How to Destroy Angels – An Omen

von am 15. November 2012 in EP

How to Destroy Angels – An Omen

Allerhand Neuigkeiten gibt es aus dem Hause Reznor. Am konkretesten: die lange angekündigte zweite EP seines aktuell zur Hauptband erhobenen Nebenprojekts. Auf ‚An Omen‚ verabsäumen How to Destroy Angels dabei abermals, sich tatsächlich vom alles überscheinenden Mutterschiff Nine Inch Nails abzudocken.

Die Emanzipation vom mittlerweile wohl bedenkenlos als „klassischen“ Reznor-Sound einzustufenden Klangbild – sie findet auch auf ‚An Omen‚ keinen Platz. Allerhöchstens in den sieben Minuten von ‚Ice Age‚, in der How to Destroy Angels das einzige Mal annähernd den Versuch andeuten, aus dem Korsett aus unstetigen Knisterbeats, schiebenden Soundflächen und sorgsam unter tausend unsichtbar schimmernden Klangspielereien und Produktionsfinessen matt hervorschimmernden Melodieansätzen auszubrechen. Hier jongliert Samtstimme Mariqueen Maandig in edelster Anumt über leise polternde Seeufer-Gitarren, die viel eher nach Mississippi-Banjo klingen. How to Destroy Angels lichten hier ihren Sound für ein musikalischen Grundgerüst, dass so auch Grizzly Bear oder Fleetwood Mac gute Dienste leisten hätte können, freilich aus dem düsteren Zwielicht betrachtet, in dem alle Reznor-Songs zu wachsen beginnen.

Damit steht ‚Ice Age‚ zwar an der Spitze, was die offensive Freundlichkeit der sechs neuen Stücke angeht, aber auch durchaus stellvertretend für eine generelle Brise Zugluft, die zumindest ein wenig Sonnenschein durch ‚An Omen‚ trägt: eine derart unheilserwartende Klaustrophobie-Kaskade wie der selbstbetitelte Einstand von 2010 ist die zweite EP der Band jedenfalls nicht geworden, selbst wenn die vibrierenden Synthesizer auch diesmal wieder vom Ende der Welt erzählen. Dazu lässt sich auch Reznor selbst immer öfter vor das Mikro treiben, freilich ohne der meist als Ankerpunkt im Klangmeer fungierenden Mariqueen Maandig das Scheinwerferlicht abseits der unmissverständlichen Produktionhandschrift streitig zu machen. Am bestechendsten gelingt das dem durch Langzeit-Intimus Atticus Ross und (dem auch hier sein NIN-Trademark ausspielenden) Art-Director Rob Sheridan vervollständigten Quartett im überraschungsarmen, aber hypnotisch nervös klickenden Frickel-Roboter-Pulsschlag von ‚Keep it Together‚, dass seine behende Melodiefolge traumähnlich weich über die verquere Rhythmik fließen lässt, mit tiefen Erdbebenbässen vibriert.

Abseits davon ist ‚An Omen‚ jedoch „nurBusiness as usual geworden. Wer das Nine Inch Nails Experimentalwerk ‚Ghosts I-IV‚ mit den Soundtrackarbeit zu den Fincher-Filmen ‚The Social Network‚ und ‚The Girl With The Dragon Tattoo‚ durchmischt und mit weiblichen Gesanglinien abschmeckt, welche das Aggressionspotential Reznors gegen eine betörende, geradezu exotische Anschmiegsamkeit getauscht haben, wird immer noch blindlings ganz in der Nähe von How to Destroy Angels landen. Immer ist das auf unterkühlte Art warm und zerbrechlich, gleichzeitig aber so unheimlich unnnahbar. ‚On the Wing‚ zerschwurbelt eine an ‚I Can See Clearly Now‚ angelehnte Melodie über ein tausendmal gehörtes Szenario, das zaghaft perlende Mollpiano lässt endgültig wohlige Gefühle entstehen. Die bedingungslose Dekonstruktion von vorhandenen Pop-Elementen spitzt sich auch in ‚The Sleep of Reason Produces Monsters‚ zu, ein traumwandlerisch erschaffener Reznor-Standart, mehr Score als Song, ätherisch und ohne klaren Gesang.

Das sich monoton wiederholende  Rock-Versatzstück ‚The Loop Closes‚ rückt den Sänger Reznor in der Vordergrund, hätte so auch auf einer Alternativ-Version von ‚The Slip‚ stattfinden können, ‚Speaking in Tongues‚ ist dann der meditative Stammesgesang einer Internetreligion. Kurzum: How to Destroy Angels haben immer noch keine eigene Handschrift gefunden, zu prägend ist der Stempel von Reznor und Ross. Das wertet ‚An Omen‚ nur dann ab, wenn man der EP ankreidet, dass sie zu mehr als der Hälfte ihrer Spielzeit auch gut und gerne als neues Nine Inch Nails Material durchgehen würde, die Sinnhaftigkeit hinter der Spielwiese How to Destroy Angels weiterhin in Frage steht.  Was man nun davon halten soll, dass die Songs dieser EP auch auf dem wegen qualitativer Bedenken auf nächstes Jahr verschobenen Debütalbum zu finden sein sollen, diese Frage darf man sich bis dahin aufsparen. Denn auf EP-Länge funktionieren die sechs Songs in sich stimmig, wer am in Ambient-Feldern grasenden Reznor immer schon Freude haben konnte, wird auch ‚An Omen‚ begrüßen. Soundfetischisten ohnedies – mehr Freude über Kopfhörer  hatte man 2012 jedenfalls an kaum einer Platte.

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