Bush – The Kingdom

von am 27. Juli 2020 in Album

Bush – The Kingdom

2020 hält also auch positive Überraschungen und Twists parat: Gavin Rossdale bringt Bush wieder zurück in die Spur und liefert mit The Kingdom das beste Album seiner Band seit gut zwei Jahrzehnten.

Gut, so ganz unvorhersehbar kommt der enorme Qualitätsanstieg, den das achte Studioalbum von Bush hinlegt, selbst nach solch fatalistischen Rohrkrepierern wie The Sea of Memories (2011), Man on the Run (2014) sowie Black and White Rainbows (2017) nicht. Immerhin war Bullet Holes als erste Auskoppelung und John Wick-Beilage nichts weniger als die stärkste Rossdale-Komposition seit mindestens The People That We Love, während die vor wenigen Monaten nachgereicht zweite Single Flowers on a Grave als druckvoller Alternative Rock nur wenig dahinter einen ähnlich leidenschaftlichen Genre-Hit mit sofort zündender Eingängigkeit bot, vor allem aber zudem nicht das Versprechen untergrub, dass The Kingdom „heavier songs written from an angrier perspective“ bieten würde.
Insofern war da im Vorfeld zu dem mehrmals durch Plattenfirmenanordnung (zuerst wurden mehr Songs gewünscht, dann ein Abwarten der Corona-Zeit) verschobenen Releasedate also tatsächlich so etwas wie eine gewisse Vorfreude.

Diese wird nun weitestgehend erfüllt, auch wenn The Kingdom nicht so stark ausfällt, wie man es angesichts der Vorboten insgeheim erhofft hatte – Bullet Hole und Flowers on a Grave bleiben die herausragenden Nummern einer Platte, der im letzten Drittel die Luft ein wenig ausgeht.
Our Time Will Come hat dort nämlich zwar einen mindestens solide im Saft stehenden Refrain, drumherum aber auch Beliebigkeit im Angebot, Words Are Not Impediments bietet schöne Tempowechsel in den Segmenten und tritt gar aufs Gaspedal, die Substanz bleibt dennoch zu austauschbar. Falling Away pflegt seine versöhnlichen Note einnehmend – ausgerechnet der Closer endet jedoch zu abrupt, während davor einige Nummern ihre Laufzeit doch zu ausführlich ausgelegt hatten. Gerade das behutsam gemeinte, aber viel zu kitschig geratene Undone fällt etwa nicht nur stilistisch aus dem ansonsten kraftvoll zupackenden, riffrockend orientierten Rahmen: Die zwischen Biffy Clyro und Snow Patrol die weniger geschmacksichere Schlagseite nehmende Stadion-Ballade wird als einziger tatsächlicher Ausfall unter dem Sternenmeer zu einer ermüdenden Litanei, die wenig schmeichelhaft aufzeigt, wie weit Glycerine entfernt ist.
Doch selbst wenn ein Crossroads trotz markanter Gitarrenlinie nicht wirklich über den abholenden Standard hinauswächst, geht Rossdale sein Handwerk wieder so merklich leichter von der Hand.

Zu beinahe zwei Drittel läuft Rossdale auf The Kingdom mit dieser neuen Lockerheit zu einer Zielsicherheit auf, die ästhetisch durchaus an die Frühphase von Bush denken lässt – und etwaige kleinere Schönheitsfehler mit einer relativen Rauh- und Direktheit kurzerhand knackig kaschiert, weil die Summe wieder hungriger und jenseits des Autopiloten ambitioniert in der ursprünglichen Komfortzone auftritt, die Ohrwürmer am Fließband liefert.
Es gibt im Titelsong also fette Industrial-Gitarren-Breitseiten, die sich überkandidelte „Ohohoo„s nicht verkneifen können, daran aber nicht kranken; Ghost in the Machine beginnt wie Soundgarden und liebäugelt dann mit dem Pathos von Creed, lehnt sich in der Strophe atmosphärisch zurück und bietet den Chorus knackig an; Blood River gibt sich weniger straight, montiert seine hakende Gitarrenlinie kantiger; Quicksand zeigt eine sehnsüchtige Aufbruchstimmung, deren Heaviness durchaus reizvoll die Handbremse ziehen lässt und manch einen die Deftones referenzieren lässt; eine Rehabilitations-Kerbe, in die auch Send in the Clowns schlägt, obgleich der produktionstechnische Kontrast zwischen Strophe und Refrain zu gleichförmig organisiert potentielle Spannung liegen lässt. Und sicher ist das alles ohnedies alles eher starkes Handwerk, das ohne ikonisches Genie auskommt. Doch entwickelt The Kingdom dabei eine authentisch zwingende Kompetenz, von der man sich gerade im extrem steilen Umkehrschub der Albenqualität nur zu gerne mitreißen lässt – und deswegen wertungstechnisch (an sich zwischen den Punkten liegend) ohne nostalgisch verklärte Fanbrille guten Gewissens kurzerhand ebenso mit nach oben zieht.

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