Every Time I Die – Radical

von am 5. November 2021 in Album, Heavy Rotation

Every Time I Die – Radical

Die interne Rangliste kann an der Spitze freilich (mal wieder) umgeschrieben werden: Every Time I Die multiplizieren ihre zuverlässige Achse aus Konstanz und Qualität diesmal nämlich noch mit zusätzlicher Quantität. Oder: Radical ist das bisher längste Album der Band – und wohl auch ihr bis dato bestes.

Weil es für Fans mit einer halben Dekade Pause die längste Wartezeit auf ein neues Studioalbum bedeutete – und auch für die Band selbst nicht einfach gewesen sein muss, dank Corona auf diesem seit 2019 fertiggestellten Berg an Songs über ein Jahr still sitzen zu müssen – gleich eingangs zu den wenigen negativ auffallenden Punkten, um sich bedingungslos in die Euphorie zu stürzen, die Radical in Summe letztendlich provoziert.
Das neunte Werk der Gang aus Buffalo hat mit dem seine Auslage bis zu den seligen Christiansen wechselnden, aber etwas unausgegoren die Trademarks zelebrierenden We Go Together einen guten, aber (gerade im Vergleich zu Map Change von 2016) keinen herausragenden Closer. Da hätte sich das seine Dringlichkeit mit hymnischen Auswüchsen schattierenden People Verses (wenn dann auch in einer sein so wunderbar versöhnlich verklingendes Finale  hinten raus noch ausführlicher zelebriert werden müssenden Version) deutlich epischer (und eben auch dem vorangegangenen Massiv würdiger entsprechend) angeboten.

Überhaupt ist die zweite Albumhälfte des den generellen Grad an chaotischen Härte nach Low Teens wieder nach oben schraubenden Radical ein minimales bisschen weniger triumphal ausgefallen als die erste – was angesichts der aufgefahrenen Radikalkuren aber einerseits ohnedies sehr relativ zu verstehen ist, andererseits der Fokus auch ein anderer, wenn Every Time I Die hier vor allem Dampf ablassen und (selbst wenn sich ein melodischer Rocker wie White Void im Ambiente der Deftones färbt) primär keinen Stein auf dem anderen lassen wollen.
Bretter wie der hochenergetische Metalcore von Hostile Architecture („How many times can I say/ I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry/ Sorry, I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry/ But what did I do wrong?„), das so aggressiv wie atemlos nach vorne drückende AWOL („The spacе between us is like a crime scеne“), das blastbeatende Distress Rehearsal, oder die nur im Rahmen psychedelisch schwelgende Abfahrt sexsexsex bilden eine brillante Stafette aus Standards, für die andere Bands morden würden. Eine zwischen Hochgeschwindigkeit und Dampfwalze justierende Abrissbirne wie The Whip lässt dazu übrigens auch keinen Zweifel daran, warum die Band diese Songs derart lange zurückhielt: Gerade live ist das der Stoff für ein ziemliches Gemetzel, selbst nach hauseigenen Maßstäben.

Spektakulärer ist dennoch, was Every Time I Die davor für eine bedingungslose Stafette an Hits abliefern; welch ein schwindelig hinterlassendes Schaulaufen aus absolutem Hunger und Eingängigkeit nach dem sperrig-malmenden, niemanden verschonenden Pit-Mahlstrom-Opener Dark Distance („Spare only the ones I love/ Slay the rest“) als Husarenritt durch Instant-Ohrwürmer mit unbedingt erinnerungswürdigen Zeilen und instrumentalen Elementen da losgetreten wird.
Sly schraubt seine Hook („Awеsome as a miracle, miracle, miracle, miracle/ Wanted like a criminal, criminal, criminal, criminal“) etwa manisch nach oben und Planet Shit gniedelt als sleazy Southern Rock auf Speed mit Stiernacken und Schaum vorm Mund. Post-Boredom („I gavе you nothing, you want more?/ You’ll get more nothing“) packt so viele catchy Passagen wie möglich in einen zwingenden Fluss, zündet über eine extrem präsente Rhythmussektion das kompakte Riffing mit einer theatralisch vibrierender Stimme, die bereits etwas von Cedric Bixler hat. Am Ende des nahtloses Doppels aus A Colossal Wreck (ein tackernder Hardcore-Adrenalinrausch als Tempohatz zum motorischen Groove) und Desperate Pleasures (dessen beschwörende Geste zu Beginn noch Rezitationen, Stadion-Animationen und ungefilterten Wahnsinn einlädt) wird das Quintett gar dort triumphieren, wo At the Drive-In bei der Reunion längst die Wut fehlte.
All This and War reißt das Steuer dagegen zwischen dissonanter Schieflage und epischem Momentum und findet eine Cowbell-Party im zähflüssigen Stampfen, die mit Josh Scogins von The ‘68 eine Rückkehr von The Chariot beinahe im Alleingang aufwiegt.

Dass gerade Keith Buckley entlang seiner satirischen, post-ironischen, politischen oder auch einfach nur so verdammt schonungslos offenen („Fear is a fetish and I am a masochist/ I’m not ashamed of my shame, now that I gave it a name/ I’m not ashamed of my shame, now that I know it’s name“) Texte dabei immer wieder herausragende Szenen kreiert und die variabelste, eindrucksvollste Leistung seiner Karriere liefert, findet seinen Höhepunkt (und den der Platte generell, wie alleine auch die Positienurung der Nummer im mittig liegenden Herzen des Albumflusses verdeutlicht) in Thing With Feathers: mit Manchester Orchestra-Stimme Andy Hull als Katalysator schraubt Buckley die emotional Every Time I(n)die-Seite seiner Band vor poetischem Hintergrund in neue Höhen: über ein langes, stimmungsvolles Herantasten fleht der perfekt harmonierende Zusammenschluss regelrecht pastoral zu einer Achterbahn der Gefühle und verschafft Radical als Tribut an die verstorbene Buckley-Schwester Jaclyn gleichzeitig einen sinnierenden Ruhepol, der aufwühlt – wahrhaft radikal!
Die größte Stärke von Radical ist neben dem durchgängig bestechenden Niveau des Songwritings und der Performance derweil aber wohl die extreme Kurzweiligkeit der Platte: Wo man sich vorab durchaus fragen konnte, ob Every Time I Die die Spannung über beinahe eine Stunde die Spannung interessant aufrechterhalten können würden, beantworten 16 Songs in knallharter Will Putney-Produktion mit einer kaum stillbaren Sucht, die Radical ohne auslaufende Längen oder gravierende Abnutzungserscheinungen über We Go Together hinausgehend auf Heavy Rotation in Dauerschleife stellt. Womit sich eine der zuverlässigsten Diskografien des modernen Metal noch weiter zum Idealzustand bewegt hat.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen