Frank Carter & The Rattlesnakes – End of Suffering

von am 10. Mai 2019 in Album

Frank Carter & The Rattlesnakes – End of Suffering

Hinter dem Noctourniquet-Lookalike-Cover haben Frank Carter und seine Rattlesnakes mit End of Suffering das Album geschrieben, das all jene für die anstehende Tour mit den Foo Fighters an Bord holen sollte, die die Frühphasen der Arctic Monkeys und Queens of the Stone Age vermissen.

Oder adäquater: Gewissermaßen sollte das dritte Werk des ehemaligen Gallows-Brüllwürfels mit seiner (mittlerweile auch nicht mehr so) „neuen“ Kombo weniger wie ein proklamiertes Ende der Leidenszeit von Tranquility Blues Hotel + Casino und Villains-Gegnern zu verstehen sein, als vielmehr eine Aussöhnung mit den bereits so massentauglich gemeinten poppigen Tendenzen von Pure Love herbeiführen – nun aber eben um die vergleichsweise härteren Perspektive von Blossom und Modern Ruin aufgepeppt.
Die Punk- und Hardcore-Oberfläche der beiden Rattlesnakes-Vorgänger hat Carter dafür allerdings nahezu vollends in den Midtempo-Bereich ausgebremst, setzt auf stacksende Rhythmen sowie knackigere, breitbeinigere und bis in die Fuzz-Wüste blickende Stadionrock-Riffs (die dann eben nicht selten an die Begegnungsphase der Kombos von Alex Turner und Josh Homme erinnern, wie das sonst nur Royal Blood tun). Das baut die atmosphärische Breite im Songwriting dahinter aus, bring die Melodien zu funkeln, erfüllt aber seine wichtigste Agenda ohne Zurückhaltung: Carter kann die sofort eingängigen Ohrwürmer mit Pop-Appeal also doch, die massentauglichen Konsensnummern – ihm hat bisher nur die nötige Balance im Distanzgefühl dafür gefehlt.

So ist da jetzt zwar immer noch eine stets brodelnde innere Unruhe im plakativen Texter und Selbstdarsteller Carter, auch wenn man die erst mit den Rattlesnakes wiedergefundene, funkensprühende Energie im glatteren, verdaulicheren Sound der Mittenun  ein wenig vermissen kan. Selbst, wenn die wenigen aggressiveren Anzüge diesmal schaumgebremst und bemüht anmuten, weniger natürlich und näher am Pflichtprogramm als die restlichen Nummern wirken. Heartbreaker ist beispielsweise ein relativ direkt nach vorne gehender Tritt aufs Gaspedal, der unkomplizierten Spaß macht, aber so erschöpfend simpel durchschaubar gestrickt ist, dass man sich am Refrain nach drei Minuten mehr als satt gehört hat – bevor man ihn vergisst.
Gut also, dass Carter mit (nicht unbedingt weicher gewordener, aber zumindest ansatzweise weniger rau) schwelgender Stimme tatsächlich besser, weil gefühlvoller und nuancierter, singt als je zuvor, sich merklich in der neuen Umgebung seiner Rattlesnakes wohlfühlt. Die potentiellen Singles reihen sich so am Fließband auf.

Why a Butterfly Can’t Love a Spider baut seine Spannungen geduldig auf und kulminiert dann in einem Arctic Monkeys-Aufbegehren, das ihnen rund um Humbug eingeimpft wurde und nach AM ja mittlerweile brach liegt. Auch Tyrant Lizard King gibt des kompakten Rocker im Stoner-Millieu, der seinen trockenen Groove, den sengenden Gitarrensound und die sich schwergängigen Riffs um ein niemals restlos ausgelassen nach vorne ausbrechendes Motiv windet. Eine Ausrichtung, demr später Latex Dreams ebenso ungeniert blaugepaust folgen wird, wie das das ohne an die Lounge dankende, zackig kurbelnde Kitty Sucker.
Die Rattlesnakes machen eben keinen Hehl daraus, welche Marktnische sie hier bearbeiten, welche Ausrichtung sie nun adaptieren und welche Zielgruppe sie befriedigen wollen: Sie bieten sich als gepflegte Alternative ohne affektierte Pomade an, ohne den Pit zur asozial schwitzenden Saustall verkommen zu lassen. Trotzdem geht diese Rechnung ohne gravierendes Kalkül bis zu einem gewissen Grad auf, weil das extrem catchy gestrickte Songwriting von Carter und Kompagnon Dean Richardson hinter der eklektischen, manchmal auch sehr generischen Aufmachung effektiv und infektiös funktioniert.

Crowbar täuscht etwa kurz die Abzweigung in den Club an und mutiert dann doch zum ausgewiesenen Hit, der die richtigen Schrauben dreht, um in der nächsten Festivalsaison für ausgelassene Szenen zu sorgen. Das wirklich sehr feine Highlight Love Games knarzt hingegen am rumpelnden Robot Rock der Queens und mutiert zum klimpernden Stakatto-Beinahe-Soul-Crooner. Im entspannter zurückhaltende Anxiety pflegt die Band eine instrinsische Dringlichkeit mit liebenswürdiger Cuomo-Nonchalance, lehnt sich hinten raus an Where is My Mind an, wo das entschleunigt marschierende Angel Wings mit seinen brutzelnden Gitarren verprellten Weezer-Fans gefallen sollte, obwohl die so vielversprechende Nummer absolut keine Entwicklung zeigt, und letztendlich als intensivierende Nabelschau stagnierend langweilt. Durchaus symptomatisch. Super Villain staffiert sich noch eingängiger am Indie-Synth-Formatradio aus, ist aber ohne Tiefenwirkung ebenso pure gefällige Oberfläche, wie das repetitiv um eine überraschungsarme Idee zirkulierende Little Devil.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist leider längst klar, dass End of Suffering hinter der schnell an Bord holenden Fassade leider doch mit jeder voranschreitenden Minute mehr auf die Substanz und Reibungsfläche verzichtet, um die Handlungsweise seiner Absichten interessanter zu gestalten.

Zwar muss sich End of Suffering deswegen so in Summe vor seinem betörend die pathetische Einkehr findenden Schlusspunkt und Titelsong, der die latente Coolness zugunsten einer zärtlichen Intimität aufgibt, doch den Vorwurf gefallen lassen, ohne gravierende Ecken und Kanten (nach einem überraschen könnenden Erstkontakt) viel zu schnell erfasst zu sein, eine nur wenig nachhaltige Halbwertszeit zu hofieren, dessen kurzweiliges Momentum rasch übersättigen kann, ohne besonders viele erinnerungswürdig relevante Szenen im Langzeitgedächtnis zu platzieren.
Weniger Stromlinienförmigkeit wäre im sich so unter Wert erschöpfenden Ganzen gerade in der zweiten Hälfte der Platte fein gewesen. Doch eine Handvoll Hits für den Augenblick geben Carter mit der Entwicklung seiner Rattlesnakes nicht vollends Unrecht: Man kann aus dieser enorm schmissigen, Käuferschicht-erweiternden Platte in kleinen Dosen durchaus mehr Unterhaltungswert ziehen, als aus dem Gros der Veröffentlichungen, die der Engländer seit seinem Ausstieg bei Gallows fabriziert hat – auch wenn das morgen zu weiten Teilen ohne Belang sein wird.

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