Deerhunter – Double Dream of Spring

von am 15. Mai 2018 in Sonstiges

Deerhunter – Double Dream of Spring

Am tatsächlichen Nachfolger von Fading Frontier wird derzeit unter dem prolongierten Titel Why Hasn’t Everything Already Disappeared? erst gebastelt. Double Dream of Spring hingehen ist hingegen „nur“ ein „Tour-only cassette tape limited to 300 individually numbered pieces. Only available at Deerhunter’s shows in New York City on May 15 and 16, 2018 and on their summer 2018 European tour.

Bis auf die Tatsache, dass die (angeblich doch in höherer Stückzahl vertriebene) Kassette auf etwaigen Plattformen unnötigerweise dreistellige Beträge erzielt, kann sich Double Dream of Spring insofern vorbehaltlos und frei von Erwartungshaltungen nähern – obwohl die abstrakte Formlosigkeit der Platte selbst für hartgesottene Anhänger von Deerhunter eine zu unverbindliche Fingerübung ohne konkrete Nachwirkung darstellen könnte.
Immerhin versammeln Bradford Cox, Lockett Pundt und ihre Kollegen hier eine betont lose Sammlung an vage bleibenden Ideen und ziellos dösenden Ansätzen, die sich konkreten Songwriting-Strukturen dezidiert entziehen und durch Ansätze des neopsychedelischen Freakfolk, avantgardistischen Experimental Rock und improvisierten LoFi-Pop mäandern, irgendwo in der Nähe der frühen Kumpels von Animal Collective.

Hängen bleibt da insofern wenig konkrete – im positiven wie negativen. Es gibt Szenen, die nicht über wenige Sekunden an fragmentarischen klanglichen Loops hinauskommen (Clorox Creek Chorus, [untitled]) und Nummern wie The Primitive Baptists, in denen ein repetitives Keyboardmotiv das potentielle Gerüst eine Songskizze so weit weg von finalen Zügen gebiert, wie möglich. Dial’s Metal Patterns ist ein kammermusikalischer Jam mit jazzigen Saxofon-Schwaden, weich-wabbernde Backgroundmusik, in die man sich bis zum Akustik-Ende nach knapp 12 Minuten Odyssee unaufgeregt verlieren kann. Strang’s Glacier erinnert mit Homerecording-Sound, Drummaschine und Retro-Melodik an Badlands von Dirty Beaches im Lounge Modus und Denim Opera ist ein Klampfen am Drogen Lagerfeuer mit ein bisschen Percussion zur Gitarre, keiner Produktion oder Zielen, dafür aber einem abrupten Ende.

Lilacs In Motor Oil dann die fiepende Suspence-Klanginstalationen, die Willkür über Inspiration stellt, während Faulkner’s Dance praktisch ein Lake of Fire-Imitat von einem Xylophon-Straßenkünstler sein könnte – für 30 Sekunden interessant, dauert dann aber eben 4 Minuten. Durchaus symptomatisch für eine Veröffentlichung, deren Potential in diesem inkohärenten zusammengetragenen Chaos aufblitzt, ohne das prominente Band-Banner aber wohl kaum Vertrauen in die „Sinnhaftigkeit“ dahinter aufkäme.
Sei es drum: How German Is It? hat nicht nur einen tollen Titel, sondern ist nicht uncharmant der vollkommen aus den Fugen geratene Fiebertraum einer Ballade, bevor das Charles Ives-Cover Serenity 1919 als melancholischen Zeitlupe-Klaviertrauerstück enervierend hemmungslos schräg neben die Spur gerät.
So lebt die Platte durchaus intuitiv fliesend von einer collagenartig-einnehmenden Stimmung, die einen gewissen Reiz entfaltet, den man nicht (über/unter)bewerten sollte/darf/kann. Eine Liebhaber-Fußnote in der Deerhunter-Diskografie eben, zu der man kaum noch in diesem unverarbeiteten Kontext zurückkehren wird. Werden einzelne Ansätze von hier in späteren Songs auftauchen oder kommen einzelne Tracks hiervon in einer willkürlichen Playliste aller hauseigenen Nummern der Band aus Atlanta, werden diese obskuren Kleinode aber eventuell ein schrulliges, wissendes Lächeln auf das Gesicht von Komplettisten und Archivaren zaubern.

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