Cult of Luna – Vertikal

von am 26. Januar 2013 in Album, Heavy Rotation

Cult of Luna – Vertikal

Aus dem Irrenhaus von ‚Eternal Kingdom‚ und ‚Eviga Riket‚ heraus denkt das schwedische Kollektiv Cult of Luna seinen monströsen Postmetal zurück in Fritz Lang’s Metropolis. Die kühle Zukunftsutopie von 1927 spiegelt sich in einer markanten klanglichen und strukturellen Gewichtsverlagerung auf ‚Vertikal‚ wider.

Man muß die konzeptuelle Geschichte – die Reflektion von Metropolis auf den ausladenden Metal der sieben Schweden – hinter ‚Vertikal‚ nicht in den Fokus rücken oder aufmerksam im Detail verfolgen, um das Augenscheinliche zu goutieren: zumindest Cult of Luna selbst tauchen fünf Jahre nach ‚Eternal Kingdom‚ vollends in den gedanklichen Überbau ein, der das sechste Studioalbum der Band aus Umeå umgibt und prägen ihren klassischen Postmetal-Sound dadurch bis hin zur phasenweisen Neuerfindung ihres drückenden Klangkosmos. ‚Vertikal‚ speist sich aus der bandtypisch walzenden, pessimistischen Schwere, artikuliert diese jedoch im bisher ambient-lastigsten Cult of Luna-Werk überhaupt mit dröhnenden Synthieflächen, weitläufigen Klangflächen und abgründigen Keyboardarbeiten in der Auslage. ‚The One‚ begrüßt etwa unmittelbar als apokalyptisches Tor zur Stadt, ist hallender Pulsschlag zwischen Blade Runner und Terminator gleichermaßen. Auch in ‚The Sweep‚ rotieren die Effekte, dazu brüllt Johannes Persson nach dem Abgang von Klas Rydberg als einzig verbliebener Sänger aus der Dunkelheit, ‚Disharmonia‚ dient dann als reines Verdichtungsmittel der Atmosphäre.

Die trostlose Architektur von Metropolis will sich im martialisch gedrillten ‚Synchronicity‚ vertont wissen: sperrig wiederholt sich ein würgendes Riff, schleppende Monotonie wird zum Stilmittel erhoben. Im Hintergrund arbeitet distanziert die Elektronik, drängt sich aber immer wieder misanthropisch in das Zentrum des Geschehens. Unnachgiebiges Gitarrenfeedback arbeitet mit ätherisch in Alpträume bohrende Synthies in das organische betörende Klangmassiv des erhabenen ‚Mute Departure‚ – behäbig nähert sich das Szenario dem Metal und verweilt dort anmutig, inszeniert dann sein eigenes Ableben und explodiert doch noch heimtückisch mit angedeuteter Opulenz und Wut. Mit ‚Passing Through‚ entlässt dagegen eine schlicht abgründige Schönheit, gewachsen aus der einsame Akkorde dröhnen-lassenden Gitarre und einem Persson als melancholischer Trostspender: ein Elegie, in welcher auch das Cult of Luna-Nebenprojekt Khoma schwelgen khätte önnte und gleichzeitig der intime, berührende Ausklang einer phasenweise geradezu technoiden Platte.
Die zahlreichen Ambient-Passagen, sie dienen ‚Vertikal‚ jedoch in erster Linie als wegweisende Textur – Nährboden und Ursuppe der Konzeptarbeit bleibt für Cult of Luna genau jener Postmetal, den Neurosis erfunden haben Isis nicht mehr länger als Klassenbeste für sich beanspruchen wollen. Das diesmal weniger frontal produzierte Ergebnis der Schweden speist sich dabei gleichermaßen aus den beiden Vorbildern ‚The Eye of Every Storm‚ und ‚Panopticon‚ wie auch aus der Wucht, welche Cult of Luna wieder alleine aufgrund ihrer dynamischen Instrumentenstärke so intensiv aus dem Genre pusten.

Das epische Aushängeschild ‚I: The Weapon‚ bricht solcherart als bestialisches Inferno los, nur zu Beginn etwas nahe an ‚Threshold of Transformation‚ gelehnt. Schon bald walzt das höllische Szenario seine unmittelbarste Aggression abwerfend jedoch in eine unerbittliche Sludgekaskade aus, elektronische Klänge kriechen langsam in den Song, werden assimiliert. Letztendlich fächert der knappe zehnminütige Brocken sich aber zu einem weitläufigen Metalszenario auf, die logische Weiterentwicklung von ‚Eternal Kingdom‚ mit die Sehnsucht nach ‚In The Abscence of Truth‚ und ‚Wavering Radiant‚. Mit ‚In Awe of‚ haben Cult of Luna später dann vielleicht keinen unbedingt originäreren Song, aber eine noch eindeutigere Hymne geschrieben und doch muß beinahe zwangsläufig jede Sekunde von ‚Vertikal‚ unter dem erschlagenden Eindruck des pulsierenden, überlangen Herzstücks der Platte stehen, in welchem Cult of Luna die Entwicklungsgeschichte der vergangenen fünf Jahre auf knapp 19 Minuten nicht gerade kompakt zusammengefasst vermessen.

Vicarious Redemption‚ nimmt sich geschlagene fünf Minuten Anlaufzeit über atmosphärische Drones und sinistre Keyboardflächen, beschwört eine beklemmende Stimmung aus gespenstischen Feedbackklängen die sich langsam zu einem verstörenden Schönklang zwischen Swans und Grails verdichtet. Gitarren beginnen sich auszubreiten, majestätisch und unaufhaltsam nimmt die abgründige Postmetaldampfwalze an Fahrt auf, der die leisen Töne nicht meidende Persson keift sich seine heisere Kehle vor militärischem Schlagzeug und hoffnungslosen Alptraumchören blutig. Plötzlich schieben Cult of Luna ein monumentales SloMo-Riff in das atemlose Geschehen, in der nächsten Sekunde knickt der Song aber mit pulsierenden Synthieeffekten in wallenden Dubstep, bevor alle Zutaten des bisher längsten Husarenritts der Band in einem stapfenden Ungetüm kulminieren. Das will ersteinmal verarbeitet werden.

Die Schweden brechen mit ‚Vertikal‚ zu einem nicht geringen Prozentsatz eben aus gewohnten Schemen aus – aber auch aus mittlerweile etablierten Erwartungshaltungen, die Führungsetage des Postmetal betreffend. Die seit jeher glänzende, jedwedes Stilmittel makellos bedienende Genreband Cult of Luna  wagt justament in einer Phase, in der Isis nicht mehr die Krone der (für nicht wenige Jünger zuletzt etwas zu beliebig aufgetretenen) Neurosis einfordern können, die Kraftprobe, nicht schnurstracks zum Postmetal-Thron zu ziehen, sondern den Umweg über ein Werk zu gehen, dass polarisieren muß. Dabei gelingt Perrson und Co in den klassischen Bezugspunkten ein lupenreines Feuerwerk, darüber hinaus aber vor allem auch ihr mutigstes Werk bisher, ihr eingeständigstes und gar visionärstes. Der intensiv unzählige Spannungskurven verzehrende Koloss ‚Vertikal‚ zeigt Referenzpotential – auf die Discographie von Cult of Luna bezogen ohnedies. In seinen besten Momenten aber sogar auf die gesamte Subspielart des Metal.

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