Frank Carter & The Rattlesnakes – Blossom

von am 31. August 2015 in Album

Frank Carter & The Rattlesnakes – Blossom

Vielleicht ist Frank Carter ein ambivalenter Chaot, vielleicht musste er seinen Kopf erst wieder für intensiven Hardcore Punk freibekommen, vielleicht ist er schlichtweg ein erfolgsgeiler Wendehals. Fakt ist jedoch: auf ‚Blossom‚ tut er in erster Linie endlich wieder das, was er am besten kann.

Zwei Jahre ist es her, seit Carter sich mit Pure Love mittels einer Handvoll Möchegern-‚Anthems‚ an die Massen anzubiedern versuchte und gleichzeitig den inneren Frieden mit seinen Dämonen anpries: „I’m so sick of singing about hate/It’s time that I made a change„. Katastrophale Kritiken am finanziell unrentablen Ausverkaufs waren die Folge. Eine Abschieds-EP samt dazugehörigen Split von Jim Carroll später haben sich die Perspektiven für Carter und aber nicht nur wegen des Umzugs zurück nach England geändert: „You are nothing to me/ You’re a useless fucking cunt/…/I wish you would die, it makes me violently angry when I see you alive.“ brüllt Carter im programmatisch betitelten ‚Hate You‚ bis die Stimmbänder glühen, wie die Instrumente auf die Cover brennen. Da hat sich offenbar einiges angestaut. In der IS-Breitseite ‚Paradise‚ ist dann nur der Hass gewiss: „You coward fucking scum/…/ Your paradise does not exist It’s a tomb that’s full of emptiness But if there is a paradise, hidden in the sky I hope you never get to see it when you die„.

Subtilität war noch nie Carters Stärke, freilich. Die regelrecht plakativ-platte lyrische Gangart von ‚Blossom‚ kann dann aber in Verbindung mit dem widersprüchlichen Karrierekontext des Gescheiterten durchaus einen fahlen Beigeschmack hinterlassen, zumal es Carter phasenweise genügt von seiner neuen Backingband mit Holzhammer-Riffs und generischen Genre-Standards versorgt zu werden. Nicht ohne guten Grund. Denn einerseits weiß Carter wohl selbst Bescheid über die Diskrepanz seines Auftretens, kann aber nicht aus seiner Haut („So tell me how you deal with that devil in your heart/ Cos every time I think we are done/ I find I’m right back at the start„). Und andererseits – was dann ohnedies viel wichtiger ist – will man sich über derartige Dinge während des 35 minütigen Feuersturms, der ‚Blossom‚ letztendlich geworden ist, kaum Gedanken machen, so fett und energiegeladen wie einem Frank Carter & The Rattlesnakes ihren Hardcore Punk um die Ohren knallen.
Vom Opener ‚Juggernaut‚ (mit Ansage: „Wrap me up in chains all soaked in petrol/ Choking in the gallows like some wretched devil…/ Even on my own, you can’t stop me Even on my own, I am the juggernaut!) weg ist das giftig und an der Schmerzgrenze randalierend, wütend, rau und aggressiv, brescht direkt zu den Wurzeln des austickenden Brüllwürfels Carters durch.

Dorthin also, wo die unnerreichbaren The Bronx und die ehemaligen Kumpels von Gallows sich blutspuckend in einem räudigen Pit malträtieren. Spannend bleibt der Radau nicht zuletzt wegen der intensiven Performance von Carter (Poet braucht er keiner zu sein, so lange er schön angepisst ist), sondern auch wegen der doch immer wieder eingestreuten instrumentalen Kniffe wie etwa die ordentlich Druck machende Halbzeitpause in ‚Paradise‚, die live wohl in einem Schlachtfest enden wird. ‚Trouble‚ variiert hingegen das Tempo leicht nach unten und hat Platz für ein Gitarrensolo, ‚Fangs‚ bremst sich gar bis in einen schleppenden Sludge aus. ‚Primary Explosive‚ stürmt in den rückkoppelnden Noise und ‚Loss‚ fängt ein frustriertes „Fuck“ aus dem Studio ein – stimmungstechnisch weiß die band einfach, was sie will. Spätestens wenn ‚Beautiful Death‚ sich zwischen Explosivität und Intimität ausbreitet oder das jammende ‚Hate You‚ sich verschwitzt in den Rock zurücklehnt, hat Carter seine Lektionen ohnedies gelernt und stellt ‚Blossom‚ bloß als Aufwärmrunde in Aussicht. Die rundherum geschickt rausgeschossenen Melodieführungen besorgen dann den Rest, auch wenn der Platte die eine oder andere Killersingle oder wirklich herausragende Hook sicher nicht geschadet hätte: Der Spaß an der Aggression ist zurück, das Feeling stimmt unterm Strich einfach. Mag die tongewordene Katharsis ‚Blossom‚ in der Entwicklung des Künstlers Carter deswegen auch vorerst ein klarer Rückschritt sein – es ist der wohl bestmögliche in die richtige Richtung.

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