Cult of Luna – A Dawn to Fear

von am 2. Oktober 2019 in Album

Cult of Luna – A Dawn to Fear

Cult of Luna finden für A Dawn to Fear vom auf Vertikal (II) herrschenden dystopischen Retrofuturismus (2013) und den endlosen Weiten der Space Oper Mariner (2016) zu einer in sich selbst ruhenden Komfortzone: Das siebente Studioalbum der Band aus Umeå nutzt eine vermeintliche Stagnation als intrinsischen Wachstumsprozess.

Johannes Persson musste die Arbeitsweise des schwedischen Kollektivs dafür aber erst von Grund auf erneuern, das Songwriting von konzeptionellen Korsetten befreien und lernen, seine Kompositionen für A Dawn to Fear instinktiv gedeihen zu lassen: „Es spielt in unserem Gedanken. Es stellt Fragen nach der geographischen und emotionalen Verortung. Es hat kein Konzept, aber manches hängt lose zusammen. (…) Ich wollte wissen was passiert, wenn ich vom bewussten Teil der Kreativität weggehe und das Unterbewusstsein übernehmen lasse.” Und sagt dann: „Dieses Album ist unser ehrlichstes.
Was Persson damit meint, spannt sich jenseits promotionswirksamer Phrasen über 80 Minuten Spielzeit durchaus nachvollziehbar über weite Bögen hinaus, wenn A Dawn to Fear weniger charakteristisch-ikonische Szenen bietet, als vorangegangene Meisterstücke der Band, über eine subversivere Art auf emotionaler Ebene aber einen Zugang zum Universum von Cult of Luna gewährt, den man so bisher wohl tatsächlich auf keiner Platte der Band erleben konnte: Das Distanz- und Nähe-Gefühl ist in den Konturen ein latent einnehmenderes, die Sogwirkung eine noch stärker über die Stimmung und Atmosphäre funktionierende.

Grundsätzlich bedeutet dies aber auch, dass A Dawn to Fear im Auftreten an sich absolut keine Überraschungen parat hält, sich unmittelbar gewohnt anfühlt. Die acht überlangen Nummern der Platte sind zutiefst typische Cult of Luna-Nummern, sogar geradezu konventionell veranlagt. Der Post Metal kommt wie aus dem Lehrbuch, hat seine Stärken über knapp zwei Jahrzehnte verinnerlicht, schichtet Riffkaskaden und  Rhythmen geradezu klasssich zum kehligen Gebrüll, die Keyboardflächen verändern die zuletzt forcierte postapokalyptische Industrial-Ausrichtung jedoch wieder zu mystischeren Flächen.
Wenn man so will ist A Dawn to Fear in seinem Wesen damit sogar ein Basic-Album für die Band geworden, fast schon ein zutiefst befriedigendes Ausleben von Standards. Der Kniff aber ist, dass dies niemals formelhaft nach pflichterfüllender Routine klingt, sonder mit einer hochqualitativen Klasse und Konstanz zelebriert wird, die weiterhin ihresgleichen sucht. A Dawn to Fear ist organisch, analog und authentisch, forciert eine von der Band so selten gehörte Melancholie und Intimität, lebt vor allem von seinem weitestgehend schlichtweg majestätischen Songwriting: Cult of Luna vermessen hier eine dynamische Spannweite an Tempi, Intensitäten und variablen Härtegraden der Heavyness. Die Kontraste innerhalb der Kompositionen und Texturen sind fesselnd, schichten Masse und Volumen geschickt um, und bleiben so auch über ein Gros der ausladenden Spielzeit (mit nur minimalem Leerlauf) weitestgehend spannend.

Den fabelhaften Opener The Silent Man kennt man so bereits als adäquaten Herold, der seine massiven Gitarren über offenen Grenzen von funkelnden, präzise anschiebenden Keyboards  zielstrebig und fokussiert, aber ohne Hektik treiben lässt. Irgendwann löst sich das Geschehen strukturell immer weiter im Ungewissen auf, wächst und blüht, atmet sphärisch durch, und erhebt sich strahlend zu einem finalen Ausbruch. Lay Your Head to Rest marschiert danach mit militärischer Strenge, formt im Stakkato-Grummeln eine ergebende Geste, variiert seine Motive um diese und entwickelt eine majestätisch sich selbst verwaltende Grandezza, ohne wirklich individuell aus A Dawn to Fear oder der allgemeinen Diskografie herauszuragen. Symptomatisch für den auf einem hohen Level agierenden Status Quo der Platte, der seine Amplituden nicht immer nach oben schicken muß, um die Gravitation im Verbund zwischen den Highlights zu erzeugen, praktisch auf jeden Ausnahmesong eine „nur“ sehr gute Nummer zum Durchatmen nachschickt.
Der folgende Titelmonolith ist schließlich ein ruhiger, abwartender, nachdenklicher Brocken, ritualistisch und archaisch. Die Growls werden gegen einen in Trance sinnierenden, mantraartig-versöhnlich agierenden Gesang getauscht, der A Dawn to Fear in die Nähe der getragenen Post Metal- und Drone-Epen von Converge bringt und so verwunschen vieles ergründet, was Neurosis zuletzt nur anreißen konnten: Cult of Luna schließen die Augen in ätherischen Keyboardwäldern, nehmen eine imposante Haltung ein, heulen den Mond sehnsüchtig und geduldig an, und beschwören eine überwältigende Anmut, die beinahe zu abrupt beendet wird.
Das martialische Nightwalker gibt sich dagegen umso böser malmend und sinister brütend, hofiert die Garstigkeit und groovt dann wieder nonchalant, sammelt sich über akribisch polternde Drums und fiesen Gitarren mit aller Zeit der Welt, nimmt hinten raus auch tatsächlich oszillierend an Fahrt auf, jede Impulsivität hier ist detailliert ausgeführt.

Das viertelstündige, monumental-brillante Lights on the Hill bekommt deswegen einen beinahe Earth-artig wandelnden instrumentalen Beginn, so bedrückend wie abgründig, dramatisch schwelgend. Die Gitarren pflegen eine folkloristische Dramaturgie, schwellen zum cinematographischer Panorama an, stattlich und verzwifelt – während des gespenstischen Outro wandelt die Band dagegen irgendwo zwischen Seemannsgarn und Endzeitballaden der frühen Crippled Black Phoenix.
Passend dazu knüpft We Feel the End über den betrübt verwaschenen Gesang und die halluzinierenden Soundschleifen Assoziationen zu Pink Floyd, agiert im Ambient verwurzelt wundervoll subversiv, gerade sobald sich sich die filigrane-verletzliche Nummer dezent optimistisch in Gang setzt. Am anderen Ende des Spektrums ist Inland Rain dahinter eher ein direkter Katalysator, der das Narrativ relativ kompakt vor dem finalen Leviathan mit eng gezogene Kurven in Stellung bringt – also im Kontext seinen Zweck erfüllt aber für sich genommen unspektakulär funktioniert.
Das abschließende The Fall kann insofern auch wie ein Manifest verstanden werden. Der Closer deklariert, weswegen die Band vielleicht nicht mehr so urgewaltig plättet, wie auf den epochalen Werken rund um die Mitte des vergangenen Jahrzehnts, führt dabei aber gleichzeitig auch absolut überwältigend vor, weswegen A Dawn to Fear scheinbar mühelos an der Speerspitze des Genres triumphiert.
Eventuell in ihrem Spätwerk angekommen lassen Cult of Luna damit durchaus ambivalente Eindrücke zu. Man darf gleichzeitig enttäuscht sein, dass die Schweden anhand einer puren Nabelschau von einer Platte keinerlei Ambitionen zeigen, noch Neuland für sich zu erschließen – und gleichzeitig damit hadern, ob die Band hier nicht trotzdem (oder gerade deswegen) womöglich ihr mitunter bestes Werk aufgenommen hat: Konzentriert auf die Kernkompetenzen, in sich sich geschlossen und als nachhaltig-selbstreferentielles Epizentrum eines homogenen Universums so tiefgründig imaginativ. Die Wahrheit dieser schaulaufenden Machtdemonstration liegt irgendwo dazwischen und zeigt Cult of Luna in der so komfortablen wie paradoxen Lage, sich (vermeintliche) Stagnation nicht als Vorwurf gefallen lassen zu müssen, sondern als Qualitätsgütesiegel an die von innen heraus reifer angewachsenen Brust heften zu dürfen.

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