Desaparecidos – Payola

von am 8. Juli 2015 in Album

Desaparecidos – Payola

2002 war musikhistorisch betrachtet ein absolut großartiges Jahr. Mitverantwortlich dafür waren auch der damals als legitimier Bob Dylan-Nachfolger gehandelte Conor Oberst und das Erstlingswerk seiner Emocore-Plattform Desaparecidos.

2015 ist dagegen bisher eher ein sehr solides Musikjahr, herausragend aber hinsichtlich der Fülle an starken Comebackalben. Mitverantwortlich dafür ab sofort ebenfalls: der, wie man heute weiß, den Dylan’schen Fußstapfen nicht gewachsene Conor Oberst und seine wieder versammelten Radaubrüder Landon Hedges, Matt Baum, Denver Dalley und Ian McElroy, die infolge der  überraschenden Reunion 2010 und satte 13 Jahre nach dem ‚Read Music / Speak Spanish‚  noch einmal die Verstärker aufdrehen und sich emotional ins Getümmel des politisch rockenden Posthardcore stürzen. Der vielleicht schönste Nebeneffekt dabei: ‚Payola‚ ist eigentlich schon mit dem ausgebreitetet in die Vollen gehenden Opener ‚The Left is Right‚ weniger egal und zwingender als jede andere Platte unter Oberst-Führung im vergangenen Jahrzehnt.

Auch wenn da der eine oder andere Song des Zweitwerks eigentlich bereits zu Zeiten des Debüts der vom plötzlichen Erfolg überrumpelten Band entstand, dazu auch ein halbes Dutzend Singles ab 2012 im Vorfeld veröffentlicht wurden und ‚Payola‚ deswegen einerseits in Momenten wie dem schon anbiedernd daherkommenden Agendastück ‚Anonymous‚ inhaltlich etwas hinten nach wirkt, wie andererseits doch mehr Stückwerk als sein beinahe konzeptuell verschweißter Vorgänger ist, haben die eineinhalb Dekaden Abwesenheit die Desaparecidos kaum ruhiger gemacht – den Labelwechsel von Saddle Creek zu Epitaph kann man trotzdem als symptomatisch für das generelle Klangbild der Platte hernehmen. Das Quintett transportiert seinen Unmut mittlerweile (eigentlich kontraproduktiv zur rebellischen, aufgekratzten Grundstimmung stehend) sauberer produziert über poppigere, rundere, weniger raue und nur seltener impulsive Songs, die ihren Punk-Kern mit der selben umgänglichen Rockigkeit umtänzeln, wie das etwa die Thermals tun.
In dem breitenwirksamer gewordenen Umfeld wettert Oberst immer noch atemlos gegen die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Probleme der USA und der Welt anschreiend. Räudiger Kapitalismus und latenter Rassismus sind ihm immer noch ein Dorn im Auge, Tim Kasher, Laura Jane Grace und die So So Glos springen mit in den Ring, vor Camila Vallejo verbeugt man sich kollektiv: „Oh Camila/ You put a fire in my heart/I don’t know what’s going to happen/But I want to do my part„.
Payola‚ spuckt sein Gift mit reichlich Occupy-Mentalität im Rücken in Richtung fadenscheiniger Onlineaktivisten, zentriert seine Wut diesmal weniger im Omaha-Fokus, sondern drückt die Finger auf globalere Art auf offene Wunden.

Insofern fühlt sich ‚Payola‚ sogar wie eine unmittelbar nach ‚Read Music/ Speak Spanish‚ veröffentlichtes gebliebenes Update des Erstlings an, dem das Abschleifen einiger Ecken und Kanten allerdings nicht in die Karten spielt. Dass etwa der anschmiegsame Punkrocker ‚Golden Parachutes‚ seine Noisemomente allzu anstandslos in den Hintergrund zähmt ist schade, das indietaugliche ‚Marikkkopa‚ oder ‚City on the Hill‚ machen es sich da mit ihren simplen Melodien phasenweise schon zu einfach mit der süßlichen „Oho-Oho„-Catchiness – vor allem letzterer kaschiert diese Durchsichtigkeit aber nahtlos als unterhaltsame Synthieabfahrt mit gelöstem Gitarrensoloabsprung.
Wenn man zudem gleich darauf einen supereingängig nach vorne gepeitschten Hit wie ‚Radicalized‚ packen kann, tröstet dies durchaus potent über die Tatsache, dass sich in Summe doch einige Längen in eine undynamisch komprimiert in Szene gesetzte Platte schleichen, ‚Payola‚ zudem nicht diese erschlagende Menge an Übersongs und Instant-Klassikern parat hält wie ‚Read Music / Speak Spanish‚ – obwohl gerade die Schlussphase von ‚Payola‚ durchaus einige Highlights aneinanderreiht: ‚Backsell‚ probt die aufs Gaspedal drückende Hymne, ‚Slacktivist‚ kippt zur Hälfte in ein ausgelassenes Ringelspiel und ‚10 Steps Behind‚ lässt seine Gitarren mit ordentlich Dampf unter der Motorhaube postrockig flimmern.  Nicht ganz zum Punkt kommende Nummern wie ‚Ralphy’s Cut‚ verwässern das energische Unterfangen ‚Payola‚ so nur bedingt: der jugendlichen Übermut, die dringliche Energie, die fragile Härte und die explosive politisierte Emotionalität von vor 13 Jahren – Desaparecidos transportiert sie ohne Altersmüdigkeit ins Hier und Jetzt – bisweilen fast schon zu reibungslos.

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