zu verschieben oder gar zu erweitern, das beste Album von Russian Circles seit Memorial (2013) dar.
Im arschtighten, ebenso trockenen wie muskulös den kraftvollen Aspekt des instrumentalen Post Metal bedienenden Sound von Kurt Ballou ist das Songwriting diesmal wieder eine Spur griffiger ausgefallen als zuletzt, die Ideen bleiben zwingender hängen und wirken packender umgesetzt. Atmosphäre, Groove und Heaviness gehen Hand in Hand, walzend und treibend – als hätte man das aus Chicago herausgewanderte Kollektiv einen frischen, vitalen Hunger und Fokus wiedergefunden, der in den vergangenen 15 Jahren von der Routine überschattet wurde.
Nachdem Borehole seine Gitarrenarbeit stoisch nach vorne klopft, in metallischer wogender Grimmigkeit so nahe zum Math schwelgt, wie Russian Circles dies selten tun, um eine Sludge-Aufbruchstimmung zu erzeugen, bricht diese Mentalität gerade mit der Single Empath eindrucksvoll herein – naturgewaltig gar. Mit einer Energie und Monstrosität riffend vorstellig, die man der Band so zugegebenermaßen gar nicht mehr unbedingt zugetraut hätte. Jedenfalls ist das ein malmender Energieausbruch. Ungefähr dort, wo man Baroness nach deren erstem Album gerne gehört hätte, bis die Dominanzgeste sich für ihren Abgang in die Conan’sche Planierraupe setzt.
Noch martialischer ist höchstens der Closer Seventh Seal, der in Sachen Härte und Biss nochmal zulegt, wie eine bullig wirbelnde Herde aggressiver Bisons attackiert – die höchstens zu abrupt ihr Ende findet.
Was sich auch das wunderbare Eluvial vorwerfen lassen muss. Zumindest relativ gesehen. Nachdem die Schönheit in einer retrofuturistisch fiependen Space-Synth-Auslage begonnen hat, um geduldig als tragisch-epochal sinnierende Postrock-Melancholie zu schweben, und sich mit bekümmertem Optimismus in Bewegung in ein cinematographischen Panorama setzt, erscheinen achteinhalb Minuten Spielzeit angesichts der erzeugten Sogwirkung jedenfalls schon fast zu kurz.
E2 beginnt damit relativ unvermittelt auf einer elektronischen Grundierung und lässt seine organische Präzision anschwellen, verdichtet das subtile Intensivieren, lässt den Knopf so befreiend aufgehen und wie in Trance headbangend matschigeren, dass es kaum ins Gewicht fällt, hier vor allem Russian Circle‘sche Standardware serviert zu bekommen. Überhaupt fällt der Mittelteil der Platte ein wenig ab, wenn auch das melodische Meridian als Business as Usual eine Art Wurzelsuche mit Gnosis-Anleihen und subversivem Tool-Aroma zelebriert, bevor das ruhig gezupfte Acoustic-Zwischenstück Arletta die (konventionelle Strukturen in der Tracklist forcierende) Ruhe vor dem finalen Sturm darstellt.
Dass Nine über diese Phase allerdings auch zu einem sehr ausgewogenen Werk wird, was die Bandbreite und Dynamik angeht, zeigt, wie Russian Circles diesmal selbst eine gewisse Redundanz zu ihrem eigenen Vorteil auszulegen verstehen. Dieses Momentum rechtfertigt dann auch ein Aufrunden der Bewertung.


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