Boards of Canada – Inferno
Inferno ist zwar streng genommen wohl mehr oder minder ein Solo-Album von Mike Sandison. Es ist, rund 13 Jahre nach Tomorrow’s Harvest, aber gerade auch deswegen das erhoffte nächste Meisterstück im Boards of Canada–Kanon.
Sandisons Bruder Marcus Eoin taucht als zweite Hälfte des ikonischen schottischen Elektronik-Duos in den Credits von Inferno zwar als Co-Instrumentalist und -Sound Designer auf, wird aber nur bei 6 von 18 Tracks als beteiligter Songwriter gelistet: „PRS Database confirming the publishing rights for roughly half the tracks are 90% and Mike 10% Marcus, with the rest 100% Mike.“ staunte man nicht nur auf Reddit unmittelbar nach dem Release des vielerorts meisterwarteten Albums des Jahres.
Obwohl die physischen Tonträger alleine ästhetisch den ansatzlosen Schulterschluss zu Music Has the Right to Children (1998) Geogaddi (2002), The Campfire Headphase (2005) sowie Tomorrow’s Harvest (2013) vornehmen, und die Rechte an den einzelne Bausteinen auch sowieso nicht weiter auseinanderdifferenzieren, während sich Inferno vom geradezu klassischen Intro Introit weg im weitesten Sinne zudem sofort ganz natürlich als Boards of Canada-Werk per se anfühlt, ist es aber auch so offenkundig, dass sich die rund 70 Minuten des erst fünften Langspielers der Band stilistisch von den Vorgängern unterscheiden.
Als auffälligstes Merkmal dieses Umstandes ist sich der ungewöhnlich starke Einsatz von Vocal-Samples zu verstehen – zumeist zu maschinell-spirituellen Sermonen entfremdet aus Quellen mit biblischen oder okkulten Hintergründen gezogen, um den apokalyptischen Ist-Zustand der Welt zu dokumentieren.
Gleich im superben Vorab-Track Prophecy at 1420 MHz wird der BoC-Signature Sound durch einen relaxten Synthwave-Filter gezogen und mit orientalischer Mystik aufgewogen, während eine dämonisch entfremdete Computerstimme vor dem Ausklang eines Nine Inch Nails-Soundtracks predigt: „I am God, the ultimate resonance/ The spirit and the soul, or the psyche/ Unconscious, transcendent source/ Seat of c-consciousness/ Power“. In Hydrogen Helium Lithium Leviathan schreitet besagter Synthwave-Touch verschroben rückwärtsgerichtet durch das entschleunigte Geschehen, als wäre Silent Hill psychedelisch von William Basinski untermalt worden. Doch das eigentliche Glanzstück der Nummer ist, wie sich nach knapp 200 Sekunden ein Stammesgesang unendlich subversiv im Mix zu erheben beginnt, derweil Bläser immer heroischer thronen. Deutlicher steigen später, im Genieblitz und Downbeat-Club-Trip Hop von Naraka, in Trance wogende Haare Krishna-Gesänge auf. Die Amplituden der Platte mögen homogen sein, doch sind sie stets spürbar und Reize setzend – Inferno ist ein Kosmos, dessen Nuancen, Facetten und Details erforscht werden wollen.
Der Minimalismus Age of Capricorn erzählt von den Prophezeiungen, die Nostradamus über den Antichrist chiffriert hat und wird von einer verführerisch entfremdeten Melodie weich umspült, zu dem sich eine Ansprache des Televangelisten Jack Van Impe von dessen 1990er VHS-Kasette A.D. 2000: The End? im meditativen Oszilieren schmiegt. Father and Son schnipselt seine Samples (aus einer Episode Man Alive über den Children of God-Kult) als regelrechtes Rhythmuselement und der sinister tapsende Spionage-Suspense von The Word Becomes Flesh wird von einer Frauenstimme aus dem Rap-Computer infiltriert.
Memory Death wacht am Krankenbett mit ätherisch entrückten Vocals in der bedrückend sanften Zeitlupe des Kopfkinos. Das kontemplative Tempel-Kung Fu Blood in the Labyrinth sinniert mittels 1979er-Archivmaterial namens Angel Death über PCP und taucht sein enigmatisches Wohlfühlwesen immer wieder entspannt neu an, von wo All Reason Departs später Aleister Crowley’s Magick 4 (Part III: Magick in Theory and Practice / Chapter XII: Of the Bloody Sacrifice: and Matters Cognate) in die Space-Lounge schicken wird, bevor das melancholisch über die Tasten schwelgende Interlude The Process die warme Versöhnlichkeit der Platte – ungeachtet des Titels – im letzten Viertel einleitet.
Dort lässt sich übrigens auch einer der wenigen subjektiven Schönheitsfehler eines nahezu perfekten Comebacks verorten, wenn Inferno sein tatsächliches Finale gefühlt ein klein wenig zu lange hinauszögert und mit dezent mäanderndem Spannungsbogen über mehrere potenzielle Enden im eher verhaltenen Epilog I Saw Through Platonia mündet.
Dass dies jedoch auf einer positiv gestimmten Note passiert, ist symptomatisch für ein Album, das sich mit einem Forcieren organischer Instrumente dem Live-Sound von Boards of Canada zuwendet und so scheinbar mühelos die Erwartungshaltungen stemmend/untertauchend einer reinigenden, sich Luft verschaffenden Katharsis gleichkommt.
Gerade in den beiden Sternstunden von Inferno: Into the Magic Land besticht als ein Karriere-Highlight in Form einer der betörendstes Nummern im Katalog der Band, ist unendlich angenehm, heimelig und erhebend; und You Retreat in Time and Space schimmert als sphärischer Ambient (und vorweggenommene Klimax-Erlösung des Albums) so retrofuturistisch bezaubernd, dass Sigur Rós, Mogwai, Slowdive und Aphex Twin gleichermaßen entzückt sein werden.
Rund um diese herausragenden Momente gibt es höchstens ein paar weniger essentielle Szenen auf Inferno, aber keinen Ausfall.
Egal ob Somewhere Right Now in the Future verschwommene Erinnerung nebulös als als Score traumwandeln lässt, Acts of Magic Field Recordings hinter einem bedrohlich brutzelnden Drone die Freiheit schenkt, Deep Time in stellarer Geduld ein optimistisches Bindemittel ist, oder Arena Americanada den imaginativen Beak>-Agentenfilm in konzentrierter Aufbruchstimmung verdächtig mit gelöster Nonchalance verfolgt.
In all diesen Passagen bedient die Hauntology-Collage vertraut die Ansprüche an die verehrten Trademarks und erfindet sie ein gutes Stück weit neu; zuverlässig und anders; nostalgisch und frisch.
Aufregend ist das höchstens deswegen nicht, weil Boards of Canada an ihrem eigenen Backkatalog gemessen diesmal kaum genredefinierend agieren, sehr wohl aber ihren eigenen Horizont rekalibrieren. Zuverlässig und auf diskrete Weise spektakulär. Vielleicht waren Mike Sandisons und sein Erfüllungsgehilfe Marcus Eoin insofern noch nie derart zugänglich, wenig herausfordernd und gleichzeitig dennoch experimentell und explizit ambitioniert wie hier. Sicher aber erfüllt das Duo (egal, wie die Arbeitsteilung diesmal ausgesehen hat) nach 13 Jahren Wartezeit die Hoffnung auf ein weiteres Meisterstück, ganzheitlich und individuell.


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