Mono – Snowdrop

von am 18. Juni 2026 in Album

Mono – Snowdrop

Dass Mono auf Snowdrop ein wenig verloren zwischen purer Komfortzonen-Formelhaftigkeit und unentschlossenen Neujustierungen der Perspektiven wirken, ist schon nachvollziehbar: Den Verlust ihres Stamm-Produzenten und Freundes Steve Albini kann die japanische Postrock-Band nicht einfach so wegstecken.

Die 2024 verstorbene Legende war schließlich seit rund 20 Jahren mit Ausnahme von  (For My Parents, The Last Dawn und Rays of Darkness für die Aufnahme jedes Mono-Album zuständig.
In die Rolle des Produzenten schlüpft nun Brad Wood (Touché Amoré, Sunn O))), The Smashing Pumpkins) – seines Zeichens selbst ein langjähriger Wegbegleiter von Albini -, der die Band abermals in den Electrical Audio Studios von Chicago aufgenommen und so in vertrauter Umgebung eine soundtechnische Kontinuität sichergestellt hat, in der Mono ihren Trennungsschmerz verarbeiten wollten: Jeder Songtitel des Albums verweist auf die „Sprache der Blumen“ und „symbolisiert Abschied, Erinnerung und das Weiterleben im Licht„.
Wo die inhaltliche Ebene damit klar fokussiert ist, ist es die grundlegende Ausrichtung von Snowdrop darüber hinaus jedoch nicht zwangsläufig.

Denn im weitesten Sinne ist Langspieler Nummer 13 zwar ein Werk im Autopilot. Dafür sorgt schon der Einstieg mit dem Titelstück als Weichensteller, indem das Quartett aus Tokyo den Faden der bisherigen Diskografie demonstrativ so nahtlos und unbedingt typisch im bewährten Rahmen aufnimmt, dass selbst dem loyalsten Anhänger der asiatischen Genre-Band entlang des 08/15-Baukasten aus schon unzählige Male so ähnlich aufbereiteten Streichern, Crescendos und Tremolo-Spannungsbögen vor lauter Vorhersehbarkeit und Austauschbarkeit ein wohlwollendes Gähnen entfläuchen könnte.
Danach tändeln Mono (mitsamt Dirigent Chad McCullough und einem zehnköpfigen Orchester sowie achtköpfigen Chor) innerhalb dieser markierten Komfortzone jedoch in unterschiedlich gewichteten Schattierungen durch ihr Patentrezept aus nostalgischer Majestät, euphorischer Melancholie und hoffnungsvollem Weltschmerz, der sich natürlich auch auf die Zuverlässigkeit einer grundlegenden Klasse verlassen kann.

Im direkter ausgerichteten Winter Daphne deuten die Gitarren beinahe eine metallischere Kante an, was der Nummer ebenso wie dem gut akzentuierten, zurückgenommenen Piano-Ausgangspunkt Hedera ein latentes Mogwai-Flair verleiht – ohne deswegen auch nur ansatzweise einen Bruch zum vertrauten Business as usual zu provozieren.
Das gilt auch für die beiden Nummern, in denen Mono einer Symbiose mit Sigur Rós so nahe wie nie zuvor kommen.
Zum ersten ist da Gerbera, dessen optimistischer Aufbruchstimmung man sich mit seinen ätherisch-choralen Antrieb kaum entziehen kann. Selbst wenn die Nummer natürlich zur kitschigen Sentimentalität neigt, die das Artwork der Platte garantiert. Und auch wenn es schade ist, dass die treibendpolternden Drums nicht ein bisschen knackiger zupacken dürfen, und das sich aufschaukelnde Wogen eine Steigerung suggeriert, ohne eine tatsächliche Entwicklung zu zeigen, derweil eine kurze Entladung zum Finale kein wirklicher Höhepunkt der Katharsis sein will.
Und zum zweiten gibt es Bells of Ireland, das vom Klavier ausgehend von warmen, weichen Arrangements so behutsam hinfortgetragen wird und ruhig und zurückhaltend bleibt, obwohl Mono sich hier vielleicht zum ersten Mal in dieser Klarheit auf die andere Seite der Grenze zwischen Postrock und Score gezaubert haben.

Anderswo wäre so viel Konsequenz wünschenswert gewesen. Statice fängt als Ruhe nach dem positiven Sturm etwa verfremdete Gesänge und Interferenzen auf seinem entspannten Weg durch das All auf, doch bleiben diese ebenso ausschmückende Staffage wie der lautmalender Chor, der seinen Horizont nicht darüber hinauslenkt, das Gitarrenperlen möglichst deckungsgleich zu begleiten, derweil kompositorisch wenig passiert. Shion ist ein netter Standard mit lockerem Beat, der seine Indie Rock-Nonchalance in den Texturen fließen lässt, um in der wattierten Atmosphäre zu groovend und letztlich Art unvermittelt den Stecker zu ziehen. Auch das wie eine entspannter Easy Listening/ Chill Out-Variation angelegte Farewell to Spring pflegt nur eine Art ästhetisch funktionale Oberflächlichkeit und kann keine markante Präsenz im Abgang entfachen.
Wodurch Snowdrop ein bisschen die Aura eines sich nicht von alten Gewohnheiten lösen wollenden Übergangswerks bekommt, das im Zweifelsfall stets auf Nummer Sicher geht. Was man der Band angesichts der Umstände allerdings durchgehen lässt. Alleine schon deswegen auch, weil sich die 50 Minuten trotzdem/ gerade deswegen reibungslos in die bisherige Diskografie der Japaner einfügen.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen