Graveyard – Peace

von am 29. Mai 2018 in Album

Graveyard – Peace

Graveyard machen nach dem knapp viermonatigen Karriereende über den Jahreswechsel 2016/2017 also doch weiter. Das ist fein – auch wenn das revitalisierende Peace trotzdem nicht ganz verschleiern kann, dass rein künstlerisch inspirierte Ambitionen nicht die einzige Antriebsfeder hinter dem Quasi-Comeback der Vintage-Könige gewesen sein dürften.

Wenn das mittlerweile fünfte Studioalbum der Schweden sich schließlich etwas gefallen lassen muss, dann den Vorwurf, dass Peace in seinen 42 Minuten nicht immer restlos danach klingt, als hätte jeder einzelne der zehn Nummern unbedingt hinausmüssen, als hätte es das eigentlich schon beerdigte Ventil Graveyard für das aufgefahrene Material wieder bedingungslos gebraucht. Songs wie die entspannt heulende Middle of the Road-Single The Fox oder das einfach gestrickte, verdammt eingängige Cold Love gehen trotz viel Gefühl schlichtweg ohne kompromisslos hungrige Dringlichkeit zu souverän auf Nummer sicher, spulen das verinnerlichte Graveyard-Standardprogramm mit einer wenig berauschenden Gefälligkeit als gute Discografie-Ergänzungen ab.
Natürlich ist dem (personell nach einem Wechsel von Oskar Bergenheim hinter die – im Artwork unterbewusst thematisierte – Schießbude abermals umbesetzten) Quartett auch selbst nur zu bewusst, dass gerade auch diese qualitätskonstante Zuverlässigkeit den Genremarkt im Spannungsfeld aus Retro-, Hard- und Heavy Rock seit Hisingen Blues (2011) sowie dem minimal schwächeren Nachfolger Lights Out (2012) mit einer über der Konkurrenz stehenden Konsistenz bedient: Umbrüche oder Wagnisse wären ökonomisch unklug gewesen wäre.

Peace wirkt dennoch weniger wie eine von maktwirtschaftlichem Kalkül befeurte Beschäftigungstherapie zur Lebenserhaltung, als eben vielmehr wie ein zwar durchaus pflichtbewusster und wertkonservativ aber eben immer noch mit genug Leidenschaft angetriebener Dienst am Klientel – und mehr noch sich selbst. „Ich machte überhaupt keine Musik mehr. Ich kümmerte mich um meine Tochter und ging zur Arbeit“ erinnert sich Sänger Joakim Nilsson an die Monate mit Alltagsjob. „Für ein paar Wochen war das ganz okay – aber ich war noch nie ein Frühaufsteher. Auch auf dem Weg zur Arbeit stundenlang im Stau zu sitzen, macht nicht unbedingt Spaß„.  Erfahrungen, die Perspektiven geraderückten, die Freude an der Sache wieder erweckten und nun auch einmal mehr unterstreichen, dass Graveyard einfach immer noch verdammt gut indem sind, was sie tun – mag man vieles auch bereits eindrucksvoller und mitreißender von den Skandinaviern serviert bekommen haben.
Dafür spricht alleine schon, wenn Peace in seinen stärksten Momenten den direkten Vorgänger Innocence & Decadence hinsichtlich einzelner Highlights sogar latent übertrumpft und zumindest in diesen Passagen mühelos über die generische Verwalterplatte hinauswächst, die ihre Bausteine mit verinnerlichter Selbstverständlichkeit maßschneidert.

Dann singt Truls Mörck etwa die bluesig entschleunigte Ballade See The Day sowie das ungeniert luftig Richtung Jimi Hendrix flowerpowernd-scheppernde Bird of Paradise und sorgt damit für eine weiche Abwechslung im Gefüge. Oder zeigt Please Don’t als wuchtiger Rocker die Muskeln der verspielt polternden Rhythmussektion und provoziert einen psychedelisch unterspülten Ausritt, der die unverkrampfte Angriffslust von Graveyard durchaus deutlicher einfängt, als das energische Statement, dass der relativ eindimensionale Opener It Ain’t Over Yet abgibt.
A Sign Of Peace peitscht dagegen mit giftigen Riff nach vorne und wird live abgehen wie Kerosin – nicht erst dann wird man auch genüsslich darüber hinwegblicken können, dass dem Songwriting ohne Rikard Edlund weiterhin ganz allgemein die tatsächlich magischen Momente fehlen und die digitale Aufnahme von Produzent Chips Kiesbye den organischen Sound von Don Ahlsterberg subjektiv nicht ersetzen kann.
Dafür gibt es aber auch (bedingt ikonische) Sternstunden wie das überragende Walk On, das mit immenser Spannung wie ein unter enormen Druck stehendes Pulverfass brodelt, und seine Dynamiken zwar nicht detonieren lässt, aber in famosen Melodiebögen umschichtet. Oder das erst munter kurbelnde, dann immer epischer ausufernde Low (I Wouldn’t Mind), das sich als Closer zu einer jamlastigen Größe aufschwingt, die höchstens ein wenig zu hemmungslos verglüht und bei all der grundlegenden Klasse eben einfach niemandem mehr etwas beweisen muss. Vielleicht lassen auch derartige Kleinigkeiten nicht mehr die exzessive Euphorie der besten Graveyard-Discografie-Sahnstücke aufkommen. Doch war es absolut kein Fehler, die überhastet verkündete Bandauflösung auszusitzen und zurückzunehmen. Peace ist eine über weite Strecken die zufriedenstellende Routinearbeit an der Speerspitze, allerdings ohne eklatante Abnutzungs- oder Ermüdungserscheinungen:  Graveyard klingen sogar wieder im das Quäntchen vitaler, als noch 2015.

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