Every Time I Die – Low Teens

von am 3. Oktober 2016 in Album, Heavy Rotation

Every Time I Die – Low Teens

Weil sich Keith Buckley mit der vielleicht schwierigsten Krise seines bisherigen Lebens konfrontiert sieht, stellen sich auch mit Album Nummer 8 keinerlei Ermüdungserscheinungen bei seiner Band an. Mehr noch: Every Time I Die bollern ihren in alle Richtungen explodierenden Metalcore weiterhin gnadenlos als unberechenbares Nonplusultra des Genres hinaus und stellen anhand von Low Teens einmal mehr die Frage nach einem neuen Bandzenit.

Every Time I Die sind im November 2015 gerade auf Tour durch Kanada, als Keith Buckley der Anruf erreicht, der den Alltag zwischen dem stetig wachsenden Erfolg seiner Band und dem baldigem Familienglück auf privater Ebene von einer Sekunde auf die andere in einen Alptraum zu verwandeln droht: Seine im siebenten Monat schwangere Frau Lindsay wurde mit einer Bluvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert, ihr Leben sowie das der ungeborenen Tochter hängt an einem seidenen Faden. Während Every Time I Die die restlichen Termine der Tour mit letlive.-Sänger Jason Butler zu Ende bringen, reist Buckley nach Hause zu seiner Frau. Und sei es nur, um anwesend zu sein – und all die bangen Tage über zu warten.
In dieser Zeit der Ungewissheit, den potentiellen Tod seiner Familie im Gedanken vor Augen, beginnt der schlaflos verzweifelnde Buckley sich seinen Verlustgedanken und Ängsten zu stellen, zu schreiben – Low Teens wird sich inhaltlich vor allem um diese Momente von Buckleys Leben am Abgrund drehen, aus den Erfahrungen rund um dieses vieles relativierende Erlebnis speisen. Nur Glitches, das wie im Adrenalinrausch aufs Mathcore-Gaspedal steigt, fällt als Reflektion der paris-Anschlähe inhaltlich aus dem restlichen Fokus, fügt sich aber letztendlich nahtlos in die übergeordnete Thematik, die sich mit Buckleys bisher stärksten Texten zwischen Eindrücken der Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Wut und einer immanenten Sinnsuche nach dem Funken Hoffnung malträtiert.

Das Spiel dahinter ist im Grunde das selbe, wie nicht nur bereits auf den direkten Vorgängern Ex Lives und From Parts Unknown: Das Quintett aus Buffalo hat seinen undefinierbaren Sound inmitten der Fronten Metalcore, Southern Rock, Sludge und Hardcore längst gefunden, verinnerlicht und perfektioniert, dekliniert ihn jedoch ein ums andere Mal spannend neu, setzt ambitioniert Akzente ohne Netz und dopelten Boden, bleibt hungrig. Die regelmäßige Blutauffrischung wird dabei ihr übriges beitragen, dass die Erfolgsformel von Every Time I Die auch im achtzehnten Bandjahr keinerlei Abnutzungserscheinungen zeigt, sondern der Intensitätslevel des kreativen Höhenflugs mit schlauer Klinge und mehr Grips als anderswo sogar in neue Sphären geschraubt wird: mit Ex-Norma Jean und Underoath-Drummer Daniel Davison haben Every Time I Die ordentlich Feuer im Rücken, während Neo-Produzent Will Putney der in der Kälte zusammenrückenden Band („The whole winter, the temperature was in the low teens. Bitterly cold.“ erinnert sich Buckley an die Zeit der Aufnahmesession) zahlreiche der zugänglichsten Szenen ihrer gesamten Discografie ermöglicht, ohne den radikalen Brutalitätslevel dafür hinunterscharuben zu müssen.

Das hat dann auch gar nicht nur damit zu tun, dass Every Time I Die weiterhin für namhafte und ausgefallene Feature auf ihren Platten garantieren und für It Follows passgenau Panic! at the Disco-Boss Brendon Urie ankarren, der den Song inmitten verquer-bedrohlicher Gitarrenarbeit und heftig bratendem Geriffe sowie Buckleys eigenem, erstaunlich präsentem Klargesang in strahlende Höhen treibt, bis einem gar der Gedanke an hirnwütigen Pop kommen kann – sondern mit den generell hartnäckig anfixenden Zwischentönen einer brachial austickenden Platte mit geradezu optimistischer, einladender Ausstrahlung: Catchier als auf Low Teens waren Every Time I Die (ungeachtet minimalster Längen im letzten Drittel der Platte) jedenfalls noch nicht.
Nachzuhören etwa in Two Summers, einem potentiellen Hit, der es dann doch niemanden leicht macht, seine Punk-Schmissigkeit peranent mit aller Kniffligkeit drangsaliert und in die letzte Abfahrt noch entspannte Cowbells klopft. Oder Awful Lot, das wie eine Kettensäge auf Speed röhrt, in alle Richtungen austritt und plötzlich Hooklines noch und nöcher auspackt, nur um das Geisterklavier von Moor neu zu entdecken. In der brillanten Single The Coin Has a Say stemmt sich eine Melodie zum Niederknien aus dem Reißwolf, bevor Map Change ein finales Gemetzel anrührt, das seine Hymnik dann doch noch randalierend auf die Überholspur schickt, bevor alles doch noch zu einer triumphalen Geste aufgeht.

In C++ (Love Will Get You Killed) mutiert legere Coolness zur austickenden Dampframme mit weit ausholendem Gesang, der doch lieber wie im Blutrausch dem chaotischen Geprügel folgt. Symptomatisch ist da dann nicht nur, dass Jordan Buckley und Wrestler Andrew Williams für die letzten Sekunden ein furioses Gitarrensolo aus der brodelnden Schutt-und-Asche-Brühe fischen (egal wie viel in einer Komposition bereits passiert ist: eine letzte Pointe ist stes drinnen!), wo Low Teens als Ganzes eine kompromisslose Einheit ist, bei der trotzdem kein Song den nächsten erwarten lässt, sondern auch die lyrische Tiefe: „All will be lost anyway/ I see no good reason to wait, I will meet you/There’s a light where you go“ sieht Buckley den Tod als Option, ist bereits sich im schlimmsten Falls von seiner Frau und/oder Tochter zu verabschieden und ihnen zu folgen, während ausgerechnet in der Liebe Glück und Verderben gleichermaßen wurzeln: „When everybody gets a universe they do what they want/I’m gonna need another universe I tore mine apart/Yeah, when everybody gets a universe, they can do what they want/I tore mine apart, I tore mine apart„.
Schlimme Sachen passieren eben. Aber nur, um etwas Gutes nach sich zu ziehen. Daran muss ich glauben“ sagt Buckley. Und meint damit sicherlich auch Karrierehighlights wie etwa Fear and Trembling (das sich erst kantig schleppt, knarzt und ächzt, um zahlreiche Finten in seinen dröhnenden Post Hardcore-Noiserock zu bohren, während Buckley und Deadguy-Legende Tim Singer manisch um die Hardcore-Wette brüllen), den vor Wendungen monströs knüppelnden Unruhestifter I Didn’t Want to Join Your Stupid Cult Anyway, der künftig jeden Pit explodieren lassen wird, oder überraschende Unberechenbarkeiten wie Religion of Speed, das klingt, als würde gezupfte Gitarrenklassik nur in ein Metalinferno kippen, um bei einem drückenden Speed-Doom zu landen, der seine Dringlichkeit in die Dampfwalze zerrt – sondern vor allem den letztendlich guten Ausgangs des ganzen Dramas: Familie Buckley ist mittlerweile gesund zu Hause – und Every Time I Die stehen mit der nächsten herausragenden, vielleicht sogar varibelsten Platte ihrer makellosen Karriere da.

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