Haunter – Discarnate Ails

von am 25. Mai 2022 in Album

Haunter – Discarnate Ails

Eher Kaninchenloch als Lavyrinth: Unter Mithilfe von Mix-Mann Arthur Rizk destillieren Haunter ihren progressiven Bastard aus Black und Death Metal, weiten ihn auf dem nimmermüden Leviathan Discarnate Ails aber gleichzeitig auch aus.

Gefühlt etwas heavier und latent dissonanter ausgelegt als bisher haben die Texaner – Enrique Bonilla (guitar, vocals), Jose Centeno, Frank Pepino, Mark Cruz (drums), Bradley Tiffin (bass, vocals) – ihre Erscheinungsform drei Jahre nach Sacramental Death Qualia auch strukturell mutieren lassen: Zwei überlange Song-Membrane umklammern das knapp siebenminütige Herzstück Spiritual Illness, das sich erst  lange Zeit nimmt, um sich räumlich auszubreiten, bevor die Band im Zentrum der Platte gefühlt tatsächlich griffiger und fokussierter durch ihre Melange growlt, die manchmal fast psychedelisch im Hall geifert dann wieder atonal groovend die Harmonien dämonisch verbiegt, wenn die Dynamiken im Sound straighter hämmern und ja, sogar kurzzeitig regelrecht schwelgen.

Ekstatischer und existentieller ist aber, was die längst weit von ihren Screamo-Anfängen operierende Band in der exzessiven, elaborierten Klammer Drumherum exerziert – und der Fatalismus der Haunter‘schen Evolution seine Blüten treiben kann.
Overgrown With the Moss eröffnet dafür zwar mit einem atmosphärischen Gitarrengeplänkel, das aber primär dadurch exemplarisch ist, weil sich entlang spastischer Strukturen stets eine abstrakte Schönheit zwischen diesem Minenfeld einer Platte finden lässt: Haunter blasten plötzlich so giftig wie melodisch mit epischen Leads, tackern grölend und nehmen sich wieder stimmungsvoll ambient zurück, zelebrieren das unberechenbare Wechselspiel der Dynamik, beschwörend im Hall oder rasend von der Tarantel gestochen. Das Songwriting ändert seine Ausrichtung immer wieder, doch tut der Fleischwolf aus tollen Ideen, Harmonien und Riffs dies durchaus organisch, wirkt als Kaleidoskop nicht wie eine wahllos verschenkte Kaskade aus Einzelszenen, sondern eher wie ein Biotop im Zeitraffer, dessen Motive vorbei geprescht sind, bevor man sie richtig erfassen kann.

Genau darin liegt der polarisierende Reiz der Platte, deren überlegtes Chaos aus abrupten Wendungen, Sackgassen und Mutationen sicher auch als hyperaktiv verkettete Momentaufnahmen frustrieren kann. Doch sind die schlüssig verschweißten Fragmente alleine für sich genommen verdammt stark und haben auch genug System, um jenseits der Skizzenhaftigkeit schwindelig zu machen und Referenzen wie Ulcerate, Suffering Hour oder (zumindest in den letzten Sekunden von Overgrown With the Moss auch) Deathspell Omega mitzunehmen, obgleich sich die Amerikaner dabei gelegentlich schon auchin einigen Malen-nach-Zahlen-Passagen vertändeln.
Weil auch das vielleicht sogar noch stärkere Chained at the Helm of the Eschaton sein Tempo zwischen brütender Heaviness und manisch sprintend so zwingend variiert, seine Gitarren variabel von atonal funkelnder Scharfkantigkeit zur monumental bedrohlich Epik führt, und über seinen Weg kompakt riffende Stafetten ebenso zulässt wie eine sich elegisch windende Dramatik, bekommt der Strom aus Eindrücken auch eine Vielschichtigkeit, die nach nur 32 Minuten Gesamtspielzeit auch beinahe den Eindruck aufwiegt, nicht gänzlich satt von der abrupten Kurzweiligkeit geworden zu sein.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen