Deerhunter – Fading Frontier

von am 7. November 2015 in Album

Deerhunter – Fading Frontier

Im Deerhunter-Kosmos ist die Sache letztlich freilich ein wenig komplizierter, aber: Wenn ‚Monomania‚ ihr aus der Garage polterende Rockalbum war, ist ‚Fading Frontier‚ nun das umarmende Pop-Feuerwerk der Band.

Einen schweren Autounfall hat Bradford Cox Ende 2014 überlebt, „seriously injured, but also provided [with] a perspective-giving jolt„. Die Folgewirkungen machen sich nun auf dem siebenten Studioalbum von Deerhunter eklatant hörbar, wenn auch anders, als man das vielleicht annehmen würde: Melodiöser und eingängiger als in ihrem 14. Bandjahr waren die Grenzgänger aus Atlanta wahrscheinlich noch nie. ‚Fading Frontier‚ ist ein geradezu freundliches, ruhig-besonnenes Album geworden, das sich beinahe heiter auf die Sonnenseite des Lebens lehnt und kaum Platz für dunklen Schwermut oder elaborierte Längen hat. Alleine der kompakte Fokus von gerade einmal 9 Songs in 36 Minuten spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache.

Gleich ‚All the Same‚ erwacht da also losgelöst mit verträumt perlenden Gitarren, strampelt zum verschlafenen Strand-Ausflug der Band, der sich vor allem durch seine Kompaktheit und stringenten Strukturen auf dem Silbertablett präsentiert. Das ausfransend pulsierende ‚Living My Life‚ und der schmissige rotierende ‚Duplex Planet‚ klingen hingegen, als würden die aktuellen Strokes einen Beach House-Song vereinnahmen – in den Konturen tastendrückend entrückt, sich in den Hooks aber sofort erschließend.
Irgendwann gehen die mändernd-zwingenden Soundwelten dank angezogener Rhythmusarbeit gar in die Beine, entwickeln ein schwereloses Drehen mit geschlossenen Augen, Bradford singt durch mysteriöse Schleier, aber bestimmter als sonst. „Will you tell me when you find out how/ To recover the lost years/ I’ve spent all of my time out here/Chasing the fading frontier/…/I’m off the grid/ I’m out of range/ I’m living my life„. Prioritäten sind gesetzt, keine Zeit mehr zu verschwenden. Das dängelnde ‚Breaker‚ ist demfolgend ein im Refrain angenehm angerauhter Popsong in Reinkultur, unspektakulär dahinlaufend, aber absolut bestechend in seiner charmanten Beiläufigkeit.
Überhaupt ist es diese Diskrepanz aus dem griffigstem Songwriting bisher, sowie dem inszenatorisch weichgewaschenen Amalgam der Klangwelten von ‚Halcion Digest‚ und ‚Microcastle‚, die ‚Fading Frontier‚ eine ambivalente Atmosphäre aus schneller Durchschaubarkeit und sich langsam entfaltender Tiefenwirkung verleihen, jede noch so infektiös ausgebreitete Melodielinie unwirklich verträumt erscheinen lassen.

Dermaßen ausgelassen wie es die Vorabsingle ‚Snakeskin‚, dieser vor Lebensfreude funky groovender Ohrwurm mit Klappeschlangen-Momenten und vital marschierender Akustikgitarren, in Aussicht stellte, ergeht sich ‚Fading Frontier‚ dann in Summe zwar also doch nicht der puren Zugänglichkeit – genau genommen chauffiert ja schon selbst dieses entwaffnend daherkommende Stück Indie-Charttauglichkeit genügend Vielschichtigkeit, um auch hinter der sofort zündenden Catchyness seine nur schwer erschöpfliche Anziehungskraft zu behalten – aber die Unmittelbarkeit, mit der Deerhunter selbst hier in die Ohren ziehen ist dann doch beachtlich. Dass sie ihrem Sound auf ausschließlich bekannten Vektoren abermals einen vollkommen neuen Charakter verleihen jedoch mindestens ebenso.
Die Gitarren positionieren sich dafür weniger prominent als noch auf ‚Monomania‚, flirten mit Easy Listening-Motiven in der zweiten Reihe und gefallen sich akustisch am besten. Im elektronisch wummernden Jangle-Tröster ‚Take Care‚ werken sie hinten raus nun also markant neben den Synthies, aber folgerichtig noch eher unaufmüpfig, bescheiden, in Einklang mit sich selbst und den darüber liegenden Effekten. Ein Mysterium.

Spätestens ‚Leather and Wood‚ kippt dann die Stimmung der Platte als ihr längstes Stück ohnedies noch in eine psychedelisch-verschrobenere Ebene. Das Piano tröpfelt gedankenverloren dahin, Deerhunter hypnotisieren dösend, torkeln ziellos mäandernd umher und schicken ‚Fading Frontier‚ doch noch in den Kaninchenbau, der die relative Schnörkellosigkeit der ersten Plattenhälfte nur bedingt mitmachen will. ‚Ad Astra‚ treibt als einzige Komposition von Lockett Pundt mit ätherischer Eleganz, verdichtet sich zum besten sphärischen Ausflug der Platte und bekommt zudem die Möglichkeit, sein Potential über die volle Distanz auszukundschaften ohne dabei in exzessive Experimente umzukippen. Der Bruch zum folgenden, versöhnlich schunkelnden ‚Carrion‚ ist insofern vor allem klangtechnisch einer, zumal der Closer die Dinge gar zu abrupt beendet und aus im Abgang höchstens unausgegoren zusammengesetzte ‚Fading Frontier‚ durchaus mit einem falschen Bild entlassen kann: Das siebente Deerhunter-Werk beschneidet seine Kompositionen trotz ihrer Knackigkeit praktisch nie, die neue Zielstrebigkeit  im Zug zum Tor sorgt dazu vor allem für eine frische, süchtig hinterlassende Prise der Kurzweiligkeit in der Discographie der zum Quartett geschrumpften Kombo. Kein weiteres Meisterwerk also, vielleicht aber (auch gerade deswegen) ihre Hit-Platte.

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