Bohren & der Club Of Gore – Bohren for Beginners

von am 29. November 2016 in Best of

Bohren & der Club Of Gore – Bohren for Beginners

Ein Best of von Bohren & der Club of Gore ist irgendwo das wahrscheinlich absurdeste, was man sich ausdenken kann. Aus dieser Ausgangssituation heraus macht Bohren for Beginners dann aber eigentlich doch nahezu alles richtig.

Mehr noch als bei vielen anderen Bands gilt für die Mühlheimer Ausnahmeerscheinung und Genre-Instanz schließlich: Songs aus dem geschlossenen Kontext gerissen zu hören, ist hier eigentlich ein Frevel. Bohren & der Club of Gore haben von Gore Motel bis Piano Nights kein auch nur ansatzweise schwaches Album vorgelegt haben, sondern sich in ihrer Discografie ausnahmslos zwischen Referenzen setzenden Meisterwerken und hochklassiger Qualitätsware bewegt. Das ist stets makellos schummriger Doomjazz – oder wie die Band selbst es klassifiziert: Detective-Jazz! – in Perfektion: Langsam, elegant und von endlos faszinierender Tiefenwirkung entfalten sich da geduldige Schönheiten voller nebulöser Melancholie und unaufgeregter Suspence-Stille in halbdunkler Romantik. Am besten im in sich geschlossenen Albumfluss konsumiert. Kurzum: Bohren sind eigentlich die Definition einer Ganz-oder-gar-nicht-Band.

Insofern darf man dann aber doch staunen, wie gut Bohren for Beginners seinen Job erledigt. Als Erstkontakt für Neulinge, die erst in den Lynch‚esken Kosmos der Koryphäen gezogen werden müssen, funktioniert diese Werkschau (Best of wäre dann eher unpassend, schließlich könnte man hier praktisch willkürlich noch jeden anderen Song der Band ergänzen; dass im Promotext gar von „Bohren-Hits“ die Rede ist, ist absolut skurril) seinem Titel entsprechend absolut anstandslos. Große Elegien und Stimmungs-Klangwelten wie Karin, Prowler oder Constant Fear ziehen eben nicht nur mit ihrer atmosphärischen Gravitation an, sondern erschließen sich in diesem chronologisch ungeordneten Umfeld absolut stimmig – da hat man tolle Arbeit beim Kompilieren geleistet.
Auch durch die neue Abmischung der Stücke reihen sich die verschiedensten Vertreter aller Bohren-Epochen nahtlos aneinander, ergeben ein ungezwungen homogenes Umherschweifen, das den Mike Patton-Gastauftritt (im Warlock-Cover Catch my Heart von der Beileid-EP) wie selbstverständlich hinter interne Klassiker (etwa Maximum Black) stellt und dazwischen sogar eine relative Rarität unterbringt: Die Mitleid Lady wird wohl dem einen oder anderen Fan durch die Lappen gegangen sein.

Für die meisten bekennenden Anhänger aber wohl dennoch am interessantesten: Der Angler – ein neuer, exklusiver Track, in dem Bohren traurig und traumwandelnd um eine trostlose Gitarrenidee und den geduldigen Zeitlupen-Rhythmus strawanzen, das Saxofon ohne jede Hoffnung in die Nacht hinaus wehen lassen. Dass die Nummer auch gerne noch 10 Minuten mehr zur Entfaltung bekommen hätte können, darf man dann durchaus als Bestätigung dessen sehen, dass Bohren keine Single-Band sind. Aber egal – Bohren for Beginners leitet ja ohnedies ohne erkennbare Nahtstellen zu Schwarze Biene (Black Maja) weiter.
Dem huldigen Plattenbeipackzettel kann man insofern teilweise zustimmen: Bohren for Beginners ist tatsächlich eine potente „Einstiegsdroge in das Bohren-Universum“, aber eher eine nette Ergänzung der Sammlung als eine tatsächliche „Fundgrube für Fans“. Am Ende hat man deswegen vor allem eine unstillbare Lust, sich wieder einmal aufs Neue in die komplette Discografie der Band zu stürzen; sich als Vorbereitung für die kommenden Konzerte der Live-Macht in diese musikalische Parallelwelt zu verlieren, die Bohren beschwören. Seit 2015 – und dem Ausstieg von Drummer Thorsten Benning – übrigens nunmehr als Trio.
Womit Bohren for Beginners wohl auch alleine schon als Zäsur in der Chronik der Mühlheimer Sinn macht. Dass die Doppel CD dies zudem auf finanziell äußerst entgegenkommende Art und Weise macht (und damit Kohle für die Vinyl-Neuauflagen von Sunset Mission, Black Earth und Geisterfaust über lässt), ist eine weitere erfreuliche Fußnote dieser überraschend runden Veröffentlichung.

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