Dirty Beaches – Stateless

von am 9. November 2014 in Album

Dirty Beaches – Stateless

Alex Zhang Hungtai reist als moderner Nomade durch die Welt. Ungebunden und ohne festen Wohnsitz lässt er sich durch fremde Städte treiben und saugt Impressionen auf, um sie in seinen eigenen musikalischen Kosmos zu transkribieren. ‚Stateless‚ ist der potentielle Soundtrack zu diesen zyklischen Wanderungen durch das faszinierende Unbekannte.

Man kann sich vom Soundfluss von ‚Stateless‚ umspült (nicht zuletzt mit Hungtais Instagram Account im Hinterkopf) vor dem inneren Auge ausmalen, wie das für den Weltenbummler eventuell sein muss. Wenn der Kosmopolit ohne feste Destinationen wie ein humanoides Alien in andere Welten eintaucht, verschiedenste Eindrücke womöglich mit einem Gefühl der seltsam vertraut wirkenden Ungekanntheit aufnimmt; an noch nie gewesenen Orten ein Gefühl des Nachhausekommens verspürt; vielleicht Begleiter an seiner Seite hat und dennoch vor allem die Melancholie der Einsamkeit mit sich herumträgt, während er mit der Mystik der modernen Urbanität verschmilzt. All das sind blumige, düstere Bilder in langsamen Neonfarben, die das Kopfkino entlang der 41, rein instrumental gehaltenen Minuten ausspucken kann – aber nicht muss. Denn trotz seines konkreten Hintergrunds und abseits seines eigentlichen Konzepts („All seasons are cyclical, like real life shit. We can’t predict life, but we can try to brace ourselves for the ever changing tides of time.„) funktioniert ‚Stateless‚ durch und durch auf universeller Ebene, als frei verfügbares, abstraktes Klangbildnis, das durchaus auch den überraschungsarmen Spaziergang zum nächsten Zigarettenautomaten mit einer nebulös-unwirklichen Aura zu überstülpen vermag.

Hungtai besinnt sich auf seiner finalen Veröffentlichung unter dem Dirty Beaches-Banner damit auf seine vielleicht stärkste Seite, die er auch auf der zweiten Hälfte seines letztjährigen Meisterstück ‚Drifters/ Love is the Devil‚ forciert hatte: als Atmosphärearchitekt, der aus minimalen Mitteln ein Maximum aus Tiefenwirkung entfalten kann. Gemeinsam mit Co-Songwriter und Viola-Spieler Vittorio Demarin baut der 34 jährige Kanadier seine schimmernden Klangwelten ausnahmslos auf den Schulter von  Tenor Saxophon und Mirage Synthesizer, dass David Lynch-Spezi Dean Hurley den Endmix übernommen hat macht durchaus Sinn. Baut sich das vielleicht homogenste Album Hungtais (keine Noiseattacken, treibende Tribal-Momente oder catchy 60s-Momente diesmal, sondern ein sich beständig ausbreitender Klangfluss) doch irgendwo zwischen die Hohheitsgebiete der Ambientmeister Angelo Badalamenti und William Basinski. Die halluzinogen-vibrierende Noirwelt ‚Displaced‚ wirkt da wie die mystischsten Momente von Braid ohne Romantikanteil, die bedrohlichen Drone-Nebel und Synthiewolken des elfminütigen Titelsongs ziehen danach alle Vorhänge zu und beschwören aus dem hintersten Radiatoreneck Saxofongeister, die sich wie geisterhafte Erinnerungen an einen archaischen Colin Stetson anfühlen, und langsam als vage Ahnung im glimmernden, verglühenden Synthiemeer verschwinden.

Die scoreartige Flächenwelt von ‚Pacific Ocean‚ ist dagegen der auftauende Hoffnungsschimmer am Horizont, verschiebt seine Nuancen nur im Detail. Die Grundrisse einer Melodie sind im Zeitlupentempo in die Atmosphäre gewoben, bevor das ätherische ‚Time Washes Away Everything‚ seinem Titel folgend mit einer eindringlichen Zeitlosigkeit gemächlich dahinfließt: die Stimmung ist von einer außerkörperlichen Trauer erfüllt, gleichzeitig aber in seinem transzententalen Glanz der rettende Strohhalm vor der Depression: „Heartbreakingly beautiful„, von Innen heraus.
Das ist dann natürlich keine Gebrauchsmusik für jede Gelegenheit, aber im richtigen Moment eben auch der vielleicht ideale Begleiter durch dunkle Stunden des Alleinseins. Die Frage, ob ‚Stateless‚ auch ohne den Namen Dirty Beaches am Cover derartige Resonanzen hervorrufen würde stellt sich damit nicht: selbst, wenn Hungtai vor allem auf ‚Love is the Devil‚ anhand von Stücken wie dem Gitarrenepitaph ‚Alone At The Danube River‚ in ähnlicher Gangart bereits prägnanter, markanter und auch facettenreicher agiert hat, unterstreicht ‚Stateless‚ eindrucksvoll, dass der Weltenbummler längst zu den Koryphäen der Ambientkunst gehört, in den besten Augenblicken eine regelrecht magische Sogwirkung entfaltet. Sofern dies tatsächlich der Abschied von Dirty Beaches sein sollte, wird einem Hungtais Alias und sein ausuferndes Schaffen auch hiernach ausnahmlos in guter erinnerung bleiben.

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